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An Afghan man cross a polluted river in Kabul, Afghanistan.
Musadeq Sadeq/AP
Gesundheit

Die Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten in Zeiten von COVID-19

Warum das wichtig ist
Jeder fünfte Mensch weltweit leidet an einer Krankheit, die wir mittlerweile vermeiden oder behandeln können. Die sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten (kurz: NTDS) können zu lebenslangen körperlichen und mentalen Behinderungen führen. Von den weltweit 1,5 Milliarden Betroffenen lebt der Großteil in Armut. Nutze deine Stimme und setze dich hier mit uns für den gerechten Zugang zu Gesundheitsversorgung weltweit ein.

2020 sollte ein entscheidendes Jahr für den Sieg über Krankheiten werden, die wir längst vermeiden können – und unter denen trotzdem 1,5 Milliarden Menschen weltweit leiden. Doch dann brach COVID-19 aus – und die Aufmerksamkeit der Welt für die sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten (kurz: NTDs) erlosch.

Dabei startete das Jahr vielversprechend: Am 30. Januar wurde der erste internationale Welt-NTD-Tag gefeiert. Hier wurden Regierungen weltweit dazu aufgefordert, sich stärker für globale Gesundheit zu engagieren und NTDs ein für alle Mal zu überwinden. Ein weiterer Meilenstein war zudem Ende Juni geplant: Hier sollte das weltweit erste Gipfeltreffen im Kampf gegen NTDs in der Hauptstadt Ugandas Kigali stattfinden. Durch wegen der COVID-19-Pandemie musste die Konferenz ausfallen – ein neuer Termin steht noch aus.

Was sind NTDs?

Diese Rückschläge stellen jeden fünften Menschen auf dieser Welt vor große gesundheitliche Herausforderungen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es 20 vernachlässigte Krankheiten, die meist in den Tropen auftreten und im globalen Norden oftmals völlig unbekannt sind. Diese Tropenkrankheiten gelten als vernachlässigt, weil wir ihnen mittlerweile präventiv begegnen können – und dennoch jedes Jahr rund 200.000 bis 500.000 Menschen an einer vernachlässigten Tropenkrankheit sterben.

Dafür gibt es zwei zentrale Ursachen: Zum Einen fehlt es Betroffenen an Geld oder am Zugang zu einer ausreichenden Gesundheitsversorgung. Zum Anderen lebt der Großteil der Infizierten in Armut, weshalb jene Krankheiten auch als Armutskrankheitenbezeichnet werden. Da in Armut lebende Menschen oft ohne sauberes Wasser und sanitäre Anlagen auskommen müssen, sind sie einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Denn viele der hoch infektiösen Parasiten, Bakterien und Viren werden über verunreinigtes Wasser übertragen.

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Der Kampf gegen NTDs braucht lokale Lösungen und mehr Gemeindearbeit

Um diese Ursachen und Hürden direkt und lokal zu bekämpfen, sollte auf dem geplanten Gipfeltreffen in Kigali zudem eine wichtige Roadmap verabschiedet werden. Auf einer Videokonferenz des deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs) im Juni beschreibt der NTD-Experte und Augenarzt Martin Kollmann die neue Roadmap als einen “Paradigmenwechsel, hin zu ganzheitlichen, intersektoralen Ansätzen”. Diese würde vor allem auf Gemeindearbeit und lokal angepasste Lö­­sungen setzen – laut Kollmann einer der wichtigsten Maßnahmen, um Gesundheitssysteme langfristig resilienter zu machen. Da die Roadmap nun nicht verabschiedet werden konnte, sei “die jetzige Verzögerung daher umso schwerwiegender”, so Kollmann laut Ärzteblatt.

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Des Weiteren sollte auf der weltweit ersten internationalen NTD-Konferenz die London Deklaration von 2012 verlängert werden. Diese Vereinbarung legte wichtige Medi­ka­mentenspenden von Phar­maherstellern fest, von denen nun 13 zentrale Verträge ausgelaufen sind. Zwar würden viele beteiligte Partner weiterhin Medikamente spenden. Dies müsse laut Expert*innen allerdings reibungslos weitergehen, da die NTD-Medikamente sonst drohen, abzulaufen.

NTDs als wichtiger Indikator für Gesundheitssysteme weltweit

Die Pandemie erschwert den Einsatz gegen NTDs zusätzlich. Laut Kollmann habe die WHO aktuell die meisten ihrer NTD-Hilfsprogramme pausieren müssen. Dies betreffe auch hier vor allem die Vertei­lun­g von Medikamenten. Die zeitnahe Wiederaufnahme dieser wichtigen lokalen Initiativen sei jedoch essentiell, um etwa Haus-zu-Haus-Verteilungen von Medikamenten und -Aufklärung durchzuführen, so Kollmann.

Bezüglich der Einschätzung von Gesundheitssystemen könnten NTDs zudem eine Schlüsselrolle spielen. So gibt die Verbreitung der Krankheiten wichtige Aufschlüsse darüber, wo bei der Gesundheitsversorgung und Infrastruktur nachgebessert werden muss. Daher sollten sie auch bei der Armutsbekämpfung und Entwicklungszusammenarbeit in Zukunft einen zentralen Indikator für Investitionen darstellen.

Dafür spricht sich unter anderem Georg Kippels (CDU), Bundestagsabgeordneter und Sprecher des parlamentarischen Beirates zur Bekämpfung der vernachlässigten Tropenkrankheiten und zur Stärkung der Gesundheitssysteme aus. “Tatsache ist jetzt, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, dass es in Entwicklungsländern und Industrieländern getrennte Gesundheitsprobleme gibt. Es gibt einen Infektionsaustausch in alle Richtungen”, so Kippels über die angestrebte Reform der deutschen Entwicklungspolitik.