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Dieser geniale Instagram- Account will den Blick auf Afrika verändern

Face-off in buns and florals. Two models backstage during Africa Fashion Week in Lagos, Nigeria. @yagazieemezi

Kurzes Gedankenexperiment: Stellen wir uns ein Afrika vor, wo Schüler auf iPads spielen, wo Mädchen in Schwimmbädern von hohen Springtürmen ins Becken springen und wo Menschen aufgeregt und gut gelaunt zum neuesten Poetry Slam Festival zusammenkommen. Solche Szenen sieht man in der Regel kaum bis gar nicht in den westlichen Medien, wenn über Afrika berichtet wird. Dabei gehören sie genauso zu Afrika wie die Bilder, die man vom Kontinent kennt.

Der Instagram-Account "Everyday Africa" will die stereotypischen Vorstellungen der Welt über Afrika grundlegend ändern, in dem mit jedem einzelnen Post die bisherigen Vorstellungen aufgerüttelt werden.

"Der Kernpunkt des Projekts ist es, über diese Stereotypen, die der Welt Schaden zufügen, hinwegzukommen“, erzählt Austin Miller, Mitbegründer des Accounts, Journalist und Industrie-Insider gegenüber Global Citizen. "Afrika ist weitestgehend als ein von Armut, Konflikten und Krankheiten heimgesuchter Ort bekannt. Der Account ist ein Versuch, gegen solche Wahrnehmungen anzugehen. Wir versuchen, einen Weg zu finden, um der Welt den Alltag Afrikas in seiner wunderschönen Art und Weise näher zu bringen.“

Im Sommer 2017 hat die Gruppe hinter dem Account sogar ein Buch mit 250 der schönsten Bilder veröffentlicht: "Everyday Africa: 30 Photographers Re-Picturing a Continent".

Die Idee zum Instagram-Account entstand während eines Fotoshoots in Westafrika im Jahr 2012. Dort haben Merrill und sein Mitbegründer, der Fotograf Peter DiCampo, einmal ihre Linse von den Flüchtlingen und den Opfern des jahrzehntelangen Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste weggedreht und stattdessen Szenen aus dem ganz normalen Alltag in den Fokus gesetzt.

Taking selfies in Lagos, Nigeria. @andrewesiebo

Taking selfies in Lagos, Nigeria. @andrewesiebo

The Ken Fac troupe, from Kensington, marched through the streets of Parkwood before attending the final completion of the 2013 Minstrel Carnival in Athlone, Cape Town, South Africa.  @charlieshoemaker

The Ken Fac troupe, from Kensington, marched through the streets of Parkwood before attending the final completion of the 2013 Minstrel Carnival in Athlone, Cape Town, South Africa. @charlieshoemaker

Three boys from the junior school of Aga Khan Academy in Mombasa, Kenya, race on the school’s track before the morning assembly. @austin_merrill

Three boys from the junior school of Aga Khan Academy in Mombasa, Kenya, race on the school’s track before the morning assembly. @austin_merrill

Children playing in a village near Zaria, Nigeria. @malinfezehai

Children playing in a village near Zaria, Nigeria. @malinfezehai

A female boxer trains inside a makeshift gym in Katanga, Kampala, Uganda. @edward_echwalu

A female boxer trains inside a makeshift gym in Katanga, Kampala, Uganda. @edward_echwalu

"Wir haben das fotografiert, was bisher kaum jemand fotografiert hat”, sagt Merrill. "Und trotzdem hatten wir die ganze Zeit über das Gefühl, dass wir eigentlich an einer Story über Flüchtlinge, Kriegsverbrechen oder sonstige Krisen arbeiten sollten. Denn das ist ja bisher die bekannte Norm." Der wollten sie allerdings nicht mehr folgen.

Beide haben zuvor jahrelang in Westafrika als Journalisten und ehemalige Freiwillige des amerikanischen Peace Corps gelebt. Deshalb wissen sie auch, dass "die meisten Menschen in Westafrika ein ziemlich normales Leben” führen.

Der Kontinent Afrika ist größer als China, Indien, die USA und und der größte Teil Europas zusammen - und mit 54 Ländern und über 2.000 Sprachen enorm vielfältig. Fotografen aus westlichen Ländern haben bei ihren Fotoshoots in Afrika aber oft die Tendenz, die Vielfalt der Kulturen und Länder zu verallgemeinern und Geschichten zu erzählen, die sich nur um Armut, Krankheiten und Krieg drehen.

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Aus diesem Grund hat das Team von 35 Fotografen - sowohl Afrikaner als auch internationale Korrespondenten - unermüdlich daran gearbeitet, Geschichten zu finden, an die jeder anknüpfen kann. Das  Buch, in dem rund 40 Länder des Kontinents vertreten sind, ist ein Versuch, ihre bisherigen Leistungen auf Papier zu bringen.

Der Instagram-Account hat für große Aufmerksamkeit gesorgt und Follower kommentierten fleißig jeden einzelnen Post. Aus diesem Grund hatte sich das Team auch dazu entschieden, Kommentare mit in das Buch aufzunehmen.

"Man kann dabei oft feststellen, dass die negativen Reaktionen häufig gar nichts mit den Bildern an sich zu tun haben“, meinte Merrill. "Vielmehr hat es mit den Einstellungen zu tun, die die Leute hinter den Kommentaren haben.“

Ein Foto von einer Gruppe von Kindern, die seilspringen, hat zum Beispiel folgende Reaktion hervorgerufen: "Warum werden Afrikaner so schlecht behandelt?“

Ein dunkles Bild von einem Jungen, dessen Gesicht von dem Schein seines iPads erleuchtet wird, hat sofort eine Diskussion über die technologische Entwicklung in Westafrika hervorgerufen, nachdem jemand gefragt hat, ob iPads in Ghana denn überhaupt "üblich seien“. Ein anderer Follower hat zwei Jungen, die sich ihre Kopfhörer teilen, als "Darkies“ bezeichnet.

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In dem Buch sind die Kommentare absichtlich von den Bildern getrennt, damit der Leser Raum hat, sich seine eigene Meinung zu bilden.

Vor ca. 3 Jahren haben die Gründer des Everyday-Africa-Accounts dann festgestellt, dass inzwischen ähnliche "Everyday-Instagram-Accounts“ in Asien, dem Mittleren Osten, Osteuropa und Südamerika eröffnet wurden. Sie nahmen mit den anderen Account-Managern Kontakt auf und trafen sich schließlich 2015 in New York, um die gemeinnützige Organisation "Everyday Projects“ zu gründen.

Seitdem haben sich die verschiedenen Accounts nicht nur auf die geographischen Stereotypen konzentriert, sondern auch auf die verschiedenen gesellschaftlichen Herausforderungen – von Gefangennahme über Klimawandel bis hin zu verschiedenen Religionen.

"Wir bemühen uns, eine weltumfassende Gemeinde von Menschen zu schaffen, die Geschichten von Orten und Herausforderungen erzählen“, meint Merrill.

Und jetzt bringen sie diese Geschichten sogar in die amerikanischen Klassenzimmer.

2014 hat die Organisation finanzielle Unterstützung von der "Open Society Foundation“ bekommen, damit sie ein Kursprogramm erstellen und für die Kinder in der South Bronx, New York, Workshops in der Mittel- und Oberstufe durchführen können.

"Jeden Workshop beginnen wir mit derselben Art von Frage: Woran denkst du, wenn wir das Wort ‘Afrika’ sagen? Und Kinder schleudern uns sofort die Worte: ‘Sklaverei’, ‘Krankheiten’ und ‘Krieg’ entgegen“, erzählt Merrill. "Wir unterhalten uns darüber, warum wir dieses Bild von diesem Teil der Welt haben und wie Journalismus, Filme und TV-Werbung darauf Einfluss nehmen.“

Danach stehen die amerikanischen Schüler selbst im Mittelpunkt. Die Leiter der Workshops fragen sie, mit welchen Stereotypen sie selbst zu kämpfen haben. Dann gehen sie mit den Schülern in die Gemeinden rund um die South Bronx und machen gemeinsam Fotos.

Seitdem hat Everyday Africa weitere Programme und Stundenpläne für Schulklassen in Washington DC, Chicago, San Francisco und Atlanta ins Leben gerufen.

"Ich glaube das Problem ist, dass man viel zu oft dann an Afrika denkt, wenn jemand im Westen wieder eine Geschichte über Konflikte oder Hungersnöte oder Korruption in Afrika gesehen hat. Das lockt nur noch eine Art Schulterzucken hervor. So in der Art ‘Tja, das ist wirklich schlimm, aber so ist es dort eben’ oder ‘So ist das Leben dort nun mal’”, sagt Merrill. "Wenn Everyday Africa beweisen kann, dass das, was man in den Zeitungen liest, nicht das normale Leben ist und wenn dort schreckliche Dinge geschehen, es für die Menschen dort genauso verheerend ist, wie für die Menschen im Westen...dann können wir uns hoffentlich gegenseitig besser verstehen und miteinander arbeiten.”