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Frauenrechte

Mythos Jungfräulichkeit: Warum das Jungfernhäutchen reine Erfindung ist

Warum das wichtig ist:
Der Begriff der Jungfräulichkeit ist ein kulturelles Konzept ohne medizinische Grundlage. Dennoch hält er sich hartnäckig und unterdrückt Frauen und Mädchen weltweit in ihrer sexuellen Selbstbestimmung. Um Gleichberechtigung weltweit voranzutreiben, müssen diskriminierende Begriffe abgeschafft und Frauen in ihren Rechten gestärkt werden. Setz dich hier mit uns für Gleichberechtigung weltweit ein.

Wer nach der männlichen Version des Wortes Jungfrau sucht, der sucht vergeblich. Denn dieser Begriff wurde für Frauen erfunden. Junge Frauen – um genau zu sein. Und auch wenn dieses Wort vereinzelt auf junge Männer angewendet wird, ist der entscheidende Unterschied die gesellschaftliche Dimension, mit der Frauen und Mädchen weltweit durch das kulturelle Konzept der Jungfräulichkeit diskriminiert werden.

Warum wir Hymen anstatt Jungfernhäutchen sagen sollten

Und genau das ist der springende Punkt: Jungfräulichkeit ist ein Konzept, eine reine Erfindung. Sie ist anatomisch nicht nachweisbar. Das sogenannte Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, ist kein Häutchen, das reißen kann. Es ist vielmehr ein dünner Gewebekranz, der wie ein zerknäultes Haargummi aussieht und ähnlich dehnbar ist. Die Vorstellung, dass Frauen beim ersten Geschlechtsverkehr bluten, weil ihr Jungfernhäutchen reißt, ist daher nicht nur irreführend, sondern medizinisch falsch.

Wenn Frauen bei dem ersten Geschlechtsverkehr bluten – und das tun rund 60 Prozent – dann, weil sie am Hymen oder innerlich verletzt wurden. Das Hymen verschließt den Eingang der Vagina nicht, sonst könnten junge Mädchen während ihrer Periode nicht bluten. Eigentlich logisch, oder?

Ein kulturelles Konzept, das Kinderehen fördert

Leider halten sich kulturelle Vorstellungen oft hartnäckig. Denn das Konzept der sogenannten Jungfräulichkeit erfüllt einen machtpolitischen Zweck. Es definiert die Trennung des Mädchens von der Frau. Und legt ihren Wert fest.

Denn in vielen Religionen und Kulturen gelten “Jungfrauen” – also Mädchen, die noch keinen Sex hatten – als rein und ehrbar. Diese Assoziation verfolgt vor allem einen ökonomischen Nutzen, denn sie erzielen auf dem Heiratsmarkt ein höheres Preisgeld. Zudem ist die Jungfräulichkeit eines Mädchens oft die Bedingung für das Zustandekommen einer Heirat. Das wiederum verleitet Familien nicht selten aus der Not heraus dazu, ihre Töchter möglichst jung – und demnach noch als Jungfrauen – zu verheiraten. Kinderehen und Zwangsheiraten sind oft die Folge und damit eine Form der modernen Sklaverei, wie die Vereinten Nationen warnen.

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Genitalverstümmelung gegen Geld

Doch auch vor dem Gesetz werden junge Frauen mit Hilfe der Jungfräulichkeit diskriminiert. In einigen islamisch geprägten Ländern müssen Mädchen auf der Heiratsurkunde angeben, ob sie noch Jungfrauen sind oder nicht. Männer müssen dies hingegen nicht. Dass dieses Vorgehen ein Eingriff in die Privatsphäre der Frau ist, entschied zuletzt ein oberstes Gericht in Bangladesch. Hier wurde das Wort Jungfrau auf der Heiratsurkunde nun mit dem Begriff “unverheiratet” ersetzt.

Doch diese noch immer weit verbreitete Stigmatisierung führt dazu, dass viele Frauen und Mädchen Angst vor der ersten Hochzeitsnacht haben. Damit sie in jedem Fall als Jungfrauen gelten und als Beweis ein blutiges Laken vorzeigen können, unterziehen sie sich oft kostspieligen Intimoperationen, um etwas “wiederherzustellen”, dass es nie gab. Die Hymenrekonstruktion ist demnach ein Eingriff ohne medizinischen Indikation und kann somit als eine Form weiblicher Genitalverstümmelung verstanden werden.

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Keine Gleichberechtigung ohne sexuelle Selbstbestimmung

Der Begriff der Jungfräulichkeit setzt Mädchen und Frauen demnach rund um die Welt unter Druck. Er stellt sie unter die Beweispflicht ihrer eigenen Ehrbarkeit. Und er lässt sie wehrlos und machtlos wirken – denn Jungfrauen sind meist Kinder, die noch keine eigene Entscheidungsmacht besitzen.

Damit Frauen weltweit sexuell selbstbestimmt und gleichberechtigt sind, muss das kulturelle Konzept der Jungfräulichkeit überwunden werden. Ein erster Schritt dahin: Beide Worte – Jungfrau und Jungfernhäutchen – ein für alle Mal aus dem eigenen Vokabular streichen.