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In diesem Bahnhofskiosk kann man nichts kaufen, trotzdem stehen die Menschen Schlange

„Das Ohr“ heißt der Bahnhofskiosk von Christoph Busch. Es ist nicht irgendein Kiosk und Busch auch nicht irgendein Verkäufer.

Busch, 71 Jahre alt, Hör- und Drehbuchautor, zweimal für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, verkauft in seinem Laden keine Ware. Das Einzige, was er gibt, ist seine Zeit. Und die bekommt jeder kostenlos.

Kein halbes Jahr später ist Busch mit dieser Idee für den Deutschen Nachbarschaftspreis nominiert. Mehr als 1.000 Projekte haben sich beworben. Der Preis ist eine bundesweite Auszeichnung für all jene, die sich als Nachbar für Nachbarn einsetzen und das Miteinander in der Gesellschaft stärken. Vom 24. Juli bis zum 22. August 2018 wird online abgestimmt. Sollte Busch den mit 5.000 Euro dotierten Preis gewinnen, würde er davon langfristig die Miete des Kiosks bezahlen und ein Team von Zuhörern und Zuhörerinnen beschäftigen, damit „Das Ohr“ so oft wie möglich besetzt ist. 

Dass seine Idee solche Wellen schlagen würde, daran hatte Busch anfangs nicht gedacht. Ohnehin sei es mehr ein spontaner Einfall gewesen, sagt Busch. Als er wieder einmal mit der U-Bahn an der Haltestelle Emilienstraße in Hamburg vorbeifuhr und eines Tages das „zu vermieten“-Schild entdeckte, fühlte er sich angesprochen.

Am Telefon erfuhr er, dass der Kiosk noch zu haben sei. „Da habe ich zuerst einen Schreck bekommen“, sagt Busch. „Ich wusste gar nicht, was ich damit sollte.“ Aber er ließ sich treiben von der Idee, hier Menschen Willkommen zu heißen, die ihm Geschichten aus dem Leben erzählen möchten. Er mietete den Glaskasten, dekorierte die Regale mit eingerahmten schwarz-weiß Bildern, einem pinken Einhorn und klebte Werbeplakate an die Scheiben, darauf seine Telefonnummer und die Sprechzeiten.

Christoph Busch HH.jpg©Jana Sepehr, Global Citizen

Seit Monaten nehmen junge und alte Menschen, Männer und Frauen, in seinem Kiosk Platz und vertrauen Busch ihre Geschichten an. Sie handeln von Liebeskummer oder Familiendramen, von traumatischen Kindheitserfahrungen und Depressionen.

„Zuhören wird meist mit Unglück verbunden“, sagt Busch. Denn in unserer heutigen Gesellschaft würde von jedem verlangt werden, permanent fröhlich zu sein und bis über beide Ohren zu grinsen. „Du giltst als arme Sau, wenn du dein Unglück loswirst. Dabei gehört traurig sein zum Leben dazu.“

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Das Besondere bei seinem Experiment sei, dass sich am Anfang zwei Fremde gegenübersitzen. „Es gibt noch keine Gewohnheiten, keine zwischenmenschlichen Muster“, sagt Busch. Man begibt sich gemeinsam auf eine neue Reise in die Vergangenheit und in die Welt der eigenen Gefühle. Während vieler Gespräche entstünde ein Gefühl von Nähe – „und manchmal wechseln wir dann auch zum Du.“

Am Schluss der Begegnung, wollen viele Besucher in den Arm genommen werden. Auch Busch, so scheint es, mag die menschliche Nähe, ist neugierig auf all die Geschichten und genießt es, wenn unbekannte Seelen sich ihm anvertrauen.

„Ich bin kein Psychologe und kein Therapeut, aber genau das finden viele gut“, sagt Busch. Er gibt den meisten einen Rat mit auf den Weg, aber eben nicht als Therapeut, sondern als Christoph Busch.

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In den ersten Wochen sprach Busch nicht nur mit fremden Menschen, sondern auch mit vielen Journalisten, die regelrecht Schlange standen. So richtig kann sich Busch den Hype um seine Person und den Zuhör-Kiosk bis heute nicht erklären. „Manchmal denke ich: Das ist doch crazy. Irgendwas stimmt doch nicht.“ Er spricht trotzdem mit jedem, der etwas wissen möchte. Auch, um seinen Appell loszuwerden: „Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr Mut haben.“ Mut, mit Fremden zu sprechen, Unglück mit anderen zu teilen, einander in die Augen zu schauen – und das nicht über Skype, sondern in direkten Begegnungen.