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Bildung

Wie ein deutscher Student Flüchtlingen die Chance auf Bildung gibt

Warum das wichtig ist
Bildung steigert nicht nur die Chancen am Arbeitsmarkt, sondern stärkt auch die persönliche Entwicklung und bewahrt Menschen vor Armut. Deshalb muss Bildung allen Menschen zugänglich sein – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Status und ihrer kulturellen oder ethnischen Zugehörigkeit. Setz dich mit uns für gerechte Bildungschancen für alle ein!

Markus Kreßler ist 28 Jahre alt und Mitgründer von "Kiron” in Berlin. Als ihm die Idee kam, eine Online-Lernplattform für Geflüchtete zu gründen, legte er seine Pläne für die Masterarbeit in Psychologie vorerst beiseite und widmete sich seinem neuen Projekt.

Geflüchtete weltweit können sich auf der Online-Plattform für die Kurse einschreiben, Deutsch lernen, Mathe auffrischen oder etwa soziale Arbeit studieren. Mittlerweile hat Kiron rund 80 Mitarbeiter sowie Projekte in Jordanien und Libanon. 

Markus, wie kommt man auf die Idee, eine Bildungsplattform für Geflüchtete zu gründen?

Der entscheidende Moment war die nächtliche Begegnung mit einem jungen Mann aus Gambia. Er stand in einer Dönerbude in Mannheim, mein Mitbewohner und ich kamen gerade von einer Party. Capoko wartete auf Bekannte, die ihn abholen und ihm helfen wollten. Doch es kam niemand. Wir nahmen Capoko mit zu uns. Eigentlich wollte er nur eine Nacht bleiben, daraus wurde ein halbes Jahr.

Capoko wollte studieren, doch ihm wurden etliche Hürden in den Weg gestellt. Auch andere Geflüchtete, die ich zu der Zeit kennenlernte, hatten ähnliche Probleme. Sie hatten in ihrer Heimat ein Gymnasium besucht oder sogar schon studiert, doch hatten hier aufgrund bürokratischer Hindernisse wenige Chancen weiterzukommen und wenn, dann auch nur mit sehr langen Vorlaufzeiten. Also fing ich an, mich mit dem Thema zu beschäftigen und nach Lösungen zu suchen. Das war vor vier Jahren.

Was sind das für Hürden, die Geflüchtete davon abhalten, zu studieren?

Die größte Hürde ist meistens die Sprache. In Deutschland braucht man in der Regel das C1 Level, um an einer Hochschule zugelassen zu werden. Um das Level zu erreichen, braucht es meist Jahre an Praxis, die man sehr gut in einem Online-Studium und dem zugehörigen Fachvokabular erwerben kann. Zudem haben geflüchtete Menschen nicht immer alle Dokumente parat, die sie brauchen.

Diese auf die Schnelle beispielsweise von syrischen Behörden zu bekommen, ist schlichtweg unrealistisch. Zudem werden ausländische Abschlüsse nicht ohne Weiteres anerkannt. Ein weiteres Problem ist die Kapazitätsbeschränkung: Oft ist das erste Semester von einheimischen und internationalen Studierenden überlaufen, da haben Geflüchtete wenig Chancen.

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Was muss man tun, um bei “Kiron” studieren zu dürfen?

Bei uns können Geflüchtete loslegen, ohne Schul- oder Studienzeugnisse  vorzulegen oder besondere Deutschkenntnisse zu haben. Die Sprache wird parallel zu propädeutischen und fachspezifischen Studieninhalten erlernt. Uns reicht ein Nachweis über ihren Status als geflüchtete Person.

Wie habt ihr es geschafft, dieses Projekt zu finanzieren?

Zwischen 2014 und 2015 haben wir intensiv an der Idee gearbeitet. Wir haben Prototypen der Plattform getestet, uns gut vernetzt und Unterstützung von Dutzenden ehrenamtlichen Helfern gehabt. Als 2015 sehr deutlich wurde, dass wir in Deutschland vor der großen Herausforderung stehen, tausenden von Geflüchteten den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen, hatten wir schon einen Lösungsansatz parat.

Das war unser Vorteil. Wir starteten eine Crowdfunding-Kampagne im Netz sammelten mehr als eine halbe Million Euro. Mehr als 400 Medienbeiträge wurden innerhalb weniger Tage über Kiron veröffentlicht.

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Wie ging es dann weiter?

Mit dem Geld aus der Crowdfundingkampagne, konnten wir sicher sein, dass wir rund 1000 Geflüchteten einen Zugang zu unserem Lernangebot ermöglichen konnten. Darüber hinaus haben wir in Jordanien, dem Libanon und der Türkei verschiedene Projekte gestartet, um Geflüchteten auch in Nachbarländern von Krisengebieten Bildungsangebote zu machen, damit sie erst gar nicht tausende von Kilometern von ihrer Heimat fliehen müssen.

Dabei bekamen wir Unterstützung von verschiedenen Geldgebern aus der deutschen und internationalen Politik, wie dem BMBF, dem BMZ und der GIZ [Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit] aber auch von Stiftungen, allen voran der Schöpflin Stiftung, Google.org und der BMW-Stiftung aber ebenso von vielfältigen Vertretern aus der Wirtschaft.

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Was wollt ihr den Geflüchteten bieten?

Wir wollen keine Universitäten ersetzen, sondern die Brücke sein, bis sie alle Anforderungen erfüllen, um an einer staatlichen Hochschule ihr Studium fortzusetzen.. Wir wollen mit unseren Kursen, die die meist auf Englisch und alle Online sind, ein individuelles und flexibles Angebot schaffen, das möglichst viele Geflüchtete nutzen können – vom jungen Vollzeit-Studierenden aus Syrien bis hin zur erwachsenen geflüchteten Frau mit Nebenjob und vier Kindern, die nur in Teilzeit studieren kann.

Bei uns können die Studierenden Credits für ihre Lernleistungen erwerben, die ihnen später helfen sollen, an die Hochschule zu kommen und dort nicht noch einmal von ganz vorne anfangen zu müssen. Von der ersten Kohorte haben mittlerweile einige den Übergang an die Hochschule erfolgreich geschafft.. Anderen haben unsere Sprachkurse aber etwa geholfen, um einen Ausbildungsplatz zu finden.

Wie sieht die Zukunft von “Kiron” aus?

Wir arbeiten derzeit unter anderem daran, unsere Anzahl an Studierenden deutlich zu erhöhen. Derzeit haben wir rund 3.600 Studierende, bis Ende 2019 wollen wir durch unsere Angebote 10.000 Menschen eine Perspektive bieten. Unser oberstes Ziel war es immer, Menschen, die sonst durch das Raster fallen, einen Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen.

Das muss sich zukünftig nicht nur auf Geflüchtete beschränken. Auch um anderen ausländischen Studieninteressierten den Zugang zum Studium in Deutschland zu erleichtern, könnte unser Angebot künftig nützlich sein.