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Women march in support of the Istanbul Convention on preventing violence against women, in Istanbul, July 19, 2020. The placard reads in Turkish: 6284 and the Istanbul Convention will be implemented.
Omer Kuscu/AP
Frauenrechte

#ChallengeAccepted auf Instagram: Was hinter den Schwarzweiß-Fotos steckt

Warum das wichtig ist
Geschlechtsspezifische Gewalt gefährdet die Sicherheit und Gesundheit von Frauen und Mädchen weltweit. Dazu gehören etwa sexuelle oder häusliche Gewalt, sowie Genitalverstümmelung (FGM) und der Mord an Frauen. Ein erster wichtiger Schritt, um all diese Formen von Gewalt gegen Frauen einzudämmen, ist Aufklärung. Nutze hier deine Stimme und mach dich stark für Gleichberechtigung weltweit.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel enthält Details von Gewaltanwendungen.  

Spätestens seit #MeToo wissen wir, dass hinter simplen Hashtags eine tiefe Botschaft stecken kann. Nun posten seit einigen Wochen tausende Frauen unter dem Hashtag #ChallengeAccepted auf Instagram Schwarzweiß-Fotos von sich. Was einige nicht wissen: Hinter der Idee dieser oftmals schön inszenierten Bilder steckt mehr als ein ansehnliches Foto.

Denn die Aktion geht auf Proteste gegen geschlechtsspezifische Gewaltin der Türkei zurück. Hier gingen Demonstrant*innen aufgrund des weit verbreiteten Problems der Gewalt gegen Frauen und gegen häusliche Gewalt wochenlang auf die Straße.

Ausgelöst wurden die Proteste durch den Mord an der 27-jährigen Türkin Pinar Gültekin. Am 21. Juli wurde die junge Frau in der Stadt Mugla tot aufgefunden. Nachdem Gülteki angeblich die Annäherungsversuche ihres Freundes Cemal Metin Avcis zurückgewiesen hatte, erwürgte dieser sie, verbrannte ihre Leiche in einem Ölfass und versuchte, diese im Wald zu verstecken.

Mord an Frauen: Ein verbreitetes Verbrechen

Der Mord an Gültekin war in der Türkei bereits der 50. Mord dieser Art an Frauen, der in diesem Jahr gemeldet wurde. Gültekins Ermordung sorgte im ganzen Land für große Empörung. Seitdem fordern Frauenrechtsorganisationen und Aktivist*innen die türkische Regierung verstärkt dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen gegen Todesfälle, die auf geschlechtsspezifische Gewalt zurückgehen.

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Laut einer Studie von 2009 haben in der Türkei 42 Prozent aller Frauen im Alter zwischen 15 und 60 Jahren körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner oder Ehemann erfahren. 2019 wurden 474 Morde an Frauen gemeldet, die meisten wurden von ihrem Partner oder von Verwandten ermordet.

Coronavirus-Pandemie fördert häusliche Gewalt

Für 2020 wird ein weiterer Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt erwartet. Während der pandemiebedingten Ausgangssperren sind häusliche Gewalt und die Morde an Frauen bereits gestiegen. Das bestätigte Suad Abu-Dayyeh, Expertin von Equality Now für den Nahen Osten und Nordafrika, gegenüber Global Citizen in einer E-Mail.

Auf die Demonstrant*innen, die für Gerechtigkeit im Fall Gültekin kämpfen, reagierte die türkische Polizei mit Gewalt. Zudem zeigte die Regierung bisher wenig politischen Willen zum Schutz von Frauen.

Daraufhin forderten die Aktivst*innen die türkische Regierung auf, die Istanbuler Konvention gezielt umzusetzen – das erste völkerrechtlich bindende Abkommen zur Beendigung geschlechtsspezifischer Gewalt. Dieses wurde 2011 eingeführt und bisher nur von wenigen Ländern durchgesetzt.

#ChallengeAccepted auf Instagram: Nein zu Gewalt gegen Frauen

Um das Bewusstsein für die zunehmende geschlechtsspezifische Gewalt in der Türkei zu schärfen, verlagerten die Demonstrierenden ihren Protest zudem in die sozialen Medien. Sie griffen den Hashtag #ChallengeAccepted auf Instagram auf, dessen Ursprung auf eine Aufklärungskampagne zu Krebserkrankungen aus 2016 zurückgeht. Seitdem wurde der Hashtag #ChallengeAccepted in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Die Aktivist*innen aus der Türkei hauchten ihm unter den lokalisierten Versionen #kadınaşiddetehayırund #istanbulsözleşmesiyaşatırneues Leben ein – übersetzt so viel wie “Sag Nein zu Gewalt gegen Frauen” und “Setzt die Istanbuler Konvention um”.

Im Rahmen der aktuellen Kampagne zu #ChallengeAccepted auf Instagram posteten Frauen aus der Türkei Schwarzweiß-Fotos von sich. Der Schwarzweiß-Filter soll an die Ästhetik von Todesanzeigen erinnern. Damit wollten die Frauen zeigen, dass ihr Bild als nächstes in den Nachrichten erscheinen könnte – sollte die Regierung nicht umgehend Maßnahmen gegen die Morde an Frauen einleiten. Da sich Frauen weltweit der Aktion #ChallengeAccepted angeschlossen, ging der Hashtag binnen weniger Tage viral. Dadurch wurde bereits die Kritik laut, dass die Stimmen türkischer Frauen nun in den Hintergrund gedrängt werden könnten. Andererseits hat die Kampagne es geschafft, die Aufmerksamkeit der Welt auf das wachsende Problem der Gewalt gegen Frauen in der Türkei zu richten.

Global Citizen sprach mit Nihan Damarli, die als Freiwillige bei der Foundation for Women's Solidarity in der Türkei arbeitet, über die jüngsten Proteste, sowie über die Zunahme der Morde an Frauen in der Türkei und die Kampagne #ChallengeAccepted.

Global Citizen: Der Mord an Pinar Gültekin löste in der ganzen Türkei Proteste aus, die von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurden. Inwiefern lässt sich diese Reaktion auf die allgemeine Behandlung von Frauen in der Türkei übertragen, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt zur Wehr setzen?

Damarli: Die türkische Regierung hat ihre repressive und autoritäre Politik in den vergangenen Jahren verstärkt und will verhindern, dass oppositionelle Gruppen zusammenkommen und vor allem auf der Straße gesehen werden. Ihr Ziel ist es, kritische Stimmen aus allen Teilen der Gesellschaft zum Schweigen zu bringen, damit richtet sie vor allem gegen die Frauenbewegung, die die größte Bürgerrechtsbewegung in der Türkei darstellt.

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Aktionen wie die Schließung von Frauenrechtsorganisationen per Gesetzeserlass, sowie von Frauenzentren und Frauenhäusern, das Verbot von Demos zum Internationalen Frauentag in Istanbul und der Einsatz von Tränengas gegen Demonstrant*innen sind nur einige Anzeichen dafür. Bei den jüngsten Protesten konnten wir beobachten, dass die Polizei, anstatt die Täter zu bestrafen und Frauen vor Gewalt zu schützen, alles daran setzte, Frauen davon abzuhalten, gegen Gewalt zu protestieren.

Übergreifend fehlt es der Regierung an einer Zusammenarbeit mit unabhängigen Frauenrechtsorganisationen in der Politikgestaltung. Besonders in den vergangenen Jahren hat dieser Mangel an politischem Willen zu Rückschritten bei der Gleichstellung der Geschlechter geführt. Die Niederschlagung der Proteste gegen Pınar Gültekins Ermordung spiegelt die allgemeine Tendenz [der Regierung] demnach direkt wieder.

Warum nehmen Morde an Frauen in der Türkei zu?

Leider werden jedes Jahr mehr Frauen von ihrem Partner oder Familienmitgliedern ermordet. Die genauen Zahlen liegen uns nicht vor, da das Justizministerium, das Innenministerium und das Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales solche Statistiken nicht führen oder öffentlich machen wollen.

Immer mehr Frauen werden sich ihrer Rechte bewusst und wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, doch die Gesetze zum Schutz von Frauen und zur Vermeidung von Gewalt werden nicht wirksam umgesetzt. Wir beobachten, dass viele der ermordeten Frauen gerade dann getötet wurden, als sie konkrete Schritte unternahmen, um gewalttätigen Männern zu entfliehen. Das Ausbleiben konkreter Strafen wiederum ermutigt die Täter zur Gewaltanwendung.

Die Regierung zeigt keinen ganzheitlichen Ansatz und keinen politischen Willen, um Maßnahmen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt umzusetzen. Stattdessen legitimieren die politischen Entscheidungsträger mit ihren diskriminierenden und sexistischen Aussagen geschlechtsspezifische Gewalt geradezu. Ich bin davon überzeugt, dass all diese Faktoren nicht nur einem Mentalitätswandel in Richtung Geschlechtergleichstellung entgegenwirken, sondern die Gewalt gegen Frauen sogar verstärken.

Nach dem viralen Erfolg von #ChallengeAccepted auf Instagram wurde die Kritik laut, der Inhalt der Kampagne könnte sich verselbständigen. Wie schätzt du das Potenzial dieser Aktion ein, um die Aufmerksamkeit auf geschlechtsspezifische Gewalt in der Türkei zu lenken?

Soziale Medien sind Plattformen, auf denen sich Inhalte und Absichten sehr schnell ändern können. Die Kampagne hat sich sehr schnell verbreitet und das über die Landesgrenzen der Türkei hinaus. Ich denke, manchmal ist es unvermeidlich, dass Inhalte an Bedeutung verlieren, wenn sie aus den vielen anderen Inhalten in den sozialen Medien herausstechen möchten. Zudem waren bei dieser Kampagne auch viele Texte im Umlauf, um über den Kontext von #ChallengeAccepted aufzuklären.

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Ich finde, dass der Schwerpunkt der Kampagne und die Herleitung für die Aufnahme von Schwarzweiß-Fotos sehr gelungen sind und den emotionalen Zustand der Frauen in der Türkei gut wiederspiegeln. Aufgrund der zunehmenden Gewalt leben Frauen heute in dem ständigen Wissen, dass sie geschlechtsspezifische Gewalt erfahren und darüber hinaus getötet werden könnten. Frauen sehen diese Tatsache jedoch nicht mehr als ihr unveränderliches Schicksal an und versuchen, in dieser bedrückenden Zeit ihre Stimme zu erheben – wann immer sie nur können.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich auf Twitter zu dem Mord an Pinar Gültekin geäußert. Dennoch hat die Türkei bisher nur wenig zur Umsetzung der Istanbuler Konvention beigetragen. Welche Schritte sollte Erdoğan und die Regierung deiner Meinung nach unternehmen, um geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen?

Obwohl Frauen- und LGBTIQ+-Organisationen, Netzwerke und Plattformen in der Vergangenheit sehr erfolgreich dabei waren, Frauenrechte einzufordern, vermeidet die Regierung die Zusammenarbeit und den Dialog mit unabhängigen Bürgerrechtsorganisationen.

Als Frauenrechts- und LGBTIQ+-Aktivist*innen erwarten wir von politischen Entscheidungsträger*innen, dass sie nach dem Mord an einer Frau nicht nur Tweet absetzen, sondern den Willen zeigen, Schutz- und Präventionsmaßnahmen wirksam umzusetzen. Doch während wir uns für die Implementierung der Istanbuler Konvention einsetzen, debattiert die Regierung derzeit sogar über einen Rückzug von der Konvention. Wir wollen, dass die Stimmen von Frauen von der Regierung gehört werden und die Forderungen von Frauenrechts- und LGBTIQ+ Organisationen berücksichtigt werden, wenn darum geht, Entscheidungen zu fällen, die das Leben von Frauen betreffen.