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„Sprayer-Oma” Irmela kämpft gegen Rassismus - und wird dafür bestraft?

Irmela Mensah-Schramm ist 70 Jahre alt und eigentlich in dem Alter, in dem man das Leben wohlverdient etwas langsamer angehen lassen kann. Aber Irmela denkt nicht dran. Im Gegenteil.

Seit über 30 Jahren hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, rassistische, judenfeindliche und frauenfeindliche Hass-Parolen auf Deutschlands Straßen zu entfernen. Jeden Tag zieht sie mit einem Jutebeutel, der mit Spraydosen, Eddings, Nagellackentferner, Reinigungsmitteln und Schabern gefüllt ist, los, um zu übersprühen, zu übermalen, zu putzen und Aufkleber zu entfernen.

Für ihren Einsatz und ihre Zivilcourage ist die „Sprayer-Oma” sogar schon mehrfach ausgezeichnet worden - unter anderem mit der Bundesverdienstmedaille. Jetzt allerdings stand die Rentnerin in Berlin vor Gericht. Der Grund: Sachbeschädigung.

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Für Irmela fing damals vor 30 Jahren alles mit einem Nazi-Aufkleber an. Den hatte die frühere Erzieherin auf ihrem Weg zur Arbeit bemerkt. Der Aufkleber rief zur Freiheit von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess auf. Den ganzen Tag dachte Irmela über diesen Aufkleber nach und ärgerte sich über sich selbst, dass sie den Aufkleber nicht entfernt hatte. Am Abend ging sie dann zurück an die Stelle, an der sie den Aufkleber entdeckt hatte und kratzte ihn mit ihrem Schlüssel ab: „Das war für mich ein ganz sagenhaftes Gefühl. Das fühle ich heute noch. Wenn du nichts tust, wer tut es dann?”

Seit diesem Tag hat die selbsternannte „Politputze” mehr als 75.000 Aufkleber entfernt. Sorgfältig sammelt sie all ihre Funde und heftet sie in Ordnern ab - mittlerweile sind es 83 prall gefüllte Ordner.

THE HATE DESTROYER (Demo-version) from Fotogramma25 on Vimeo.

An einem Tag im Mai dieses Jahres war Irmela im Berliner Stadtteil Zehlendorf unterwegs. Dort stieß sie in einem Fußgängertunnel auf den Spruch: „Merkel muss weg!”. Kurzerhand schnappte sie sich ihre Spraydose und übersprühte den Spruch, so dass nachher zu lesen war: „Merke! Hass weg!”.

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Und genau wegen dieser „Verschönerung” stand Irmela Anfang Oktober vor Gericht. Der Grund: Sachbeschädigung. Eine junge Staatsanwältin soll der 70-jährigen vorgehalten haben, dass sie kein gutes Vorbild sei. Irmela habe eine bereits bestehende Sachbeschädigung erweitert und dafür auch noch die auffällige Farbe Pink gewählt. Sie wurde nun für schuldig gesprochen und verwarnt. Sollte die Rentnerin wiederholt zur Spraydose greifen, droht ihr eine Geldstrafe von 1.800 Euro. Irmela denkt aber überhaupt nicht dran aufzuhören und sagt: „Ich gehe dafür ins Gefängnis, wenn es sein muss.”

Die pinke Sprayfarbe, die die 'Politputze' übrigens für ihre „Sachbeschädigung” in Berlin-Zehlendorf benutzte, war ein Geschenk eines Schulleiters aus Göttingen - die Stadt verlieh ihr vergangenes Jahr den Friedenspreis für ihr soziales Engagement.


Von der Öffentlichkeit erhält Irmela viel Zuspruch - wenn auch nicht von allen Seiten. So wurde Irmela bereits von Neonazis angegriffen, als sie gerade dabei war eine Hass-Parole zu entfernen, und ihr wurde mit einem Stein fast das ganze Gesicht zertrümmert. Doch Irmela macht weiter.

Auf die Frage, warum sie sich in ihrem Alter so dafür einsetzt, dass in Deutschland keine Hass-Parolen mehr zu sehen sind, antwortete sie:

„Weil damals in Hitlerdeutschland zu wenige Menschen was getan haben. Das können wir heute nicht wiedergutmachen. Aber wir können, nein – wir müssen aufpassen, dass so etwas nie wieder passiert. Und etwas gegen den Hass, der immer stärker wird, tun.”

Irmela setzt sich dafür ein, dass in Deutschland jeder gleichberechtigt ist. Niemand sollte Hass-Parolen ausgesetzt sein, weder aufgrund seiner Religion, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder seiner Herkunft.

Irmelas Engagement, das sie über die letzten 30 Jahre zeigte, ist zur Zeit im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu bewundern. Hier kann man durch die Fotos und Aufkleber von Irmela blättern. Danke für diese großartige Zivilcourage, Irmela!