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Frauenrechte

Ehemalige IS-Gefangene Nadia Murad kehrt zum ersten Mal in ihre Heimat zurück

Thomson Reuters Foundation / Fazel Hawramy

Ein Artikel von Fazel Hawramy - Thomson Reuters Foundation

KOCHO, Irak, 1. Juni (Thomson Reuters Foundation) –  Die bekannte jesidische Aktivistin Nadia Murad, die als Sexsklavin von Soldaten des Islamischen Staats (IS) gefangen gehalten wurde, kehrte Anfang Juni zum ersten Mal seit ihrer Entführung vor drei Jahren in ihr Heimatdorf im Irak zurück. Sie sendete einen tränenreichen Appell an die Welt und bat um internationale Unterstützung, damit andere jesidische Frauen, die noch immer in Gefangenschaft sind, befreit werden können.

Die 24-jährige Nadia Murad war eine von 7.000 Frauen und Mädchen, die im nordwestlichen Irak im August 2014 von extremistischen sunnitischen Kämpfern, welche die Jesiden für Anbeter des Teufels halten, entführt wurden.

Sie wurde aus Kocho, in der Nähe von Sindschar, wo ca. 400.000 Menschen leben, entführt und in Mosul gefangen gehalten. Hier wurde sie regelmäßig vergewaltigt und gefoltert. Sie konnte nach drei Monaten entkommen, erreichte ein Flüchtlingscamp und floh nach Deutschland.

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Murad ist sowohl vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Jahr 2015 als auch vor andere Staats- und Regierungschefs getreten, um Unterstützung für das jesidische Volk einzufordern. Dafür wurde sie für den Friedensnobelpreis nominiert und zur UN-Sonderbotschafterin ernannt.

Nun ist sie zum ersten Mal nach ihrer Entführung wieder zurück in ihr Heimatdorf gekehrt. Sie weinte, als sie ihre frühere Schule in Kocho besuchte. Das Dorf konnte erst Anfang Juni zurückerobert werden.

„Ich hätte niemals gedacht, dass ich noch einmal nach Kocho zurückkehren würde. Ich dachte, sie bringen mich um“.

Nadia Murad

„Ich bin eine Tochter dieses Dorfes“, sagt sie.

Vor drei Jahren hat das Militär an dieser Schule alle Anwohner von Kocho versammelt und die Kinder in IS-Trainingslager geschickt. Die Frauen und Mädchen wurden versklavt und die Männer getötet, erzählt Murad unter Tränen.

Laut Schätzungen befinden sich immer noch 3.500 Mädchen und Frauen in der Sklaverei.

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„Wir haben gehofft, dass uns das gleiche Schicksal wie den Männern widerfahren würde und wir getötet werden. Stattdessen kamen europäische, saudische, tunesische und andere Soldaten, vergewaltigten und verkauften uns“, erzählt sie der Thomson Reuters Foundation.

Es gibt sieben Massengräber in Kocho und Murad plädiert dafür, diese zu untersuchen.

„Erhebt Anklage im Namen derer, die alles verloren haben, im Namen der Eltern und der Menschen, die nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren können. Und grabt ihre Angehörigen, die um die Dörfer herum verscharrt wurden, aus und untersucht sie“, sagt sie.

Nadia Murad Visits Yazidi Village

Prominent Yazidi activist Nadia Murad shakes hands with Peshmerga officers queuing up to welcome her back in Sinjar, Iraq on June 1, 2017.

Image: Thomson Reuters Foundation / Fazel Hawramy

Die internationale Gemeinschaft hat bisher darin versagt, den Frauen und Mädchen zu helfen, die immer noch in Gefangenschaft gehalten werden, meint sie weiter.

„Die internationale Gemeinschaft ist ihrer Verantwortung nicht nachgekommen“, sagt sie. „Man kann nicht von Gerechtigkeit sprechen, wenn man eine Minderheit wie das jesidische Volk nicht unterstützt.”

Murad fordert, dass der Massenmord an den Jesiden offiziell als Genozid anerkannt wird.

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Sie besuchte ihr Dorf in Begleitung ihrer Schwester, war von jesidischen Kämpfern umgeben und steht für ihre Rede auf dem Dach der Schule.

Viele in der Zuschauermenge weinten, als sie ihre Rede hörten und dankten den Kampftruppen für die Befreiung des jesidischen Dorfes.

Murad sagt, dass sie niemals geglaubt hätte, jemals nach Kocho zurückzukehren, einem von Landwirtschaft geprägten Dorf, das früher mal die Heimat von 2.000 Jesiden war - doch die Hälfte von ihnen wurde während der Angriffe im Jahr 2014 entweder getötet oder gilt noch immer als verschwunden.

Murdas 30-jährige Schwester Khayriyah, die ebenfalls fünf Monate lang versklavt wurde, aber entkommen konnte, meint, dass sie sich niemals hätte vorstellen können, nach Hause zurückzukehren.

„Ich hätte niemals gedacht, noch einmal nach Kocho zu kommen“, erzählt sie der Thomas Reuters Foundation. „Ich dachte, ich würde sterben.“

Eine von Murads Nichten ist immer noch in der Gewalt des Islamischen Staates.

Der Besuch, der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, erfolgte, nachdem es iranischen Milizen gemeinsam an der Seite der irakischen Streitkräfte gelungen war, sich ihren Weg an der Grenze zu Syrien entlang freizukämpfen. Sie konnten die letzten jesidischen Dörfer vom Islamischen Staat befreien.

Murad erklärt auf ihrer Webseite, wie sechs ihrer neun Brüder in dem Kocho-Massaker getötet und ihre Mutter hingerichtet wurde, weil man sie zu alt für eine Sexsklavin befand.

Insgesamt wurden 18 ihrer Familienmitglieder ermordet oder gelten als verschwunden. Vermutlich befinden sich einige von den verschwundenen Personen in den jesidischen Massengräbern, die nördlich des Sindschar-Gebirges gefunden wurden.

Ermittlungsbeamte der Vereinten Nationen schätzen, dass mehr als 5.000 Jesiden in den Angriffen von 2014 umgebracht wurden. Deswegen hat eine U.N. Kommission den Vorfall bereits als Genozid bezeichnet, der vom Islamischen Staat verübt wurde.

Wenn so eine Bezeichnung offiziell würde, wäre das der erste anerkannte Völkermord, der von nichtstaatlichen Akteuren vollzogen wurde, anstatt im Auftrag eines Staates oder einer Regierung.

Die Anwältin für internationale Menschenrechte, Amal Clooney, hat letzten Juni gesagt, dass sie die Absicht hätte, den Islamischen Staat vor dem Internationalen Gerichtshof für ihre Verbrechen am jesidischen Volk zu verklagen.

Murad lebt mittlerweile in Deutschland. Sie plant noch in diesem Jahr eine Biographie mit dem Titel “The Last Girl: My Story of Captivity, and My Fight Against the Islamic State” zu veröffentlichen.

„Die Menschen sind sehr stolz darauf, dass Nadia die Situation der Jesiden öffentlich gemacht hat. Jedes Mal, wenn sie Angehörige des jesidischen Volkes besucht, strömen alle zu ihr, um sie zu sehen. Die Jesiden lieben sie“, sagt ihre Schwester, die im „Rwanga-Camp“ in Dohuk Governate im irakischen Kurdistan lebt.

(Ein Beitrag von Fazel Hawramy; Überarbeitet von Ellen Wulfhorst; Bitte die 'Thomson Reuters Foundation' als Quelle angeben, wenn dieser Artikel zitiert / geteilt wird. Die Thomson Reuters Foundation liefert Beiträge über humanitäre Hilfe, Frauenrechte, Menschenhandel, Klimawandel und vieles mehr auf news.trust.org.)