Geschichten vom Überleben - 6 Geflüchtete erzählen von Heimat, Flucht und einem neuen Leben

Autor: Joe McCarthy

@ Lena Mucha/UNDP
Warum das wichtig ist
In den vergangenen Jahren hat illegale Migration in Europa für kontroverse Diskussionen gesorgt und dazu geführt, dass einige EU-Staaten ihre Ländergrenzen wieder stärker kontrollieren. Die Vereinten Nationen (UN) wollen mit den Global Goals unter anderem die Ungleichheit in und zwischen Ländern reduzieren (Ziel 10). Du kannst dich hier mit uns dafür einsetzen, dass die Global Goals bis 2030 erreicht werden.

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Auf der Welt gibt 258 Millionen Migrant*innen. Und immer mehr Menschen versuchen,aus ihrer Heimat zu flüchten und Ländergrenzen illegal zu übertreten. Sie überqueren sie heimlich, klettern über Zäune oder arbeiten mit professionellen Schmuggler*innen zusammen, die Flüchtlinge durch Wüsten und Konfliktgebiete schleusen und sie mit Booten über Flüsse und Meere bringen. Viele Flüchtlinge verschulden sich. Auf der Reise erleben sie Gewalt, sie werden verhaftet, ausgebeutet, versklavt. Einige von ihnen sterben.

Im Ankunftsland sind diese Menschen wie Schatten. Sie haben keine Papiere und die Gesetze schützen sie nicht. Sie arbeiten in schlecht bezahlten Jobs und verdienen kaum etwas. Viele von ihnen haben kein Dach über dem Kopf und kein soziales Netz.

Diskriminierung gehört für Migrant*innen zum Alltag.

“Du lässt dein ganzes Leben zurück, um in ein fremdes Land zu gehen, und dort wirst du dann jeden Tag diskriminiert und erlebst Grenzüberschreitungen”, sagt Yerima dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UN). Er ist aus Togo nach Spanien emigriert.

Für das Entwicklungsprogramm der UN wurden kürzlich 1970 Migrant*innen aus 39 afrikanischen Ländern befragt, die in zwölf europäische Länder emigriert sind. Ihr Aussagen wurde in einem umfassenden Bericht über illegale Migration zusammengefasst und beschreibt die Gründe, Folgen, geopolitische Konsequenzen – und auch, wie ein menschlicher Umgang mit dem Thema gefunden werden kann. 

Der Bericht Scaling Fences: Voices of Irregular African Migrants to Europe, basiert auf den Schilderungen von Geflüchteten über die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Hier liest du ihre Geschichten:


Vivian, von Nigeria nach Spanien

Vivian-Refugees-Stories-007.jpgVivian Ntih, 43, is pictured with her daugthers Elizabeth, 9, and Mari Mensah Damson, 15. Vivian came from Nigeria to Spain in 2000 and lives now with her daugthers in Valencia.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Meine Eltern haben entschieden, dass ich zu meiner Tante nach Spanien gehen und arbeiten soll. Als ich in Spanien angekommen war, musste ich einen Monat in einem Flüchtlingslager verbringen. Danach habe ich  eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten.

Meine Tante und ihr Mann haben mich vom Bahnhof in Madrid abgeholt. Ich sollte ihnen sofort meinen Pass und weitere Dokumente geben. Schnell wurde mir klar: Meine Tante und ihr Mann zwingen junge Mädchen aus Afrika dazu, für Geld mit Männern Sex zu haben. 

Nicht mal im Traum hätte ich mir vorstellen können, dass irgendwer, dem meine Eltern vertrauten, mit Menschenhandel und Zwangsprostitution zutun hat.

Ich habe immer wieder Kunden abgelehnt und so kaum Geld verdient. Meiner Tante wurde klar, dass es ihr keine Gewinne bringen würde, mich zu behalten. Deswegen einigten wir uns darauf, dass ich nach Valencia ziehe und mir dort Arbeit suchen würde. Ich sollte so das Geld für die Reise nach Spanien zurückzahlen: knapp 18.000 Euro. 

In Valencia bin ich direkt zu einer Adresse gegangen, die ich von meiner Tante bekommen hatte. Es lebten dort ausschließlich Zwangsprostituierte, die für meine Tante arbeiteten. Mir war klar, dass ich so nicht leben konnte, aber ich hatte keine Wahl. Ohne Papiere war es unmöglich, sich für einen normalen Job zu bewerben. Nach ein paar Monaten lernte ich einen Mann kennen, der mir helfen wollte.

Er half mir, meine Schulden bei meiner Tante zu bezahlen. Dann brach ich sofort den Kontakt ab.

Meine erste Tochter bekam ich 2003, meine zweite sieben Jahre später. Mein Partner und ich sind mittlerweile getrennt.

Es sind 20 Jahre vergangen, seit ich nach Europa gekommen bin. Manchmal war es die Hölle. Es gab Zeiten, in denen ich obdachlos war und nichts zu essen hatte. Aber meine Töchter waren wie ein Segen.

Ich nehme im Moment an einem Weiterbildungsprogramm teil. Ich möchte Mädchen beschützen, die Gefahr laufen, Menschenhändler*innen zum Opfer zu fallen.

Ich möchte mich außerdem für die Rechte von Migrant*innen einsetzen.


Miguel, von Kamerun nach Frankreich

Miguel-Refugees-Stories-006.jpgMiguel Mbinowa Ngnobidadji is pictured at his cooking school in Vernet les Bains, France. He currently lives in Perpignan.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Mein Leben in Kamerun war nicht gerade toll. Ich wuchs in sehr armen Verhältnissen auf. Das Leben in meinem Dorf war hart. Ich konnte keine Schule bezahlen. Wenn ich Arbeit gefunden hätte, hätte ich mein Land nicht verlassen. Aber wenn die Dinge nicht gut laufen und du auf der Stelle trittst, dann musst du einfach gehen, um woanders nach Möglichkeiten zu suchen. Ganz egal, was es kostet. Man hat keine Wahl, wenn man überleben möchte. 

Ich bin total glücklich in Frankreich. Jetzt habe ich alles, was ich mir immer erträumt habe: einen Job, ein Haus, ein Auto und Zugang zu öffentlichen und sozialen Diensten. Es geht mir super. 

Auch wenn das hier vielleicht nicht meine Heimat ist, fühlt es sich doch so an. Die meiste Zeit des Tages arbeite ich. Arbeit zu haben, fühlt sich an wie ein Luxus und ich nehme es ernst. Es ist keine Selbstverständlichkeit für mich, dass ich hierher kommen konnte, um Arbeit zu finden. 

Es ist schade, dass man tausende Kilometer in ein fremdes Land reisen muss, um ein besseres Leben zu haben. Ich mache unsere führenden Politiker*innen dafür verantwortlich, dass es so viele Problem in meinem Heimatland gibt. Wenn ich die Chance bekäme, mit ihnen zu sprechen, wären meine Beschwerden und Vorwürfe wohl grenzenlos. 

Es ist doch ganz einfach: Junge Menschen müssen Chancen haben! Kinder müssen in die Schule und dürfen nicht auf der Straße Dinge verkaufen! Mädchen und Frauen brauchen mehr Rechte! Wir brauchen ein gutes Gesundheitssystem – all das sind Menschenrechte!

Meinen Freunden und meiner Familie erzähle ich natürlich die Wahrheit über mein neues Leben hier in Frankreich. Zum Beispiel, dass es schwierig ist, Teil der Gesellschaft zu werden. Ich glaube, es ist meine Verantwortung, ehrlich mit den Umständen umzugehen, damit sie eine bewusste Entscheidung treffen können. Gleichzeitig weiß ich natürlich, wie perspektivlos sie sich fühlen, weil ich auch mal da stand, wo sie stehen. 


Helen, von Nigeria nach Italien

Helen-Refugees-Stories-003.jpgEsther Sunday, is from Nigeria and now lives in Rome, Italy.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Wenn ich in Afrika geblieben wäre, hätte es für mich zwei Optionen gegeben: Entweder wäre ich sehr jung verheiratet worden oder ich hätte sehr jung ein Kind bekommen. Beides wollte ich unter keinen Umständen. Ich wollte mein Potential nicht einfach so wegwerfen.

Über Libyen bin ich nach Europa gekommen. Dort habe ich ein Jahr lang als Dienstmädchen für eine wundervolle spanische Familie gearbeitet. Sie waren immer gut zu mir und haben mich wie ihre eigene Tochter behandelt. Als gewalttätige Konflikte in Libyen ausbrachen, ging die Familie zurück nach Spanien. Sie wollten, dass ich mit ihnen komme, aber das ging nicht. Ich hatte nicht genug Zeit, um einen Pass zu beantragen. Sie gingen alleine und versprachen mir, sich um die Formalitäten zu kümmern, sodass ich zu ihnen nach Spanien kommen konnte.

Ich wartete nicht darauf, dass mir die Familie eine Einladung nach Spanien schicken würde, sondern kümmerte mich selbst um meine Reise nach Europa. Ich kam in 2014 nach Italien und bin immer noch dabei, richtig anzukommen. Es gibt nicht viel Negatives darüber zu berichten, hier zu sein. Manchmal fühle ich mich akzeptiert und manchmal wie eine Fremde. Meine größten Schwierigkeiten habe ich mit den Hürden, mich vollständig in die italienische Gesellschaft zu integrieren. Um zu studieren oder einen guten Job zu bekommen, musst du sehr gut Italienisch sprechen. Mit Glück habe ich einen Job als Sekretärin bei einer staatlichen Behörde bekommen. Ich singe und schreibe auch und arbeite ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim als Chorleiterin. Außerdem style ich nebenbei Haare, um so noch ein wenig Geld zu verdienen.

Das ist aber alles nur übergangsweise. Ich möchte studieren und Karriere machen. Manchmal denke ich darüber nach, ob ich nach Deutschland, Schweden oder Kanada gehe sollte, weil es dort vielleicht bessere Chancen für mich gibt. Ich möchte noch so viel mehr aus meinem Leben rausholen und bin mir sicher, dass ich meine Ziele erreichen werde.


Aziz Abdoul, Senegal to France

Aziz-Refugees-Stories-001.jpgAziz Abdoul is from Senegal and now lives in Grenoble, France.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Im Senegal hatte ich ein ganz anständiges Leben und führte zwei Geschäfte. In 2008 entschied ich mich dennoch dafür, zu reisen. 

Es gab keine Schwierigkeiten für mich im Senegal und auch finanziell war es in Ordnung. Ich wollte einfach andere Kulturen kennenlernen und in einem Land leben und arbeiten, das nicht mein eigenes war. Ich sah immer wieder Ausländer*innen, die im Senegal reisten – aber ich hatte keine Ahnung, wie ihr Teil der Welt aussieht.

Im Herzen bin ich Künstler. Mir war es wichtig, Kunst und kreative Ausdrucksweisen zu erfahren, die sich von meinen eigenen unterscheiden.

Ich wollte mehr sehen, mehr erleben, mehr lernen. Das war mein Hauptmotiv dafür, den Senegal zu verlassen. Jetzt bin ich in Europa und hole das Beste aus der Situation heraus. Glaube und Hoffnung treiben mich an. Mein Glaube hielt mich auf der gefährlichen Reise am Leben, meine Hoffnung lässt mich zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Glücklicherweise habe ich als Künstler mittlerweile einen guten Ruf. Wenn ich meine Kunst zeige, kommen viele Menschen, um sie zu sehen. Genau das habe ich mir immer gewünscht: Der Welt meine Kultur zeigen.

Musik ist für mich eine Art Realitätsflucht. Wenn ich spiele, dann befinde ich mich in anderen Sphären. Ich möchte, dass die Menschen ihre weltlichen Sorgen vergessen, wenn sie mir zuhören. Es gibt einfach zu viel Leid auf der Welt.

Am Ende wollen wir doch alle das Gleiche: Gesundheit, Arbeit, Freiheit und die Chance, sich selbst zu verwirklichen – für unsere Liebsten und uns selbst. Weil es das alles für viele Menschen in Afrika nicht gibt, kommen sie nach Europa. Es gibt eine Sache, die ich afrikanischen Politikern gerne sagen würden: Die Bevölkerung gehört nicht zu euch. Ihr gehört zur Bevölkerung. Zeigt Respekt! Sorgt dafür, dass sie die Chance auf ein lebenswertes Leben haben und nicht ihre Leben aufs Spiel setzen müssen!


Carole, von Kamerun nach Frankreich

Carole-Refugees-Stories-002.jpgCarole Mengue is originally from Cameroon and now lives in Grenoble, France with her two-year-old son.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Ich bin nie zur Schule gegangen. Mein Vater meinte, dass das für Mädchen Zeitverschwendung wäre. Er sagte mir, ich solle stattdessen lernen, das Haus sauber, ordentlich und hübsch zu halten. Und ich solle mich aufs Heiraten vorbereiten. Ich wusste damals schon, dass mein Vater Unrecht hatte. Ich sehnte mich sehr danach, etwas lernen zu dürfen. Ich wusste, dass mein Platz im Leben bedeutungslos sei, würde ich nicht lernen, zu lesen und zu schreiben. In meinem Viertel ging es Frauen, die zur Schule gingen, viel besser.

Ich habe anfangs gar nicht darüber nachgedacht, mein Land zu verlassen. Dann haben mir Freunde von der Möglichkeit erzählt und angefangen, mich zu überreden. Sie sagte, ich würde ein besseres Leben haben, wenn ich ginge. Sie sagten, ich könne in Europa viel Geld verdienen, indem ich dort Haare stylen würde. Sie sagten auch, ich könne dort etwas lernen. 

Also ging ich. Ich habe mein Zuhause verlassen, um nach Algerien zu reisen. Dort verbrachte ich zwei Jahre. Algerien ist für nicht-weiße Menschen ein schwieriges Land, dann viele Menschen dort sind rassistisch. Dort bekam ich meinen Sohn.

Als er gerade drei Monate alt war, gingen wir an Bord eines Schiffes, das uns nach Europa bringen würde. Wir verbrachten drei Tage auf dem Schiff. Es war bitterkalt und wir hatten keine Westen, keine Decken, keine Sicherheitsausrüstung. Es gab kaum etwas zu essen. Ich wünsche nicht einmal meinen Erzfeinden, dass sie so eine Reise machen müssen.  

Wir kamen in Italien an und verbrachten sechs sehr anstrengende Monate in einem Flüchtlingscamp. Wir wurden schlecht behandelt, bekamen vergammeltes Essen und keine medizinische Versorgung, wenn wir krank waren. Es waren unmenschliche Zustände. 

Letztlich schafften wir es dennoch nach Frankreich. Ich mag es hier. Ich wünsche mir, dass ich eine Arbeitserlaubnis bekomme und eine Ausbildung machen kann. Dann muss ich keine Haare mehr schneiden. Egal was passiert, mein Sohn soll es besser haben als ich.


Yerima, aus Togo nach Spanien

Yerima-Refugees-Stories-008.jpgYerima Gado is from Togo and now lives in Valencia, Spain.
Image: @ Lena Mucha/UNDP

Bis ich 18 Jahre alt war, habe ich mit meinen Eltern zusammengelebt. Ich arbeitete als Fahrer, aber verdiente sehr wenig. Deshalb entschied ich mich, nach Europa zu gehen. Erst fuhr ich nach Dakar und verbrachte dort sechs Monate. Dann ging es für mich nach Mauretanien. Von da aus bin ich über das Mittelmeer nach Europa gekommen.

Jeder Mensch sollte drei Mal am Tag essen. Und wenn du eine Familie hast, dann musst du sicherstellen, dass sie genug zu essen und ein Dach über den Kopf hat und alle eine angemessene Ausbildung bekommen. Wenn du diese Basics nicht sicherstellen kannst, weil dir die Möglichkeiten in deinem Heimatland dafür nicht zur Verfügung stehen, dann musst du es eben woanders probieren.

Ich habe eine kleine Tochter. Als ich Togo verließ, war sie gerade erst zwei Monate alt. Man könnte denken, ich sei ein Rabenvater, weil ich Frau und Kind zurück gelassen habe. Aber was für ein Vater wäre ich, wenn ich geblieben wäre, ohne meinen Liebsten ein angemessenen Lebensstandard ermöglichen zu können? 

Du lässt dein ganzes Leben zurück, um in ein fremdes Land zugehen und dort wirst du dann jeden Tag diskriminiert und erlebst Grenzüberschreitungen. Grundlegende Menschenrechte gelten für dich auf einmal nicht mehr. Und du kannst nichts dagegen tun, weil du nicht in deinem eigenen Land bist.

Viele unserer Brüder und Schwestern starben bei dem Versuch, hierher zu kommen. Wofür bloß? Wir verlieren die Besten und Klügsten von uns ans Mittelmeer; an Sklaverei und Ausbeutung; an europäische Länder, in denen ihre Talente vergeudet werden. Wie können wir sagen, dass Afrika ein  Kontinent für junge Menschen ist, dass junge Menschen unsere Zukunft sind, wenn wir so viele von ihnen verlieren?