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An Indian medical volunteer administers a dose of Polio immunization to a child in Hyderabad, India, Jan. 29, 2017.
Mahesh Kumar A./AP
AdvocacyGesundheit

Vor 5 Jahren wurde Indien offiziell als poliofrei erklärt. Und deshalb ist es so wichtig.

Warum das wichtig ist
Polio ist eine hochansteckende und gleichzeitig vermeidbare Krankheit, die zu 99,9 Prozent ausgerottet ist. Die endgültige Beseitigung von Polio ist Teil der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen und unter “Ziel 3: Gesundheit und Wohlbefinden für alle” zu finden. Wir wollen vermeidbare Krankheiten aus der Welt schaffen – werde hier mit uns gemeinsam aktiv.

Der 27. März 2014 war in Indien ein ganz besonderer Tag: Der Tag, an dem der Durchbruch im Kampf gegen Polio* (auch bekannt als Kinderlähmung) gefeiert und das Land offiziell als poliofrei erklärt wurde. Mit größtem Einsatz kämpfte man in dem Land gegen das Virus, in dem vor zehn Jahren noch die Hälfte aller Poliofälle weltweit zu finden war.

"Wenn wir das in Indien schaffen, können wir es überall schaffen", sagte Oliver Rosenbauer, Kommunikationsbeauftragter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Sprecher der Global Polio Eradication Initiative (GPEI), gegenüber Global Citizen. Dieser Erfolg habe das Paradigma für die Bemühungen zur Ausrottung von Polio verändert.

Migration ist eine große Herausforderung

Besonders in Indien gab es große Herausforderungen bei der Ausrottung von Polio: Die enorme Größe und dichte Bevölkerung des Landes machen die Durchführung von Impfprogrammen schwierig. Indiens schlechte sanitäre Infrastruktur, die Verbreitung von Durchfallerkrankungen sowie die lange Monsun- und Regenzeit erschwerten zudem, neue Fälle von Polio zu verhindern. Hinzu kommt, dass in Indien extreme Bevölkerungsbewegungen zu verzeichnen sind und es viele Nomaden gibt, was die flächendeckenden Impfungen aller Menschen besonders kompliziert macht.

Wie gelang in Indien der Durchbruch? 

Doch durch innovative Impfprogramme, technischen Fortschritt, aber auch den Einsatz des Staates und Partnerschaften zwischen dem privaten und sozialen Sektor konnte Indien das Virus besiegen.

Doch warum sind flächendeckende Impfungen gegen Polio so entscheidend? Weil sich das Virus nur in Menschen vermehren kann. Eine Ausrottung von Polio ist daher nur möglich, wenn jeder Mensch – schon im Kindesalter – geimpft wird.

Nach drei Jahren ohne neuen Poliofall gilt ein Land als poliofrei. In Indien wurde der letzte Fall eines Poliovirus am 13. Januar 2011 verzeichnet. Heute gelten nur noch drei Länder weltweit als von Polio betroffen: Nigeria, Pakistan und Afghanistan, wobei es seit 2016 keinen Poliofall mehr in Nigeria gab, sodass das Land – und damit die gesamte WHO Region Afrika – bald als poliofrei gelten könnte. Da Indien im Nordwesten eine über 3.000 Kilometer lange Grenze mit Pakistan teilt, ist das riesige Land weiterhin von einem neuen Polio-Ausbruch bedroht. Um zu verhindern, dass Polio in Indien wieder ausbricht, muss jedes neugeborene Kind geimpft werden.

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"Es ist großartig zu sehen, dass das Engagement und die Entschlossenheit, Polio aus Indien fernzuhalten, auch fünf Jahre später noch so stark ist", sagte Ramesh Ferris, Polioüberlebender, gegenüber Global Citizen.

Ferris wurde in Indien geboren, aber von einer kanadischen Familie adoptiert. 1980 infizierte er sich mit dem Virus, 25 Jahre bevor die Polioimpfung zugelassen wurde. 2002 besuchte er seine leibliche Mutter in Indien.

“Ich habe damals zum ersten Mal gesehen, wie Polioüberlebende auf dem Boden krochen”, erinnerte Ferris sich. "Offensichtlich hatten sie keinen Zugang zum Impfstoff, aber sie hatten auch keinen Zugang zu Rehabilitierung." Diese Reise inspirierte Ferris dazu, der unermüdliche Verfechter der Polioausrottung zu werden, der er heute ist. Er sagte, dass die Ausrottung von Polio in Indien eine gewaltige Aufgabe zu sein schien, aber er war zuversichtlicher, nachdem er recherchiert und gesehen hatte, wie viele Partner an den Bemühungen zur Ausrottung beteiligt waren – von Gesundheitsfachkräften über globale Regierungen bis hin zu Organisationen wie Rotary International.

Dem Ziel so nah wie nie

Seitdem ist Ferris als Verfechter der Polioausrottung tätig und hat in von Polio betroffenen Ländern selbst gesehen, warum die Impfungen so wichtig sind. “Die Realität ist, dass jeder einzelner Poliofall auf der Welt, eine Gefahr für Kinder weltweit ist”, sagte Ferris. “Wir haben jetzt die einmalige Chance, die zweite Krankheit [nach den Pocken] auszurotten.” Und die offizielle Zertifizierung der Polioausrottung in Indien ist ein wichtiger Beweis dafür. “Wir sind nah am Ziel – näher als je zuvor", sagte Rosenbauer.

Eine der größten Herausforderungen, die es sowohl in Afghanistan als auch Pakistan gibt, ist nach wie vor die Migration, sagte Rosenbauer. In beiden Ländern migrieren Menschen, etwa aufgrund von Kriegen und Konflikten oder auch aufgrund des Klimas. Da es auch in Indien große Bewegungen in der Bevölkerung gibt, können die dort angewandten Strategien nun als Roadmap zur Lösung des Problems beitragen, wobei diese an die lokalen Gegebenheiten Afghanistans und Pakistans angepasst werden müssen. “Sicherlich gibt es immer noch Herausforderungen, aber der Fortschritt hält an”, sagte Rosenbauer weiter. "Neulich sagte jemand hier: Es sieht so aus, als könnten wir das Unmögliche erreichen."

Die Welt ist derzeit auf dem besten Weg, diese Krankheit ein für alle Mal zu beseitigen

Im Jahr 1988 wurde die Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) von mehreren Partnern gegründet. Im Mittelpunkt der Strategie steht die flächendeckende Impfung aller Kinder im ersten Lebensjahr.  Die GPEI ist eine der ältesten öffentlich-privaten Partnerschaften im Gesundheitsbereich. Und sie hat viel erreicht: Im Gründungsjahr 1988 gab es schätzungsweise 350.000 Poliofälle – 2018 waren es nur noch 33. Deutschland ist ein starker Partner der GPEI und hat seit 1985 mehr als 550 Millionen US-Dollar für die Polio-Bekämpfung zur Verfügung gestellt. Nun befinden wir uns auf der Zielgeraden: Um Polio als zweite Krankheit der Welt auszurotten, darf das Engagement und die Finanzierung durch Regierungen, Partner und Global Citizens nicht nachlassen.

Eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens

Rosenbauer fügte hinzu, dass die Ausrottung von Polio nur noch eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens ist. Laut Rosenbauer liegt es jetzt an uns, denn wir wissen, dass diese Krankheit ausgerottet werden kann – Indien hat das eindrucksvoll bewiesen.

“Wenn wir die Krankheit nicht ausrotten, war es unsere Entscheidung, dies nicht zu tun. Dann können wir nur uns selbst die Schuld für die Konsequenzen geben", sagte er. "Und die Folgen sind klar: Diese Krankheit wird sich auf der ganzen Welt wieder ausbreiten und wir werden wieder Ausbrüche auf der ganzen Welt erleben, also hat Indien alles in diesem Sinne verändert."

*Wenn im Text von Polio und neuen Fällen des Virus gesprochen wird, ist der wilde Polio gemeint – also jene Viren, die sich auf “natürliche” Weise verbreiten und nicht etwa durch Impfungen ausbrechen.