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Citizenship

“Auf der Suche nach meinen brasilianischen Wurzeln.”

Warum das wichtig ist
Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst “weltwärts” feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Das Programm ermöglicht es jungen Erwachsenen zwischen 18 und 28, ein Jahr in einem Entwicklungsland zu leben und zu arbeiten. Rund 35.000 junge Menschen haben inzwischen in Partnerländern gelebt und an Projekten im Gesundheits-, Bildungs- oder Umweltsektor mitgearbeitet. Seit 2013 absolvieren auch junge Menschen aus den Partnerländern einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Deutschland. Das Programm “weltwärts” wurde vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) ins Leben gerufen.

Ana Leeser, 30, kommt aus Hamburg und ist vor zehn Jahren als eine der Ersten mit dem Programm “weltwärts” ins Ausland gegangen - genauer gesagt nach Brasilien. Ein Jahr lang lebte sie bei einer Gastfamilie in São Paulo und arbeitete in einer Einrichtung, die HIV-positive Kinder betreute.

“Ich wurde in Brasilien geboren. Genauer gesagt in São Paulo. Mit sieben Wochen bin ich dann nach Deutschland gekommen, wo ich von meinen Pflegeeltern adoptiert wurde. Ich bin also in Hamburg aufgewachsen. Weil ich eine andere Hautfarbe habe als meine Eltern und die meisten Menschen in Deutschland, haben mir meine Eltern recht schnell kindgerecht erklärt, wo ich geboren wurde. Überall und immer wieder wurde ich gefragt, woher ich denn komme. Und wenn ich meine Geschichte erzählte, kam oft die Frage, ob ich denn Portugiesisch sprechen könnte. Dass ich es nicht konnte, hat mich lange beschäftigt und irgendwann reifte mein Entschluss, nach dem Abitur nach Brasilien zu gehen, um das Land kennen zu lernen, die Sprache und die Leute. Außerdem wollte ich wissen, ob ich, trotz der Tatsache, in Deutschland aufgewachsen zu sein, vielleicht die eine oder andere “brasilianische Eigenschaft” hatte.

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Mit der Organisation “Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners” nahm ich das Ganze über das Programm “weltwärts“ in Angriff und somit ging es im August 2008 los.

Ich lebte in einer brasilianischen Gastfamilie, in der keiner Englisch und schon gar kein Deutsch sprach. Bis heute stehen wir in Kontakt, wenn auch nicht regelmäßig. In den ersten Wochen musste ich mich an einiges gewöhnen, vor allem an die Sprache, was mir aber erstaunlich leicht fiel. Meinen Freiwilligendienst leistete ich in einer Kindertagesstätte für Kinder aus HIV-positiven Familien. Es gab drei Gruppen: Kleinkinder, Kindergartenkinder und die Schulkinder. In den Alltag der Krippe war ich fest integriert und lernte in den ersten Wochen alle Bereiche kennen. Später betreute ich hauptsächlich eine Gruppe junger Schulkinder und brachte ihnen zum Beispiel das Stricken bei.

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Einige Augenblicke sind mir bis heute ganz genau in Erinnerung geblieben. Ich erinnere mich daran, wie ich nach etwa drei Monaten mit meiner brasilianischen Chefin darüber sprach, ob ich einen Sprachkurs machen sollte. Ich hatte Portugiesisch bisher nur über das Hören gelernt und mit meinem kleinen Wörterbuch. Sie gab mir aber zu verstehen, dass ich das nicht brauchte und dass ich schon sehr gut sprach. Für mich war das eine wunderbare Bestätigung, denn das war einer der Hauptgründe, weshalb ich nach Brasilien kam. Die Sprache endlich sprechen und verstehen zu können, um mich gegebenenfalls auf die Suche meiner Wurzeln machen zu können.

Ein anderes besonderes Erlebnis war, den Karneval in Rio de Janeiro im Sambodromo mitzuerleben. Bis heute erscheint es so unwirklich, dass ich mit einer Freundin elf Stunden eine Sambaschule nach der anderen bestaunte und dieses Lebensgefühl miterleben durfte. Wir überlegten vorher lange, ob es richtig ist, so viel Geld auszugeben – wo wir doch als Freiwillige in einem Land waren, in dem es auch viel Armut gab. Das war ein innerer Konflikt. Aber wir wussten auch, dass wir wahrscheinlich vorerst nicht mehr die Gelegenheit bekommen würden, den Karneval zu erleben.

Neben vielen schönen Erlebnissen, gab es auch schwierigen Momente. Viel zu oft musste ich erklären, dass ich zwar äußerlich aussehe wie eine Brasilianerin aber Deutsche bin, was mir nicht immer abgenommen wurde.

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Auch einige Gegensätze zu Deutschland beschäftigen mich bis heute: etwa das Busfahren. In São Paulo sind die Busse manchmal so voll, dass man vorne in einen Bus einsteigt und an der gleichen Bushaltestelle hinten wieder aussteigt, weil man einmal durch den ganzen Bus gedrängelt wurde. In Deutschland ist die Stimmung schon mies, wenn der Bus mal zu spät kommt. Das ist in Brasilien ganz normal.

Das Programm „weltwärts“ hat mir generell dabei geholfen, mich weiterzuentwickelt. Die Erfahrung machen zu dürfen, richtig weit weg von zu Hause sein zu können, war interessant. Ich habe viel über mich selbst lernen können, was mich bis heute noch prägt. Ich würde jedem empfehlen, die Gelegenheit zu nutzen, ein fremdes Land, eine neue Kultur und Sprache kennenzulernen und dabei viel über sich selbst zu lernen – aber vor allem auch, seinen Beitrag in der jeweiligen Einrichtung zu leisten.”