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Citizenship

Durch die Brille der Anderen: Was Nicht-Deutsche über unsere Wahl denken

Wir Deutschen sind angeblich dafür bekannt, dass wir im Urlaub noch vor dem Frühstück unsere Handtücher auf die Liege werfen. Und die Briten? Die stehen wohl besonders gerne Schlange. Und auch die Niederländer sollen irgendwie sonderbar sein: Da laufen am 5. Dezember traditionell schwarz bemalte Männer Namens „Zwarte Piet“ (schwarzer Peter) durch die Straßen und verteilen Süßigkeiten. Tja. Andere Länder, andere Sitten. Soweit, so bekannt.

Aber wie benehmen wir uns eigentlich, wenn Wahlen vor der Tür stehen? Gibt es auch kulturell-politische Unterschiede? Was denkt eine Niederländerin darüber, dass wir es mit dem Wahlgeheimnis schon sehr ernst meinen? Und was hält ein Iraner von deutschen Nicht-Wählern? Wir haben drei Nicht-Deutsche gefragt, wie sie die Wahlen in Deutschland wahrnehmen – und wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt sind.

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Laura van de V., 27, Digital Health Entrepreneur, aus den Niederlanden.

Man sagt den Deutschen ja eine gewissen Reserviertheit nach. Das gilt auch für die Wahlen: Zumindest trifft man selten Menschen, die einem direkt verraten, wen sie wählen. Wie ist das bei den Niederländern?

Ich spreche offen über meine politische Haltung. Ob das typisch niederländisch ist, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass viele Menschen heutzutage in einer Blase leben und ihre Argumente nicht mit Andersdenkenden teilen. In dem Moment, in dem wir aufhören, unsere Ideale und Meinungen mit anderen zu teilen, entgehen uns wichtige und augenöffnende Diskussionen. Der Dialog ist so wichtig, um andere zu verstehen, Probleme von verschiedenen Seiten zu beleuchten und schließlich gute Lösungen für alle zu finden.

Und wie steht's um die Entscheidungsfindung: Gibt es da Unterschiede zwischen den Wählern in Deutschland und den Niederlanden?

Ich habe das Gefühl, dass viele Deutsche sich von ihrem sozialen Umfeld beeinflussen lassen, also vor allem von Freunden und Familie. Die Menschen scheinen treuer und loyaler gegenüber vertrauten Politikern und Parteien zu sein. In den Niederlanden macht jeder den ich kenne den Wahl-o-Mat und der beeinflusst die Wahlentscheidung gewaltig.

Für mich ist das absolut sinnvoll, weil man seine Ansichten so mit den aktuellen Themen und Standpunkte der Parteien abgleichen kann. Aus diesem Grund kann sich alle vier Jahre ein niederländischer Kabinett ganz anders gestalten. Es führt aber auch zu großer Zersplitterung, auch weil wir die 5-Prozent-Hürde nicht haben. Aber ich glaube, dass auch die politische Stabilität gut sein kann, denn echte Veränderungen können nur über einen längeren Zeitraum umgesetzt werden.

Welches Thema müsste im Wahlkampf deiner Meinung nach eine größere Rolle spielen?

Definitiv der Klimawandel. Ein toter Planet bringt keinem mehr Profit.

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Mohammad Z., 19, Schüler, aus dem Iran.

Du kamst vor zwei Jahren nach Deutschland. Was unterscheidet die Wahlen und die Politik hier von der Situation in deinem Heimatland?

Die Unterschiede sind so gross, dass man sie kaum beschreiben kann. Für das iranische Volk ist jede Wahl die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – für sich selbst und das ganze Land. Vor allem geht es den Menschen um ihre Freiheit, ein besseres Wirtschaftssystem und die Änderungen der Rechte und Regeln im Land.

Und wie ist es in Deutschland?

Zumindest für die jüngere Generation scheint Politik nicht so wichtig zu sein. Sie beschäftigen sich mit vielen anderen Dingen und sind abgelenkt. Heutzutage sehe ich so viele junge Frauen, die aussehen wollen wie Models und Jungs wie Bodybuilder. Aber was ist mit Kunst, Geschichte, Ideologie oder Philosophie: Wer beschäftigt sich damit? Wenn ich Gleichaltrige nach dem Marxismus frage, wissen die meisten kaum etwas darüber – einige wissen nicht einmal, dass Karl Marx Deutscher war. Aber die US-Schauspielerin Amanda Cerny kennen alle. Das finde ich schade.

Was würdest du einem Freund raten, der in Deutschland zur Wahl gehen darf?

Ich würde ihm raten, seine Stimme zu nutzen. Die Wahl hat nicht nur Einfluss auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf andere Länder und die globale Politik. Hitler wurde demokratisch gewählt und wir alle wissen, was diese Entscheidung damals auf der ganzen Welt angerichtet hat. Eine kluge Entscheidung bei der Wahl ist deshalb so wichtig: Sie kann alles verändern.

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Jovanka I., 25, Kauffrau für Versicherungen und Finanzen, Staatsangehörigkeit: Bosnien-Herzegowina.

Du bist in Deutschland zur Welt gekommen, hast aber keine deutsche Staatsbürgerschaft. Was denkst du darüber, dass viele junge Menschen hier nicht wählen gehen?

Das ärgert mich. Ich bin der Meinung, dass jede Stimme zählt und man als Bürger die Pflicht hat, sich mit der Politik seines Landes zu beschäftigen. Um die Demokratie zu erhalten, muss sie genutzt werden. Das heißt besonders für junge Menschen: Wählen gehen und die Politik aktiv mitgestalten!

Was ist bei den Wahlen in Bosnien-Herzegowina anders?

Vieles. Das Land ist ein Mehrvölkerstaat, dadurch sind auch die Probleme des Landes ganz andere. Bosnien-Herzegowina ist geteilt in Föderation und Republik. Und das politische System ist wesentlich komplizierter als in Deutschland: Insgesamt gibt es mehr als 770 Listen mit mehr als 8200 Kandidaten!