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© Yousif Al Shewaili
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Gesundheit

Corona erreicht Moria – so ist die Lage im größten Flüchtlingslager Europas

Warum das wichtig ist
Monatelang hatten Aktivist*innen, Ärzt*innen und andere Expert*innen eindringlich vor einem Corona-Ausbruch im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos gewarnt. Denn Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, ist an einem Ort wie Moria, an dem die Menschen dicht an dicht leben, wo es an Toiletten und Wasser fehlt, nahezu unmöglich. Global Citizen setzt sich dafür ein, dass alle Menschen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Wasser und sanitären Einrichtungen haben. Werde mit uns aktiv.

Vergangene Woche wurde der erste Patient im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos positiv auf COVID-19 getestet. Mittlerweile gibt es zehn bestätigte Fälle. Die Lage ist für die Menschen vor Ort eine Zumutung, für einige ist sie lebensbedrohlich. 

Deshalb fordern Aktivist*innen die Bundesregierung dazu auf, zu handeln. Die Hilfsorganisationen Seebrücke, Sea-Watch, Campact und #LeaveNoOneBehind haben im Rahmen einer bundesweiten Aktion Tausende weiße Stühle vor dem Reichstagsgebäude aufgestellt. Die Organisationen fordern von der Bundesregierung "die humanitäre Katastrophe an den europäischen Außengrenzen endlich zu beenden und die Lager zu evakuieren", berichtet die Tagesschau. Die Bundesregierung solle weitere Geflüchtete aufnehmen, vor allem aus dem überfüllten Flüchtlingslager Moria. Die Stühle symbolisierten die 13.000 Menschen, die momentan in dem Lager leben. Bisher nahm Deutschland 465 Menschen aus Moria auf. 

Romy Bornscheuer, Medizinstudentin und Gründerin des Netzwerks “Europeans for Humanity” ist seit Monaten auf Lesbos. Das Netzwerk berichtet über die Situation in der Ägäis und in Europas größtem Flüchtlingscamp Moria, über seine Einwohner*innen und die unmenschliche Bedingungen, in denen sie leben, aber auch über ihre Träume und Hoffnungen für die Zukunft. Das sind Romys Eindrücke von der aktuellen Situation: 


“Will die Regierung denn, dass wir alle sterben?“ fragt die junge Afghanin Fatima wütend. Die Stimmung im Flüchtlingscamp ist aufgeheizt, die Menschen verunsichert. Es ist glühend heiß, Zelt reiht sich an Zelt, es riecht nach Abfall und Fäkalien. Ein weiterer – noch unangenehmerer, ja lebensbedrohlicher Begleiter ist seit dieser Woche im Camp: Corona.

Mehr als 13.000 Menschen leben in Europas größtem Flüchtlingscamp Moria, mehr als 40.000 sind es auf den ägäischen Inseln insgesamt. Seit Monaten warnen Ärzt*innen, Aktivist*innen und Geflüchtete davor: Wenn das Virus das Camp erreicht, wird es zur medizinischen und humanitären Katastrophe kommen. Es gibt kein fließendes Wasser im Camp, Hunderte teilen sich eine Toilette, um Essen zu bekommen, muss man über Stunden anstehen: Abstand einhalten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmasken tragen? Unmöglich. “Ohne sofortiges und drastisches Eingreifen wird dies in einer katastrophalen Gesundheitskrise münden, die den Tod von Hunderten bereits geschwächter Menschen verursachen könnte“, erklärte die Hilfsorganisation Oxfam.

Tourist*innen trinken Cocktails am Strand

Seit Mitte August gibt es immer mehr positiv getestete Person in der einheimischen Bevölkerung der Insel, doch Restaurants sind weiterhin offen, Tourist*innen trinken Cocktails am Strand. Das örtliche und gleichzeitig einzige Krankenhaus der Insel, hat inzwischen reagiert und alle OPs gestrichen, nimmt keine Patient*innen mehr auf. Kein Wunder: innerhalb von wenigen Tagen gab es über 100 Covid 19-Fälle in der Hauptstadt Mytilene. Dem gegenüber steht die bescheidene Zahl von sechs Intensivbetten für eine Bevölkerung mit 80.000 Menschen, die Geflüchteten nicht mit eingerechnet.

Fragwürdige Maßnahmen: Toilettenpapier für Menschen, die nicht mal eine Toilette haben

Die Maßnahmen der griechischen Behörden zur Corona-Vorsorge in Lesbos waren bisher überwiegend symbolischer Natur. So kam im März aus Athen die Aufforderung an die Asylsuchenden, sich an die Hygienevorschriften zu halten. Wie, wo und mit welchen Mitteln – darauf gab es keine Antworten. Und es wurde Toilettenpapier verteilt – an Menschen, die nicht mal Toiletten haben und das obwohl, es sowieso schon ein enormes Müllproblem im Camp gibt. Außerdem wurde die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sieben Mal in Folge.

Ganz aktuell verhängte nun das griechische Migrationsministerium als Reaktion auf den ersten Covid 19-Fall im Camp eine 14-tägige Quarantäne über Moria. Durch das Haupttor des Lagers dürfen nur noch schwangere Frauen und auch kranke Kinder, die in gegenüberliegende Klinik, behandelt werden können – allerdings nur Notfälle. Die schon stark eingeschränkte Buslinie (zwei- bis dreimal am Tag) vom Camp in die Hauptstadt wurde gänzlich eingestellt. Symbolpolitik – mit möglicherweise fatalen Konsequenzen. 

Inzwischen sind weitere vier Geflüchtete in Moria positiv auf Corona getestet worden. Vier von 500 Getesteten.* Dora Vangi, Sprecherin von "Ärzte ohne Grenzen", berichtete im Gespräch mit ZDFheute von großer Unruhe und Sorge unter den Lagerbewohner*innen. Auch herrsche die Angst, erneut Opfer von Aggressionen zu werden. “Die griechische Regierung erzwingt eine unüberlegte und möglicherweise sehr schädliche Quarantäne im Lager Moria für Migrant*innen und Asylsuchende auf der griechischen Insel Lesbos. Diese Art der Massenquarantäne ist gefährlich und muss unter allen Umständen vermieden werden.“

Wie mit der Pandemie in Moria umgehen?

"Ärzte ohne Grenzen" fordert, zumindest 234 Menschen mit hohem Risiko für eine Covid-19-Schwersterkrankung aus dem Lager herauszuholen und aufs griechische Festland oder in andere EU-Staaten zu bringen. Letzteres scheitert seit Wochen, ja Monaten, am politischen Willen der EU-Mitgliedsstaaten. Und gelingt nicht einmal für Kinder und Jugendliche. Die “Koalition der Willigen“ zur Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge aus Griechenland kam bis zum heutigen Tage nur wenigen Kindern zugute.

Covid-19-Verdachtsfälle außerhalb des Lagers Moria zu isolieren, gehört zu den weiteren medizinischen Notwendigkeiten, so die Organisation. Ende Juni war ein von “Ärzte ohne Grenzen“ errichtetes Behelfs-Isolationszentrum durch lokale Behörden aufgrund von "Verstößen gegen die Stadtplanungsverordnung" geschlossen worden - und musste abgebaut werden.

Ein alternatives Isolationszentrum, von den Niederlanden finanziert, und von Griechenlands Staatsoberhaupt am 20. August feierlich auf Lesbos eingeweiht. Seine Arbeit hat das Zentrum bislang jedoch noch nicht aufgenommen.

Massenquarantäne würde Tausende Menschenleben gefährden 

Fatimas Frage “Will die Regierung denn, dass wir alle sterben?“ ist also nicht unberechtigt, denn die Regierung schaut nicht nur weg, sondern behindert aktiv Hilfsmaßnahmen. Eine Massenquarantäne gefährdet tausende Menschenleben und ist auch aus epidemiologischer Sicht nicht sinnvoll, da ein weiterer Ausbruch im Camp so nicht verhindert werden kann, sondern sogar befördert.

*Anmerkung der Redaktion: Die Zahlen steigen kontinuierlich an. Derzeit sind wir bei zehn positiven Fällen (Stand 7. September 2020).

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