Diese Bücherei auf vier Rädern versorgt Kinder in Ghana mit Bildung

Eine Generation. Eine Zukunft.
Überall auf der Welt gibt es junge Aktivist*innen, die mit ihrem Handeln dazu beitragen, die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen. Diese Aktivist*innen wollen wir in der Serie Eine Generation. Eine Zukunft. in den Mittelpunkt stellen. Der Gründer Frank Akowuge Dugasseh möchte das Potential der Menschen – vor allem der Kindern – in ländlichen Regionen fördern.

“2007 eröffnete ich in Ghana die erste Bücherei auf Rädern. Ausgerüstet mit einem Fahrrad und fünf Bilderbüchern drehte ich meine ersten Runden in Bretuo, einer Dorfgemeinde in der Region Wa im Westen Ghanas. Dieses Projekt soll vor allem Kindern aus benachteiligten Gemeinden auf dem Land uneingeschränkten Zugang zu Lernmaterialien ermöglichen, um ihre Bildungschancen zu verbessern. Und Menschen durch Bildung stärken, damit sie eigenständig Veränderungen in ihren ländlichen Gemeinden anstoßen können.

Die schlechten Noten, die Schüler*innen in den landesweiten Prüfungen erhielten, haben mich auf diese Idee gebracht. Die jährlich abgehaltenen Prüfungen für das Erreichen der Oberstufe wurden nie von mehr als 32 Prozent der Schüler*innen erfolgreich abgeschlossen und nur 9 Prozent aller Kinder im höheren Grundschulalter kennen die Basics des Lesens und Schreibens. Mit 80 Schüler*innen, die auf eine*n Lehrer*in kommen und im Schnitt 43 Tagen, die Lehrer*innen jedes Schuljahr fehlen, mangelt es den Kindern an Austausch und Orientierung während ihrer Schulzeit.

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Obwohl die Schulpolitik vorsieht, dass jedes Kind Anspruch auf mindestens drei Schulbücher haben sollte, ist dies in den meisten Gemeinden in der Region Wa nicht der Fall. Hier müssen sich Kinder oft zu zweit ein Buch teilen.

Ich weiß, was es bedeutet, in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen. Ich wurde in einer von Ghanas Barackensiedlungen in Ashaiman, nahe der Hauptstadt Accra, geboren. Mein Vater ist Pastor in der katholischen Kirche und meine Mutter hat ihr Glück als Händlerin bei vielen Unternehmen versucht, um unsere Familie zu unterstützen.

Meine Familie lebte knapp über der Armutsgrenze (von 1,90 US-Dollar pro Tag, Anm. d. Red.), was dazu führte, dass meine Schwester Elizabeth und ich nicht zur Schule gehen konnten, als unsere Eltern die Schulgebühren nicht mehr zahlen konnten. Eine Sache, für die ich meinen Eltern immer dankbar sein werde, ist ihr unermüdlicher Einsatz, uns um jeden Preis eine hochwertige Ausbildung zu ermöglichen.
Dennoch konnten sie meine Schwester und mich nicht vor dem erniedrigenden Moment bewahren, als unser Lehrer uns vor der versammelten Schulklasse bitten musste, unsere Sachen zu packen und nach Hause zu gehen. 

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Leider wurde 1999 meine Hoffnung, dieser Situation ein Ende zu bereiten, zunichte gemacht, als ich für das jährlich vergebene Stipendium des President’s Independence Day Awards für Studierende mit herausragenden Prüfungsnoten in den BECEs abgelehnt wurde. Der Grund für die Absage: Anscheinend wurde der Preis nicht nur aufgrund der akademischen Leistung, sondern auch für Freizeitaktivitäten vergeben.

Interessanterweise waren der Jury sowohl mein Beitrag zum Erfolg der Fußballmannschaft für unter 15-jährige in nationalen Wettkämpfen, als auch meine Artikel in Ghanas größtem Nachrichtenmagazin Daily Graphic und die vielen anderen Aktivitäten, mit denen ich mich inner- und außerhalb meiner eigenen Community engagierte, entgangen.

Das war der Moment, in dem ich bereits im jungen Alter lernen musste, wie es sich anfühlt, etwas verweigert zu bekommen, auf das man unter sehr schwierigen Bedingungen hingearbeitet hat. Ich verstand, wie Vetternwirtschaft funktioniert und wie daran Träume zerplatzen können. Seitdem nahm ich mir vor, stets mein Bestes zu geben, und dafür keine Belohnung oder Anerkennung von irgendjemanden zu erwarten.

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Die gute Nachricht wiederum ist, dass mich meine guten Noten zunächst in die Dan-Ibu International School und danach in die Presbyterian Boys Secondary School nach Legon (Bezirk in Accra) brachten. Daran anschließend ging ich für mein Grundstudium an die University for Development Studies und schloss mein Aufbaustudium an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology und der Arizona State University ab. 

Seitdem habe ich Projekte begleitet und durchgeführt, die von verschiedenen Organisationen wie dem Institut für Entwicklungszusammenarbeit der Vereinigten Staaten (USAID), dem Global Fund und Microsoft gefördert werden. Mein Einsatz wurde unter anderem von US-Präsident Barack Obama mit dem “Mandela Washington Stipendium” gewürdigt, das junge Menschen in Afrika auszeichnet, die soziale Veränderungen initiieren. Außerdem wurde ich für das Unleash SDG Lab ausgewählt, das sich für die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einsetzt und bei den “Coca Cola Ghana @60 Achievers Awards” ausgezeichnet.

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Bevor ich meine “Bücherei auf vier Rädern” startete, folgte ich meinem Vater bei seinen Besuchen in ländliche Gemeinden, um den Menschen dort den christlichen Glauben näher zu bringen. Damals fuhren wir bis zu 35 Kilometern aus der Stadt raus – mit dem Fahrrad. Unsere Besuche führten mir das Ausmaß der Entbehrungen und die Armut der Menschen vor Augen. Und machten mir die Unterschiede zwischen ihnen und mir klar.

Ab und an gab mein Vater Almosen in der Kirche aus, um den Mitgliedern zumindest für kurze Zeit etwas Erleichterung zu verschaffen. Leider waren seine Bemühungen nicht nachhaltig und führten zu neuen Abhängigkeitsstrukturen. Interessanterweise basieren die Interventionen vieler Spendenorganisationen auf dieser Vorgehensweise, Probleme weniger an der Wurzel zu packen und dadurch nachhaltige Lösungen zu verhindern. 

Diese Ausflüge prägten meine Vision und Suche nach Maßnahmen, die tatsächlich revolutionär, wirkungsvoll, nachhaltig und bezahlbar sind. 

2011 spendeten dann Jonavan Tan und seine Familie aus Singapur über Facebook fast 5.000 Bücher, um die mobile Bibliothek um einen festen Standort zu erweitern. Dafür wurde extra ein Gebäude in Wechiau renoviert und mit Büchern ausgestattet, heute besser bekannt als die Wechiau Community Library (WCL). Außerdem ersetzte die Familie unser Motorrad mit einem richtigen Van, durch den wir den mobilen Buchservice ausbauen konnten. 

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Die feste Bibliothek in Wechiau hat über die Jahre über 1.000 Kinder erreicht und mit Regierungsbehörden, Pädagog*innen, Nichtregierungsorganisationen (NRO) und anderen Interessengruppen zusammengearbeitet, um die Schulpolitik zu beeinflussen und die Qualität der Bildung in der gesamten Region zu verbessern.

2017 gründete WCL mit Unterstützung der NRO World Reader und der Stiftung Rhythm Foundation einen mobilen E-Reader-Dienst, um digitale Lernmethoden zu Kindern aus meist ländlichen Regionen zu bringen. Diese Initiative legt den Grundstein für den Zugang zu digitalen Lernressourcen und schlägt die Brücke für digitales Lernen in ländlichen und urbanen Gemeinden.

Für die Zukunft plane ich die Gründung eines innovativen Lernzentrums, das vor allem auf den technologischen Fortschritt setzt, um Lernprozesse in- und außerhalb Ghanas zu revolutionieren. Bereits seit 2015 äußert WCL beispielsweise die Idee, Drohnen zu nutzen, um Kindern in benachteiligten Gemeinden Lernmaterialien zukommen lassen zu können.”