Benguerdane ist eine kleine Stadt in der Wüstenebene von El Ouara, eine Region im äußersten Südosten von Tunesien, nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Libyen. Das Klima dort ist staubtrocken und die Haupteinkommensquelle der Bevölkerung ist die Aufzucht von Vieh wie Schafen oder Ziegen. Es ist eins der Gebiete, auf die das PRODEFIL-Projekt abzielt – ein mit der EU gemeinsam durchgeführtes IFAD-Projekt, das Tunesiens agropastoralen Systemen hilft, widerstandsfähiger zu werden und Perspektiven für auf dem Land aufwachsende Jugendliche schafft.

Genau davon hat Imen Rezgui profitiert, eine junge Frau, die sich schon immer aktiv in ihrer Gemeinde eingebracht hat. Sie ist Mitglied im Handelsverband Benguerdane, der ursprünglich zur Bekämpfung des illegalen Grenzhandels gegründet wurde, sich jetzt aber hauptsächlich gegen gewalttätigen Extremismus engagiert. Dennoch hatte sie wie viele tunesische Jugendliche Schwierigkeiten, einen bezahlten Job zu finden. Fünf Jahre nach ihrem Abschluss als Agraringenieurin war sie immer noch arbeitslos. Weil ihr Vater kurz nach ihrem Universitätsabschluss bei einem Unfall starb, musste sie zu Hause bleiben und sich um ihre Mutter und vier Geschwister kümmern. Auch sie fanden trotz Abschluss alle keine Arbeit.

Imen wurde zur ersten weiblichen Kamelzüchterin Tunesiens und Nordafrikas

Das änderte sich schlagartig im Jahr 2019, als Imen vom Support Fund for Project Holders hörte, einem von PRODEFIL finanzierten Programm, das Frauen, jungen Absolvent*innen und professionellen Organisationen dabei hilft, ein Geschäft zu gründen oder zu erweitern. Sie reichte einen Vorschlag für einen Kamelzuchtbetrieb ein, der im Februar desselben Jahres angenommen wurde. Sie steuerte einen Teil ihres eigenen Startkapitals mit einem Bankkredit und familiärer Unterstützung bei und der Fonds übernahm den Rest.

Traditionell gesehen ist Kamelzucht eine reine Männerdomäne, doch an dem Tag, als ihr Vorschlag angenommen wurde, wurde Imen nicht nur in Tunesien, sondern in ganz Nordafrika die erste weibliche Kamelzüchterin. Wie hat es eine junge Frau ohne einschlägige Erfahrung geschafft, damit erfolgreich zu werden? Sie war entschlossen und hartnäckig. Sie hatte gesehen, dass ein Nachbar mit der Aufzucht von Kamelen ein gutes Einkommen betreiben konnte, und dachte sich: "Warum sollte ich das nicht auch können?"

Dennoch stieß Imen auf viele Hindernisse. Arabische Kamele sind hochempfindliche Tiere, die bei geringsten Veränderungen nervös werden und aufgrund ihrer Körpergröße schwer zu kontrollieren sind. In der Region fehlte es an passendem Futter, tierärztlicher Ausbildung und Sicherheitsvorkehrungen. Aber Imen ließ sich nicht abschrecken. Sie suchte nach Informationen im Internet. Wenn sie ihren Kamelen nicht genau das geben konnte, was diese brauchten, hoffte sie, dass die emotionale Beziehung, die sie zu ihnen entwickelt hatte, das Schlimmste abfedern würde.

Hilfe erhielt sie zudem von PRODEFIL. Das Programm stellte einen erfahrenen Kamelfahrer ein, der Imen jeden Monat besuchte und ihr technische Hilfe und Rat gab. Die veterinärmedizinische Beratung, wurde von einem Tierarzt geleistet, der mit der regionalen Kommission für landwirtschaftliche Entwicklung zusammenarbeitet. Die lokale Bauernorganisation half weiterhin mit Rat und lokaler Fachkenntnis. Im Rahmen des Programms wurde hochwertiges Kraftfutter für Milchvieh gekauft, das glücklicherweise für die Kamele geeignet war. 

Die Mastphase des Kamelaufzuchtprozesses begann im Oktober 2019. Nach sechs Monaten hatte sich das Gewicht ihrer Kamele von 85-120 kg auf 150-300 kg erhöht – ganz im Sinne der vom Arid Regions Institute veröffentlichten Richtlinien. Imen benötigte nur eine Woche, um ihre Kamele zu verkaufen, unter anderem, weil sie auf Facebook warb. Und beim Verkauf der Kamele bewies sie Geschäftssinn: Sie erzielte einen sehr guten Durchschnittspreis von 2.100 Dinar (rund 645 Euro) pro Kamel.

Imen wurde als beste Bäuerin in der Médenine-Gegend ausgezeichnet

Mit dem erzielten Profit konnte sie sich selbst und zwei Familienmitgliedern, die sie eingestellt hatte, einen Lohn auszahlen. Außerdem legte sie genügend Mittel beiseite, um eine neue Gruppe Kamele zum Aufziehen anzuschaffen. Doch laut Imen ist der wichtigste Lohn die Erfahrung, die sie gewonnen hat.

Ermutigt durch ihren jüngsten Erfolg und mit ihrem noch intakten Startkapital, ist Imen bereit, ihr Abenteuer fortzusetzen. Sie hat sich mit ihrem Bruder zusammengetan, der kürzlich einen Mikrokredit von einer anderen lokalen Organisation erhalten hat, um eine weitere Runde der Kamelaufzucht mit etwa 40 jungen Kamelen zu starten. Außerdem plant sie, ihre Ställe und die Ausrüstung aufzubessern.

Die Erfolge von Imen werden sowohl in ihrer Heimatstadt als auch in ihrer Region anerkannt. Nachbar*innen, andere junge Menschen und sogar andere Kamelzüchter*innen fragen sie jetzt um Rat. Als Zeichen der Dankbarkeit und in Anerkennung des Nationalen Frauentags in Tunesien wurde sie kürzlich vom Minister für Landwirtschaft und dem Tunesischen Verband der Landwirtschaft und Fischzucht als beste Bäuerin in der Médenine-Gegend ausgezeichnet. 

Als eine der ersten Kamelzüchterinnen ihrer Region hat sie unzählige Menschen in ihre Arbeit eingeführt, die in El Ouara weitgehend unbekannt war. Zwei weitere junge Geschäftsleute haben es Imen seither gleichgetan und Vorschläge für Kamelaufzuchtsprojekte bei PRODEFIL vorgestellt, die kürzlich bestätigt wurden.

Ob sie es weiß oder nicht: Auch darüber hinaus haben Imens Errungenschaften eine noch deutlich tiefergehende Wirkung. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat sie in einem konservativen Umfeld Meinungen und Ansichten geändert. Sie ist der Beweis dafür, dass eine Frau in einem traditionell männlichen Bereich erfolgreich sein kann – und dass jeder und jede mit dem Mut und der Entschlossenheit, wie Imen sie an den Tag legt, weit kommen kann.

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Die erste weibliche Kamelzüchterin Nordafrikas: Imens Geschichte