Diese Frau zeigt auf, wie unverhältnismäßig stark indigene Gemeinschaften in Kanada von COVID-19 betroffen sind

Autor: Jacky Habib

Daniel Crump for Global Citizen

Als die Weltgesundheitsorganisation COVID-19 im März 2020 zur Pandemie erklärte, reagierten die indigenen Gemeinden in der kanadischen Provinz Manitoba schnell.

"Viele unserer Gemeinden schlossen ihre Grenzen, um die Bewegung einzudämmen. Es gab einen Lockdown, der den Verkehr auf wesentliche Dinge beschränkte", sagt Carla Cochrane. Sie ist regionale Forschungskoordinatorin beim First Nations Health and Social Secretariat of Manitoba. 

"Unsere Gemeinden haben bereits vor den Lockdowns Schritte unternommen und sich abgeriegelt. Das war der Versuch, die indigenen Gemeinden zu schützen", erklärt sie Global Citizen. 

Denn schon im Jahr 2009, als sich das H1N1-Virus in der Provinz verbreitete, waren indigene Völker überproportional davon betroffen. Sie wurden öfter ins Krankenhaus geliefert, lagen häufiger auf der Intensivstation und starben öfter an den Folgen des Virus als andere Kanadier*innen. 

"Wir indigenen Völker in Manitoba wurden von H1N1 hart getroffen. Aufgrund dieser Erfahrung bildeten wir sofort nach Ausrufung der Corona-Pandemie ein Pandemie-Reaktionsteam", sagt Cochrane. 

Sie befürchteten, dass indigene Gemeinschaften überproportional von den Auswirkungen des Coronavirus betroffen sein könnten. 

Sie selbst half bei der Koordination dieser provinzweiten Reaktion auf die Pandemie, die sich auf die Unterstützung indigener Gemeinschaften konzentrierte. Gemeinsam mit regionalen Organisationen gründete das First Nations Health and Social Secretariat of Manitoba das Manitoba First Nations Pandemic Response and Coordination Team. Dieses setzt sich aus Untergruppen wie dem Harm Reduction Committee oder der Task Force für häusliche Gewalt zusammen.

Zwar habe es zu diesem Zeitpunkt keine Corona-Fälle in der Provinz gegeben, sagt Cochrane. Aber die Menschen seien in höchster Alarmbereitschaft gewesen. Denn sie befürchteten, dass indigene Gemeinschaften überproportional von den Auswirkungen des Virus betroffen sein könnten. 

Erst einige Monate später, im September 2020, erreichte das Corona-Virus die indigenen Gemeinschaften in Manitoba. Zu diesem Zeitpunkt begann Cochrane, die zu den Ojibwe und den Cree gehört, damit, Daten zu teilen, die zeigen, wie sich COVID-19 auf indigene Gemeinschaften in der gesamten Provinz auswirkt. Cochrane nahm dafür die offiziellen Daten der Provinz zu den COVID-19-Fallzahlen. Diese zeigten beispielsweise, wie viele Menschen infiziert waren, auf der Intensivstation lagen oder am Virus gestorben waren. Diese fügte sie in leicht lesbare Vorlagen ein und teilte die mit den indigenen Gemeinden. Die Daten umfassten alle 63 indigenen Gemeinden Manitobas. 

Auch hier hatte Cochrane vom Ausbruch des H1N1-Virus gelernt. Damals habe es keine gute Dokumentation gegeben, sagt sie. Um sicherzustellen, dass das nicht noch einmal passiert, dokumentierte sie Herausforderungen und Erfolge des Manitoba First Nations Pandemic Response and Coordination Teams. Außerdem bewertete sie die Pandemie-Maßnahmen in der Zeit von März 2020 bis März 2021, um bei zukünftigen Virus-Ausbrüchen auf das Gelernte zurückgreifen zu können. 

"Von Oktober bis März haben wir 155 Gemeindemitglieder verloren", sagt Cochrane. "Das war beinahe ein Mensch jeden Tag. Das ist eine ganze Menge."

Cochrane verlor geliebte Menschen an COVID-19

Die gesammelten Daten zeigten einmal mehr, dass die indigene Bevölkerung stärker von COVID-19 betroffen ist als andere Kanadier*innen. So gehören in Manitoba lediglich zehn Prozent aller Menschen indigenen Völkern an. Doch 70 Prozent der COVID-19-Fälle in der Provinz entfielen auf sie. Zudem lag das Durchschnittsalter der an COVID-19 Verstorbenen in der Provinz bei 83 Jahren, während es bei den indigenen Völkern bei 66 Jahren lag

"Auch wenn wir hier Zahlen und Daten nennen, sind das alles Mitglieder unserer Gemeinschaft. Menschen aus unserer Familie, Menschen, die wir kennen", sagt Cochrane.

WBS_CarlaCochrane_Canada_DanielCrumpforGlobalCitizen-03 copy.jpgCarla Cochrane is photographed in Winnipeg, Canada in October 2021.
Image: Daniel Crump for Global Citizen

Cochrane selbst hat in der Pandemiezeit mehrere Freund*innen und Verwandte verloren, die an dem Virus erkrankt sind. 

"Es kam so plötzlich", sagt sie über ihre Tante, die an COVID-19 starb. "Sie wurde einfach krank. Sie war nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause. Sie war in Quarantäne und das Nächste, was man erfuhr, war, dass sie gestorben ist.”

Der Tod von Jennifer Garson, einer Schulfreundin von Cochrane, erschütterte die ganze Gemeinde. Denn die damals 38-jährige Garson ist der jüngste Mensch in der Provinz, der an dem Virus starb. 

"Es hat uns wirklich schwer getroffen, weil jede*r sie kannte und sie mit vielen Menschen verbunden war. Die Menschen liebten sie. Als sie starb, war sie bei ihren Eltern und einer ihrer letzten Sätze war 'Ich liebe dich'." 

"Es spielt keine Rolle, ob es sich um eine kleine oder eine große Gemeinde handelt – jeder Mensch ist irgendwie betroffen. Denn jede*r kennt jede*n", fügt sie hinzu. "Der Verlust eines Gemeindemitglieds hat also einen Dominoeffekt.” 

Die COVID-19-Impfung schützt Freund*innen, Familie und die Gemeinschaft

Im März 2021, nachdem ihre Gemeinschaft der Fisher River Cree Nation ihre Mitglieder innerhalb des Reservats geimpft hatte, öffnete sie die Impfungen auch für Mitglieder, die außerhalb des Reservats leben. So konnte sich auch Cochrane, die in Winnipeg lebt, impfen lassen. 

WBS_CarlaCochrane_Canada_DanielCrumpforGlobalCitizen-02.jpgAs the regional research coordinator at the First Nations Health and Social Secretariat of Manitoba, Carla Cochrane has been collecting and sharing data on COVID-19 cases, highlighting its disproportionate impact on Canada’s Indigenous communities.
Image: Daniel Crump for Global Citizen

Cochrane, die sagt, dass sie sich auf die Impfung gefreut habe, erzählt, dass sie sich in ihr Auto gesetzt habe. Vier Stunden habe die Fahrt zu ihrer Gemeinde und damit auch zur Impfung gedauert.

"Ich fühlte mich ein wenig erleichtert, weil ich verstand, dass es eine solidarische Sache ist. Es geht nicht nur im mich. Es geht darum, dass ich meinen Teil dazu beitrage, der gesamten Gemeinschaft zu helfen", sagt sie.

Auch ihren Vater, bei dem während der Corona-Pandemie Krebs diagnostiziert wurde, konnte Cochrane bei ihrer Impfung im Reservat treffen – mit Maske und aus der Ferne. Wenn sie über ihn spricht, wird Cochrane emotional. Sie erzählt, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit gewesen sei, sich impfen zu lassen, um diejenigen zu schützen, die gefährdet sind oder nicht die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen, darunter auch ihr fünfjähriges Kind.

Cochrane betont, dass sie nicht die Einzige ist, die sich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetzt. Denn sie kenne einige Menschen, die zunächst zögerten oder sich sogar gegen eine Impfung aussprachen. Viele hätten sich dann aber doch für die COVID-19-Impfung entschieden, um andere zu schützen. 

"Durch H1N1 haben wir Verluste erlebt, und das zeigt, wie wichtig es ist, dass jede*r seinen und ihren Teil tut und unsere Gemeinschaften schützt", sagt sie. "Wenn sich Menschen trotz Bedenken impfen lassen, zeigt das einfach, dass sie sich kümmern – um ihre Familie und die Gemeinschaft.” 

Wenn uns das Jahr 2020 etwas über globale Gesundheit gelehrt hat, dann ist es die Relevanz von Impfstoffen. Die Serie “World's Best Shot” erzählt die Geschichten von Impfstoff-Aktivist*innen auf der ganzen Welt.

Diese Serie wurde mit Unterstützung durch die Bill and Melinda Gates Stiftung ermöglicht. Jeder der Beiträge ist redaktionell unabhängig erstellt worden.