Von Rachel Kyte, Dekanin der Fletcher School an der Tufts University und ehemalige Vizepräsidentin der Weltbank. 

In den letzten zwei Jahren wurden die Rufe nach einer Reform der Weltbank immer lauter. Sie bahnten sich ihren Weg auf die Titelseiten großer Zeitungen und schließlich auf die Agenda der Staatschefs. 

Viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – jene Bevölkerung, der die Weltbank helfen soll – machen mehr und mehr Schulden und sehen sich steigenden Kosten gegenüber, da die Auswirkungen der Klimakrise dramatisch zunehmen. Zahlreiche Kritiker werfen der Weltbank vor, sich nicht weiterzuentwickeln, um den Krisen gerecht zu werden. 

Die Aufgabe, diese Reform in die Wege zu leiten, liegt jetzt bei Ajay Banga, einem indisch-amerikanischen Geschäftsmann und ehemaligen CEO von Mastercard, der von Präsident Joe Biden nominiert wurde, um den zurücktretenden Weltbankpräsidenten David Malpass zu ersetzen.

Banga, der einzige Kandidat für den Posten, wurde am 3. Mai 2023 von den Exekutivdirektoren der Weltbank bestätigt. Seine Amtszeit als Präsident begann am 2. Juni. 

Es mangelt nicht an Ratschlägen, was Banga und die Weltbank nun tun sollten. 

Die G20 hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, in dem sie die Weltbank und andere multilaterale Entwicklungsbanken auffordert, ihre Kreditbeschränkungen zu lockern, um mehr Geld in bedürftige Länder fließen zu lassen. Eine von den Ökonomen Nicholas Stern und Vera Songwe geleitete Kommission forderte einen schnellen und nachhaltigen Investitionsschub, der den Übergang zu sauberer Energie, die Erreichung der Global Goals sowie die Bedürfnisse jener Länder zu priorisieren, die besonders von der Klimakrise betroffen sind. 

Die afrikanischen Finanzminister*innen werden demnächst ihre eigene "To-do-Liste" für die Weltbank vorlegen, und der indische Finanzminister hat gerade eine Expertengruppe zusammengestellt, die sich mit der Reform der Weltbank befassen soll.

Banga wird mit diesen und vielen anderen Aufgaben in den Job einsteigen. Dennoch wird er eine Unternehmenskultur erben, die zu sehr nach innen gerichtet ist und sie zu langsam in ihrem Handeln macht. Ich habe für und mit der Weltbank gearbeitet. Ich sehe vier Schlüsselrollen – vier "C's" –, die Banga von Anfang an in den Griff bekommen muss. 

Aufgrund seiner Erfolgsbilanz und seines Rufs, die Dinge sehr genau zu durchdenken, bin ich zuversichtlich, dass er das kann.

1. Handeln Sie als CEO und sorgen Sie dafür, dass gesamte Weltbankgruppe effizient arbeitet

Die Weltbankgruppe ist ein Konglomerat mit vier Bilanzen, drei Kulturen und vier Exekutivräten sowie einem Streitbeilegungsorgan. 

Die Kreditvergabe an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist nur ein Teil ihrer Rolle. 

Die Weltbankgruppe bietet auch technische Hilfe in allen Bereichen der wirtschaftlichen Entwicklung an und investiert in Projekte und Orte und bietet Risikoversicherungen, um Unternehmen zu ermutigen, in Vorhaben und Regionen zu investieren, die sie sonst als zu riskant betrachten würden. 

Die Fähigkeit, privates Kapital zu mobilisieren und sehr durchdacht mit dem Budget umzugehen, ist entscheidend, um die Bedarfe für Entwicklungszusammenarbeit sowie Klimaanpassungs- und -begrenzungsstrategien der Welt zu decken. Banga wird klare Ziele für jeden Teil der Weltbankgruppe setzen müssen und sie effektiver arbeiten lassen, um der Welt bei der Erreichung ihrer Ziele zu helfen.

2. Seien Sie der Anführer bei der Bewältigung der Schulden- und Klimakrise

Viele der Kundenländer der Weltbankgruppe sehen sich sowohl mit einer wachsenden Verschuldung als auch mit steigenden Kosten durch die Klimakrise konfrontiert.

Die hohen Kreditkosten können ärmere Länder daran hindern, in die für Wachstum und den Schutz ihrer Volkswirtschaften erforderliche Infrastruktur zu investieren. Gleichzeitig  befürchten sie, vom Welthandel ausgeschlossen zu werden, da die grünen Subventionen der USA im Rahmen des “Inflation Reduction Act” und die Kohlenstoffsteuer an der europäischen Grenze ihre Wettbewerbsfähigkeit erschweren könnten.

Die Lösungen für solche Probleme können nicht von einer einzigen Institution verwaltet werden. Das derzeitige System der multilateralen Entwicklungsbanken – die Weltbankgruppe und die regionalen Entwicklungsbanken – ist im besten Fall unzusammenhängend und im schlimmsten Fall konkurrierend.

In der Vergangenheit haben die Leiter*innen der Entwicklungsbanken, des Internationalen Währungsfonds und der Welthandelsorganisation je nach Krise und Persönlichkeit mehr oder weniger zusammengearbeitet und konnten schnell handeln, wenn es nötig ist.

Während der globalen Finanzkrise 2008 und 2009 beispielsweise beeilten sich die damaligen Leiter der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO), Handelsfinanzierungsfazilitäten zu entwickeln, um Banken in Entwicklungsländern zu unterstützen, als das Kapital bereits in die USA und nach Europa verschwand.

Es bedurfte intensiver Diplomatie, um die wohlhabenden Länder und Institutionen dazu zu bewegen, Geld bereitzustellen, um Unternehmen und Handel zu stützen. Der Erfolg wurde nicht in Monaten, sondern in Tagen gemessen.

Der neue Präsident der Weltbank wird eine radikalere Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zur Entwicklungsfinanzierung unterstützen müssen, einschließlich der Bündelung von Kapital und Talenten, um schnell auf die Bedürfnisse der Länder reagieren zu können.

Das wird nicht einfach sein. Institutionelle Rivalitäten sind tief verwurzelt. Aber angesichts der knappen Budgets wird immer deutlicher, dass es keine andere Möglichkeit gibt. Das nötige Kapital ist bereits im System vorhanden und kann effektiver eingesetzt werden, wenn die Institutionen bereit sind, sich anzupassen.

3. Werden Sie Vermittler 

Um die Strukturen des internationalen Finanzwesens zu überarbeiten, müssen alle an Bord sein – Entwicklungsbanken, Zentralbanken, Regulierungsbehörden, Investmentbanken, Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften und Private Equities.

Banga und die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, sollten institutionelle Differenzen beilegen und gegenüber privaten Investoren und den wichtigsten Kreditgebern ein geschlossenes Bild zeigen und so die Unterstützung für betroffene Länder beschleunigen. Zum Beispiel gegenüber China, das sich zum größten Gläubiger von ärmeren Ländern entwickelt hat. 

Bei anderen Themen wie naturbasierten Lösungen gegen die Klimawkrise, dem Aufbau von Widerstandsfähigkeit sowie wirtschaftlicher Eingliederung kann die Weltbankgruppe ihre beträchtlichen Ressourcen und Fähigkeiten, einschließlich der Datenanalyse, in globale Gespräche einbringen. Hier wurde sie in den letzten vier Jahren schmerzlich vermisst.

4. Setzen Sie sich für die Schwächsten ein

Die am stärksten gefährdeten Menschen der Welt sollten eigentlich von der Weltbankgruppe profitieren. 

Für diejenigen, die vom Verlust der biologischen Vielfalt und den Auswirkungen der Klimawkrise, wie extremer Hitze, Dürre und Überschwemmungen, am stärksten betroffen sind, erweist sich das derzeitige internationale Finanzsystem als absolut unzureichend.

Die Managementanreize der Weltbankgruppe sind immer noch zu sehr auf die vom Vorstand genehmigte Kreditvergabe ausgerichtet und nicht auf die Ergebnisse dieser Kreditvergabe sowie die Beratung und Unterstützung.

Im Laufe ihrer Geschichte waren die Verantwortlichen der Weltbank in der Lage, rasche Veränderungen vorzunehmen, um gefährdeten Ländern besser helfen zu können, wenn sie die Bedürfnisse der Begünstigten und die Ziele, die sich die Welt gesetzt hat, nicht aus den Augen verloren.

Der nächste Präsident steht vor turbulenten Zeiten. Bangas aufmerksames Zuhören auf seiner Wahlkampftour zeigt, dass er sich der Komplexität bewusst ist. Dies ist ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte der Institution, in dem die Erwartungen an eine Führungspersönlichkeit enorm hoch sind.

Dieser Artikel wurde von The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz neu veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel auf Englisch. 

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