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Frauenrechte

Als ich eingesehen habe, dass mein 15-jähriges Ich alles andere als ein taffes Leben hatte

Flickr, Prabhu B Doss

Für jemand, der gefährlich nah an der 30 ist (okay, zugegeben, ich hab noch 3 Jahre) reflektiere ich nichtsdestotrotz immer mal wieder über meine Jugend. Und ich muss ehrlich zugeben, dass ich ziemlich froh bin, dass ich diese Phase meines Lebens hinter mich gebracht habe. Nicht weil 15 Jahre alt sein doof war, sondern weil sich damals jede noch so kleine Begebenheit wie das Ende meines Daseins angefühlt hat. 15 sein war ziemlich taff. Wenn zum Beispiel meine Mutter mich vor den Augen meiner ach-so-coolen 15-jährigen Freunde für irgendwas blödes zurecht gewiesen hat - Hilfe, Leben für immer ruiniert. Wenn mein Vater mich von der Schule abholte und mich irgendwie blamiert hat, im besten Fall vor den ach-so-coolen Jungs - Leben definitiv für immer ruiniert. Wenn mein kleiner Bruder mir hinterhergelaufen und persönliche Dinge über mich quer über die ganze Straße geschrien hat - Leben SO WAS VON ruiniert. 

Umso älter ich jedoch werde, umso mehr realisiere ich, dass mein 15-jähriges Ich alles andere als ein 'taffes' Leben hatte. Ich hatte eine Familie, drei Mahlzeiten am Tag (gern auch mehr), ein Dach über dem Kopf und eine solide Schulbildung von Anfang bis Ende. Schlicht: ich hatte ziemlich viel Glück als 15-jährige, etwas, das bei weitem leider nicht alle Mädchen weltweit von sich sagen können.

Zum Beispiel die 15-jährige Marcela aus El Salvador. Marcela wurde am helllichten Tage mit zwei Kugeln in den Kopf niedergeschossen, wahrscheinlich weil sie sich weigerte, die Freundin eines Gang-Mitgliedes zu werden. Marcelas Schwester war Zeuge der Tat.
Oder aber die 15-jährige Jessica, die Tag für Tag von einem Mädchen in ihrer Schule gemobbt wurde. Das Mädchen zwang Jessica, persönliche Sachen an sie abzugeben, eine Bluse zum Beispiel, oder eine Jeans. Besagtes Mädchen hatte einen Bruder, der einer Gang angehörte. Eines Tages verlangte das Mädchen einen Stift von Jessica, da Jessica allerdings nur einen einzigen Stift hatte, sagte sie nein. Seitdem ist Jessica verschwunden. Ihre beste Freundin Aby, die zur gleichen Schule ging, hat seitdem das Haus nicht mehr verlassen. 

Mädchen in El Salvador haben drei Möglichkeiten: sich vor den Gangs zu verstecken, ihnen nachzugeben oder schlichtweg ihr Leben zu verlieren.

Auch Afghanistan gehört mit zu den menschenrechtsverletzendsten Ländern wenn es um die Rechte von Frauen geht. Die Lebenserwartung von Frauen liegt bei gerade mal 44 Jahren. Mütter, die nur Töchter zur Welt bringen, sind eine Schande, Töchter eine Last und über die Hälfte aller Mädchen sind im Alter von 15 Jahren entweder verheiratet oder verlobt. In Afghanistan will man definitiv nicht als Mädchen geboren werden, was viele Eltern dazu veranlasst, ihre Töchter als Söhne aufzuziehen.

Mehran with her sisters.jpgMehran mit ihren Schwestern. Photograph: Adam Ferguson

Mehran beispielsweise ist ein sogenannter 'bacha posh' (was grob übersetzt bedeutet: 'als Junge verkleidet oder 'falsche Söhne'). Mehran wurde als Mädchen geboren, doch da ihre Mutter bereits zwei Töchter hatte und es in Afghanistan inakzeptabel für eine Frau ist, keinen Sohn zu haben, wuchs Mehran als Junge auf. Mehrans Mutter Azita weiß, wie aussichtslos und grausam das Leben als Mädchen sein kann. Sie selbst hatte die Möglichkeit zur Universität in Kabul zu gehen, doch letztendlich verheirateten ihre Eltern sie mit ihrem Cousin, der Analphabet ist und sie brutal schlägt. Kurz nach der Hochzeit trieb Azitas Verzweiflung sie in einen Selbstmordversuch, und selbst heute hat sie Selbstmordgedanken. In Afghanistan verbrennen Frauen sich lieber selbst, als weiter durch die Hand ihrer brutalen Ehemänner zu leiden. „Wieso sollte ich aus meiner Tochter einen Sohn machen, wenn hier alles in Ordnung wäre?" sagt Azita, „Nichts hat sich hier geändert und nichts wird sich hier je ändern. Es geht alles in die falsche Richtung."

afghani.pngImage: Flickr, ResoluteSupportMedia

Die 15-jährige Zahra ist ebenfalls ein ‘Bacha Posh’, und das seit ihrem zweiten Lebensjahr. Heute ist sie 15 Jahre alt, lebt mit ihren Eltern in Kabul und will ihre Privilegien als Junge nicht aufgeben. „Die Menschen hier beschimpfen Mädchen, sie schreien sie auf offener Straße an. Wenn ich das sehe will ich kein Mädchen sein. Ich will für immer ein Junge, ein Junge, ein Junge bleiben."

Die 15-jährige Nasoin Akhter aus Bangladesch ist bereits verheiratet, mit einem Mann der 17 Jahre älter ist als sie. Bangladesch gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Rate an zwangsverheirateten Mädchen, 29% von ihnen noch vor ihrem 15. Geburtstag und ganze 65% wenn sie 18 werden. Die meisten Familien versuchen ihre Töchter so schnell wie möglich zu verheiraten, da Mädchen als finanzielle Bürde für die eigene Familie betrachtet werden. Ebenso wird Bildung für Mädchen als überflüssig eingestuft, da die Männer arbeiten gehen und Geld verdienen. 

bangla.pngImage: Flickr, SAM Nasim

Auch Faridah aus Pakistan musste mit 15 Jahren die Schule beenden, weil sie mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet wurde. Als sie ihren Ehemann darum bat, weiterhin zur Schule gehen zu dürfen, wurde er handgreiflich. „Er schlug mich, er stritt mit mir, er weigerte sich mich weiterhin zur Schule gehen zu lassen."
65 Millionen Mädchen weltweit haben keinen Zugang zu Schulbildung. Für Tausende von ihnen endet die Schule mit der frühen Zwangsverheiratung, in der sie oft physische und psychische Misshandlungen erfahren und sie durch verfrühte Schwangerschaften ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. 

paki.pngImage: Flickr, International Fund for Animal Welfare Animal Rescue Blog

Überhaupt ein Mädchen in Indien zu sein ist oft ebenfalls alles andere als einfach. Schätzungen besagen, dass in Indien jeden Tag in etwa 2000 Mädchen ihr Leben verlieren, viele von ihnen sogar noch bevor sie geboren werden oder unmittelbar nach der Geburt. Dies bestätigte die Familienministerin des Landes, Maneka Gandhi in einem Interview mit dem Sender NDTV: „2000 Mädchen kommen täglich im Mutterleib um...diejenigen, die geboren werden bekommen ein Kissen ins Gesicht gedrückt, um zu ersticken."

Die vorsätzliche Tötung von weiblichen Föten bzw. Säuglingen ist ein massives Problem in Indiens hochgradig patriarchischer Gesellschaft, denn Mädchen werden aufgrund der fortbestehenden Tradition der Mitgift oft als Bürde für die Familie angesehen. Und wie sieht das Leben als 15-jährige aus? Nicht wirklich besser. Dieses Jahr wurde ein 15-jähriges Mädchen mutmaßlich von einer Gruppe von sechs Männern in einem Shop im Vorort Chembur vergewaltigt. Ein weiteres 15-jähriges Mädchen wurde auf einer Geburtstagsfeier in Thane vergewaltigt, für das drei Männer verhaftet wurden. 

indiangirls.pngImage: Flickr, Renu Parkhi

Solche Geschichten lassen sich fast überall auf der Welt finden. Und das schlimme ist: sie nehmen kein Ende. Ein 15-jähriges Mädchen zu sein ist kein Kinderspiel. Inzwischen weiß ich mein kostbares Glück, ein recht unbeschwertes Lebens als 15-jährige geführt zu haben, sehr zu schätzen. Und umso mehr setze ich mich heute dafür ein, dass Mädchen und Frauen weltweit endlich zu ihrem Recht kommen, ein ebenfalls selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Das Mädchen und Frauen weltweit gleichberechtigt angesehen und behandelt werden, sie den gleichen Respekt genießen und den gleichen Zugang zu Bildung erhalten. Ich weiß, der Weg dahin scheint erschreckend lang, aber auch ein Weg von tausend Meilen fängt mit einem ersten Schritt an. Wenn wir nicht Müde werden, uns für diese Rechte einzusetzen und wir gemeinsam, Generation für Generation, dafür kämpfen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir echte Veränderungen bewirken können.