Alles, was du über Impfstoff-abgeleitete Polioviren wissen musst

Autor: Jacky Habib

Muhammad Sajjad/AP

Polio ist auf dem besten Weg, die zweite menschliche Krankheit zu werden, die jemals ausgerottet wurde (Anm. der Redaktion: 1979 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Pocken als ausgerottet). Seit 1998 ist die Zahl der Polio-Fälle weltweit um 99 Prozent zurückgegangen. Von den drei Varianten des Polio-Wildvirus ist nur noch einer – der Polio-Wildvirus Typ 1 – im Umlauf. 

Die niedrigen Impfraten geben jedoch Anlass zu "globaler Besorgnis", so Dr. Zubair Mufti Wadood, ein leitender Epidemiologe in der Polioabteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Poliomyelitis (Kinderlähmung) ist eine hochinfektiöse Viruserkrankung, die von Mensch zu Mensch übertragen wird, hauptsächlich durch fäkal-orale Übertragung oder, seltener, durch Tröpfchen beim Niesen oder Husten einer infizierten Person oder durch einen gemeinsamen Träger (zum Beispiel kontaminiertes Wasser oder Lebensmittel).

Während die meisten Fälle von Polio asymptomatisch verlaufen, kann das Virus in das Nervensystem einer Person eindringen und Lähmungen und in einigen Fällen sogar den Tod verursachen. Zu den Risikofaktoren gehören schlechte sanitäre Verhältnisse, eine hohe Bevölkerungsdichte und niedrige Impfraten. 

Einige Bevölkerungsgruppen sind einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt, aufgrund von Konflikten, Unsicherheit im Land oder einer geschwächten Gesundheitsinfrastruktur – Faktoren, die zu niedrigen Impfraten führen. Zu den Bevölkerungsgruppen mit hohem Risiko gehören auch Menschen in schwer zugänglichen Gebieten sowie nomadische Gruppen. 

Der Polio-Impfstoff, der oral (OPV) oder durch eine Spritze (IPV) verabreicht wird, kann ein Kind lebenslang schützen. 

In Gebieten mit niedrigen Impfraten ist die Immunität der Bevölkerung jedoch zu schwach, um die  Übertragung des Virus zu stoppen, mit der Gefahr einer internationalen Ausbreitung und einer Ausbreitung von Impfstoff-abgeleiteten Viren.

Seit 2017 gibt es weltweit mehr Polio-Lähmungsfälle, die auf Impfstoff-abgeleitete Viren zurückzuführen sind, als auf Polio-Wildviren, sagt Wadood gegenüber Global Citizen – eine direkte Folge der niedrigen Impfraten.

Wie entstehen Impfstoff-abgeleitete Polioviren?

Der orale Polio-Impfstoff, der lebenslangen Schutz vor Polio bietet, enthält eine abgeschwächte Form des Poliovirus, die Kindern hilft, eine Immunität gegen die Krankheit zu entwickeln. Ein Kind kann durch die Impfung nicht mit Polio infiziert werden. Der orale Polio-Impfstoff hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Polio in den meisten Regionen der Welt ausgerottet werden konnte.

Nach Einnahme des oralen Impfstoffs vermehren sich die Lebendviren gewöhnlich für sechs bis acht Wochen im Magen-Darmtrakt der geimpften Person. Sie aktivieren das Abwehrsystem und regen die Produktion von Antikörpern an. Gleichzeitig werden Impfviren beim Stuhlgang ausgeschieden. Diese können sich über Schmierinfektionen im Umfeld verbreiten und andere Personen infizieren. Aber auch die dadurch Infizierten entwickeln keine Symptome, sondern bauen, wie die geimpfte Person selbst, einen Schutz gegen die Krankheit auf. 

Problematisch wird es jedoch, wenn Impfviren in Gemeinden mit niedrigen Impfraten und schlechten sanitären Verhältnissen über lange Zeiträume zirkulieren. Denn im Laufe der Zeit kann sich das Impfvirus genetisch verändern und in eine Variante übergehen, die bei ungeimpften Personen einen Krankheitsausbruch und Lähmungen verursachen kann. In diesen Fällen spricht man von zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Polioviren, auch bekannt als cVDPD. Personen, die vollständig gegen Polio geimpft sind, sind jedoch sowohl gegen das Polio-Wildvirus als auch gegen Impfstoff-abgeleitete Polioviren geschützt. Laut Wadood reicht eine Impfrate von über 90 Prozent bei Kindern aus, um das Auftreten des Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus zu verhindern.

Mythen über Impfstoff-abgeleitetes Polio

Laut Wadood, der bei der WHO die Planung und Durchführung von Programmen zur Ausrottung der Kinderlähmung unterstützt, ist die Bezeichnung "Impfstoff-abgeleitetes Poliovirus" irreführend, da es sich anhört, als stamme das Virus aus dem Impfstoff selbst.  

"Das Impfstoff-abgeleitete Poliovirus ist keineswegs eine Nebenwirkung des Impfstoffs oder eine Folge der Impfung. Seine Entstehung hängt ganz allein von der Immunität der Bevölkerung und der Impfrate in einem bestimmten Gebiet ab", erklärt Wadood.

Bei hohen Impfraten und einer daraus resultierenden hohen Immunität der Bevölkerung kann das Virus nicht lange zirkulieren und daher auch nicht mutieren. Ein Ausbruch des zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus wird dadurch verhindert.

Letztendlich gilt: "Je höher die Impfrate, desto geringer ist das Risiko von Ausbrüchen des zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus", so Wadood.

Wo Impfstoff-abgeleitetes Polio derzeit vorkommt

Im Jahr 2022 wurden Fälle des zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus, die zu Lähmungen führten, aus Niger, der Demokratischen Republik Kongo (DRK), Nigeria, Somalia, Madagaskar, Mosambik, Tschad, Togo und dem Jemen gemeldet. Im Jahr 2021 gab es Fälle in 24 Ländern, darunter in der Ukraine, Afghanistan und Tadschikistan. 

Im Jahr 2020 verdreifachte sich die Zahl der Lähmungen, die durch Impfstoff-abgeleitete Viren ausgelöst wurden,  im Vergleich zum Vorjahr fast. Das ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, unter anderem auf die Unterbrechung der routinemäßigen Polio-Impfkampagnen während der COVID-19-Pandemie. Weltweit wurden im Jahr 2020 über 1.000 paralytische Fälle gemeldet. Seitdem sind die paralytischen Fälle wieder zurückgegangen, wobei 2021 weniger als 700 Fälle gemeldet wurden und 2022 ein weiterer Rückgang zu verzeichnen ist, mit aktuell insgesamt 158 Fällen (Stand Juli 2022).

Besorgniserregend ist die Situation besonders in der Demokratischen Republik Kongo, im Jemen, Somalia und Nord-Nigeria, denn dort sind die Impfraten niedrig und etwa 80 Prozent der weltweiten Fälle des zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus treten in diesen Ländern auf.

In einigen nigerianischen Bundesstaaten wie Sokoto und Zamfara lag die Impfrate bei den Polio-Routineimpfungen im Jahr 2021 bei weniger als zehn Prozent, so Wadood. In Nigeria werden mehr als 80 Prozent der neuen Polio-Fälle aus Bundesstaaten gemeldet, in denen die Impfrate weniger als 40 Prozent beträgt, erklärt der Epidemiologe.

Die gute Nachricht sei, dass die Ausbreitung des Virus geografisch konzentriert sei und jährlich abnehme. Allerdings sagt Wadood auch, dass die Ausbrüche hartnäckig sind und "alle anderen Länder der Welt einem sehr hohen Risiko aussetzen, ebenfalls von Polio-Ausbrüchen betroffen zu werden".

Auch wenn die Fallzahlen niedrig erscheinen mögen, so kann doch ein einziger Fall Kinder weltweit dem Risiko aussetzen, an Polio zu erkranken. Nach Angaben der WHO könnte das Scheitern der Ausrottung der Kinderlähmung zu bis zu 200.000 neuen Fällen pro Jahr führen.

Wer sind die Hauptakteur*innen im Kampf gegen Polio?

Die Global Polio Eradication Initiative (GPEI) arbeitet seit 1988 an der weltweiten Ausrottung von Polio. Sie ist eine Partnerschaft von nationalen Regierungen, der Weltgesundheitsorganisation, Rotary International, den US Centers for Disease Control and Prevention, UNICEF, der Bill & Melinda Gates Foundation und Gavi, der internationalen Impfallianz. 

Die GPEI schätzt, dass ihre Arbeit verhindert hat, dass 20 Millionen Menschen an Lähmungen leiden und 1,5 Millionen Menschen an den Folgen der Kinderlähmung starben.

Im April rief die GPEI Länder und Partner dazu auf, die für die Umsetzung ihrer Strategie 2022-2026 erforderlichen 4,8 Milliarden US-Dollar (rund 4,7 Milliarden Euro) bereitzustellen. Mithilfe der Gelder sollen in den nächsten fünf Jahren jährlich 370 Millionen Kinder geimpft und globale Überwachungsmaßnahmen für Polio und andere Krankheiten finanziert werden.

Was können wir gegen die Impfstoff-abgeleitete Kinderlähmung tun?

Die Impfstoff-abgeleitete Kinderlähmung stellt eine Bedrohung für die weltweite Ausrottung von Polio dar. Als Reaktion darauf müssen die Polio-Überwachungssysteme gestärkt und hohe Impfraten gewährleistet werden. Dadurch können sowohl Fälle von Polio-Wildviren als auch Impfstoff-abgeleiteter Polioviren verhindert und somit sichergestellt werden, dass kein Kind auf der Welt mehr dem Risiko ausgesetzt ist, sich mit der Infektionskrankheit anzustecken.

Darüber hinaus führt die GPEI einen neuen Impfstoff ein, den neuen oralen Polio-Impfstoff Typ 2 (nOPV2), der dazu beitragen könnte, Ausbrüche des Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus nachhaltiger zu stoppen.

"Die in nOPV2 vorgenommenen Änderungen ermöglichen es, Ausbrüche genauso wirksam zu stoppen wie der bereits verwendete orale Impfstoff. Die Wahrscheinlichkeit, dass veränderte Varianten entstehen, die Lähmunge verursachen können, ist aber deutlich geringer", sagt Dr. Ananda Bandyopadhyay, stellvertretender Direktor für Polio bei der Bill & Melinda Gates Foundation, in einer Erklärung gegenüber Global Citizen. "Dieser neue Impfstoff kann einen echten Unterschied in der Art und Weise machen, wie wir den zirkulierenden Impfstoff-abgeleiteten Poliovirus verhindern und die Übertragung von Polio für immer stoppen."

Das Ende der Kinderlähmung ist in Sicht, aber das Virus versucht alles, um sich weiter zu verbreiten. Die Serie "The Comeback We Never Wanted" befasst sich mit der Frage, wie und warum Polio-Ausbrüche in den letzten Jahren zugenommen haben. Sie geht auf Fragen im Zusammenhang mit dem Zugang zur Gesundheitsversorgung ein, beleuchtet die Auswirkungen von COVID-19, die Schwierigkeiten bei der Versorgung von Menschen in Konfliktgebieten und vieles mehr.

Offenlegung: Diese Serie wurde mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation ermöglicht.


Anm. der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurden die Polio-Impfraten in einigen nigerianischen Bundesstaaten falsch angegeben. Er wurde mit den korrekten Statistiken aus dem Jahr 2021 aktualisiert.