Warum das wichtig ist
Die COVID-19-Pandemie hat zum ersten Mal seit Jahrzehnten zu einem Anstieg extremer Armut weltweit geführt. Um die Global Goals der Vereinten Nationen (UN) bis 2030 zu erreichen, muss die internationale Gemeinschaft jetzt zusammenarbeiten und mit gemeinsamen Strategien und Maßnahmen auch Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen unterstützen. 

Sonder... was bitte? Ja, wir geben zu – kein einfaches Thema! Aber ein wichtiges. Denn die sogenannten Sonderziehungsrechte (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) können dabei helfen, die Auswirkungen der Pandemie besonders auf die einkommensschwächsten Länder der Welt zu lindern. 

Zeit also, zu erklären, was Sonderziehungsrechte überhaupt sind, wie sie die Weltwirtschaft ankurbeln können und wessen Unterstützung erforderlich ist, um das Instrument nutzen und damit verhindern zu können, dass Länder noch tiefer in Armut abrutschen. 

Was sind Sonderziehungsrechte und wie können sie bei der weltweiten Erholung von der Pandemie helfen?

Sonderziehungsrechte wurden 1969 vom Internationalen Währungsfonds (IWF) eingeführt und sind eine internationale Währungsreserve, die Ländern bei Bedarf zusätzliche Liquidität verschaffen kann. Jedes Mal, wenn der IWF eine Neuvergabe von Sonderziehungsrechten beschließt, werden diese an seine 190 Mitgliedsländer verteilt. Die Verteilung geschieht dabei im Verhältnis zur IWF-Quote und relativen Wirtschaftskraft der Länder. So erhalten wohlhabende Länder mehr SZR, während Länder mit niedrigem Einkommen weniger erhalten.

Je nach Bedarf können Sonderziehungsrechte zwischen IWF-Mitgliedsstaaten ge- oder verkauft werden. Ist ein Land in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, kann es gegen einen Teil seiner SZR andere Währungen erwerben, um die eigene Zahlungsfähigkeit wieder zu erhöhen. SZR können aber auch zur Rückzahlung von Schulden oder als Währungsreserve verwendet werden.

Seit der Einführung im Jahr 1969 hat der IWF seinen Mitgliedstaaten 204,2 Milliarden SZR zugewiesen, was einem Wert von etwa 290 Milliarden US-Dollar (rund 244 Milliarden Euro) entspricht. Davon wurden 182,6 Milliarden SZR im Jahr 2009 im Rahmen der Finanzkrise vergeben.

Wann kommen Sonderziehungsrechte zum Einsatz? 

Das letzte Mal, dass neue Sonderziehungsrechte (SZR) genutzt wurden, war während der Finanzkrise 2008-2009. Hunderte Milliarden US-Dollar wurden so freigesetzt, um Länder auf der ganzen Welt in einer Zeit der Not zu unterstützen.

Jetzt, mehr als ein Jahrzehnt später, diskutieren Staats- und Regierungschef*innen erneut über das Instrument des Internationalen Währungsfonds. Auch diesmal in der Hoffnung, Länder weltweit dabei zu unterstützen, sich von der globalen Wirtschaftskrise zu erholen, die durch die COVID-19-Pandemie ausgelöst wurde.

Welchen aktuellen Bedarf für neue Sonderziehungsrechte gibt es?

Im vergangenen Jahr haben sich führende Politiker*innen, Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und Finanzexpert*innen weltweit für eine Neuvergabe von SZR ausgesprochen, um auf die Auswirkungen der Pandemie zu reagieren. Durch eine Neuvergabe würden alle IWF-Mitgliedstaaten zusätzliche Währungsreserven erhalten und das zu einem Zeitpunkt, an dem der Finanzbedarf weiterhin groß ist.

Ein solcher Schritt könnte besonders Länder mit niedrigem Einkommen dabei unterstützen, auf unmittelbare und langfristige Herausforderungen zu reagieren, die durch die COVID-19-Krise entstanden sind. Mit dem gewonnenen finanziellen Spielraum könnten Länder beispielsweise Impfstoffe kaufen oder auch die nationale Wirtschaft wieder ankurbeln und Arbeitsplätze sichern. 

In einer Zeit, in der sich die Lücke zwischen Arm und Reich vergrößert, muss sichergestellt werden, dass Regierungen über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügen, um die am stärksten benachteiligten Gruppen zu unterstützen. Denn wenn diesen jetzt nicht gezielt geholfen wird, wird es deutlich schwieriger, globales Wachstum wieder anzukurbeln, extreme Armut zu beenden und die Global Goals in diesem Jahrzehnt zu erreichen. 

Während der internationalen Finanzkrise beschloss der IWF bereits im Jahr 2009 eine Neuvergabe von SZR –  auch damals mit dem Ziel, die Erholung der internationalen Wirtschaft zu fördern. Obwohl IWF-Mitgliedstaaten mit niedrigem Einkommen aufgrund des Verteilungsschlüssels eine geringere Anzahl an SZR bekamen, konnten die meisten von ihnen im Vergleich zu wohlhabenden Mitgliedstaaten aber einen proportional größeren Anstieg an Währungsreserven verzeichnen.

Die erforderliche Unterstützung für neue Sonderziehungsrechte

Die USA können Entscheidungen zu SZR durch ihren hohen Stimmanteil im IWF blockieren. Unter der Regierung des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump war genau das der Fall. Die USA blockierten eine Neuvergabe von SZR mit der Begründung, dass dies vor allem wohlhabenden Ländern mehr Ressourcen zur Verfügung stellen würde. Führende Politiker*innen, so unter anderem die Geschäftsführerin des IWF, Kristalina Georgieva, haben jedoch darauf hingewiesen, dass wohlhabende Staaten SZR an Länder mit niedrigem Einkommen übertragen und somit in der aktuellen Situation unterstützen könnten. Unter der neuen Regierung von US-Präsident Joe Biden mehren sich aktuell die Zeichen auf eine Kehrtwende und eine Entscheidung über neue SZR in Reaktion auf die COVID-19-Krise rückt in greifbare Nähe.

So haben die G20-Finanzminister*innen erst Ende Februar einen wichtigen Schritt in Richtung einer Neuvergabe von SZR getan. Bei einem gemeinsamen Treffen haben die G20-Staaten den IWF beauftragt, einen Vorschlag zur Nutzung neuer SZR auszuarbeiten. Somit könnte noch in den kommenden Wochen eine Entscheidung getroffen werden, die für den globalen Kampf gegen die Pandemie wegweisend wäre.

Eines steht fest: Wenn wir die durch die COVID-19-Pandemie ausgelöste Krise überwinden wollen, müssen wir  jetzt gemeinsam handeln und zwar schnellstmöglich. Die Mobilisierung finanzieller Mittel, unter anderem durch die innovative Nutzung von bereits vorhandenen Instrumenten wie den Sonderziehungsrechten, ist dafür essentiell. Denn bei all den Herausforderungen, vor die uns die Pandemie gestellt hat, haben wir auch die einzigartige Möglichkeit, jetzt die Weichen für eine gerechte Welt zu stellen. Deswegen hat Global Citizen im Februar 2021 die Kampagne “Recovery Plan for the World” ins Leben gerufen, mit der wir dazu aufrufen, die COVID-19-Krise gemeinsam zu bewältigen. 

Wie kannst du aktiv werden?

“Global Citizen: Recovery Plan for the World – Ein Aktionsplan für eine gerechte Welt nach der Pandemie” ist unsere Kampagne für das Jahr 2021, mit der wir dazu aufrufen, die COVID-19-Krise gemeinsam zu bewältigen und die Weichen für eine gerechte Welt zu stellen. Mit einer Serie von (digitalen) Events wollen wir Global Citizens, politische Entscheidungsträger*innen, Künstler*innen, Philanthrop*innen, und CEOs mit Pop und Politik zusammenbringen. Denn nur gemeinsam können wir die Pandemie besiegen, die Hungerkrise ein für allemal beenden und allen Kindern überall Zugang zu Bildung ermöglichen, für Gerechtigkeit sorgen und die Klimakrise aufhalten. Schließe dich unserer Kampagne an und werde hier aktiv.

Global Citizen Explains

Armut beenden

Was sind “Sonderziehungsrechte” und wieso können sie für die globale Pandemiebekämpfung noch wichtig werden?

Ein Beitrag von Kristine Liao