Neben all dem vergänglichen Trubel und Glitzer der alljährlichen Oscar-Verleihung, gibt es dieses Jahr eine Nominierung, die tatsächlich das Potential hat, positiven Einfluss auf das wahre Leben jenseits der Leinwand zu nehmen.

Die Rede ist von Sharmeen Obaid-Chinoys Film 'A Girl in the River: the Price of Forgiveness'. Der Film erzählt die Geschichte von Saba, einer 18-jährigen jungen Frau aus Pakistan, die von ihrem eigenen Vater und Bruder umgebracht werden sollte, weil sie einen Mann gegen den Willen der Familie geheiratet hat. Sabas Vater und ihr Bruder prügelten sie fast bis zur Bewusstlosigkeit, schossen ihr in den Kopf und warfen ihren Körper in einen Fluss, in der Hoffnung, dass Saba es nicht überlebt.

Doch Saba lebt! Sie lebt und erzählt ihre Geschichte, um die Welt wachzurütteln und die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das so grausam ist, dass es kaum zu begreifen ist: Ehrenmorde in der eigenen Familie.

Kurz bevor die Kugel Sabas Kopf traf, drehte sie ihren Kopf reflexartig zur Seite. Dadurch traf die Kugel sie nicht frontal. Halb bewusstlos schaffte sie es, sich aus dem Wasser zu hieven und in ein Krankenhaus zu kommen. 
Als Filmproduzentin und Regisseurin Obaid-Chinoy von diesem außergewöhnlichen Vorfall hörte, wusste sie sofort, dass sie Saba persönlich kennen lernen wollte.

Jedes Jahr sterben mehr als 1000 Frauen in Pakistan aufgrund von 'Ehrenmorden'. Sabas Schicksal ist traurigerweise nur eines von vielen. Doch sie hat die Chance, ihre Geschichte zu erzählen und so die Welt auf diese grausame Praktik aufmerksam zu machen und dagegen zu mobilisieren. Hier ist der Trailer zu dem Film: 

TRAILER - A Girl in the River: The Price of Forgiveness from Sharmeen Obaid Films on Vimeo.

„Ein Film ist ein machtvolles Medium, denn es erlaubt Menschen, sich einem Thema zu nähern, dem sich sie normalerweise nicht verbunden fühlen." erklärt Obaid-Chinoy in einem Interview mit Global Citizen während des World Economic Forums 2016. „Der Film lässt den Zuschauer etwas aus einer ganz bestimmten, neuen Perspektive sehen und findet so den emotionalen Zugang. Man wird Teil der Erfahrung. Diese Stimmen, diese Gesichter bleiben im Gedächtnis."

Nominiert für die diesjährigen Oscars in der Kategorie 'Best Documentary (short category), entfachte 'A Girl in the River' bereits politische Diskussionen in Pakistan. Nachdem die Nominierung für den Film bekannt gegeben wurde, veröffentlichte Pakistans Premierminister Nawaz Sharif seine Glückwünsche an Obaid-Chinoy und fügte hinzu: „die Regierung ist entschlossen, diese grausame Praktik in Pakistan durch entsprechende Gesetzgebungen zu beenden."

Vergangenen Montag, am 22. Februar, lud Nawaz Sharif dann sogar zu einer Vorführung des Films in das Regierungsgebäude ein - ein Zeichen dafür, dass der Film an politischem Gewicht gewinnt. 

'A Girl in the River' ist dabei nicht der erste Film von Obaid-Chinoy, der international an Anerkennung gewinnt. Im Jahr 2012 war sie die erste Person pakistanischer Abstammung, die einen Oscar bekam - damals für ihre Dokumentation 'Saving Face', ein Film über Überlebende von Säureattacken in Pakistan.

„In all der Zeit vor meiner Dokumentation hat fast niemand über Säureattacken gesprochen, aber dank der Oscar-Nominierung war das Thema plötzlich auf der Titelseite aller Zeitungen [in Pakistan], wann immer ein Angriff mit Säure stattfand.", erzählt Obaid-Chinoy. „Die viele Aufmerksamkeit, die der Film erzeugte, veranlasste eine Provinz, die für besonders vielen Säureattacken bekannt ist, sogar dazu, Urteile gegenüber Tätern schneller voran zu treiben und zu fällen."

Es sind solche Zeichen, die belegen, dass Pakistan auf dem richtigen Weg ist, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen und sie vor Gewalt zu schützen. Diese Woche beispielsweise wurde in Punjab, der größten Provinz des Landes, ein offizielles Gesetz verabschiedet, dass alle Formen der Gewalt gegenüber Frauen als Straftat einstuft und somit nicht nur Frauenrechte stärkt, sondern auch gegen häusliche und seelische Gewalt vorgeht.

Zugegeben, es ist noch ein langer Weg, bis diese Veränderungen das ganze Land erreicht haben, vor allem dort, wo kulturelle und religiöse Vorstellungen tief verwurzelt sind. Doch Obaid-Chinoy ist entschlossen, dass ihr Film auch über die Oscars hinaus wirken wird und hofft, dass sowohl Gesetze auch als die Einstellung der Menschen sich weiter ändern. Ihr Ziel ist es, eine Zukunft zu schaffen, in der keine Frau jemals wieder unter solch einem Schicksal wie das von Saba leiden muss - oder das der unzähligen Frauen, die jedes Jahr ihr Leben verlieren.

„Es gibt keine 'Ehre' in Ehrenmord", twitterte sie in Zusammenhang mit der Veröffentlichung ihres Films. „Es ist weder Teil unserer Religion, noch unserer Kultur, es ist vielmehr ein Schandfleck in unserer Gesellschaft."  

Sharmeen Obaid-Chinoy arbeitet auch mit CHIME FOR CHANGE zusammen, um sich für Bildung und Rechte für Mädchen weltweit einzusetzen. Hier sind einige ihrer großartigen Filme, um mehr zu erfahren.

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Gerechtigkeit fordern

Oscar-nominierte Produzentin kämpft mit ihrem Film gegen 'Ehrenmorde'

Ein Beitrag von Yosola Olorunshola