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Cameroon: A child in the arms of her mother receiving her dose of the oral polio vaccine.
Louie Rosencrans/CDC
Gesundheit

Nigeria ist laut WHO offiziell frei von wildem Polio – und damit der gesamte afrikanische Kontinent

Warum das wichtig ist
Der afrikanische Kontinent hat am 25. August 2020 einen wichtigen Meilenstein erreicht: Er ist nun offiziell frei von wildem Polio. Dieser Erfolg ist vor allem dem unermüdlichen Einsatz von Gesundheitshelfer*innen zu verdanken, die betroffene Gemeinden mit Informationen und lebenswichtigen Impfstoffen versorgen. Nun geht es darum, auch die finalen Schritte für eine poliofreie Welt zu gehen. Werde hier mit uns aktiv, damit jeder Mensch ein gesundes Leben führen kann.  

Vor vier Jahren wurde in Nigeria die letzte Infektion mit Wildpolio gemeldet. Das Land war das einzige auf dem afrikanischen Kontinent, in dem das Virus noch vorkam. Nun gilt Nigeria offiziell als frei von wildem Polio – ein wichtiger Meilenstein für ganz Afrika im Kampf gegen eine Krankheit, die zu lebenslangen Lähmungen führen kann.

Das Polio-Wildvirus (WPV) hat über Jahrtausende die Lebensqualität von Millionen Kindern weltweit gefährdet und wird daher auch als Kinderlähmung bezeichnet. Die Infektionskrankheit wird durch verschmutztes Wasser oder kontaminierte Nahrung übertragen. Vor allem Kinder unter fünf Jahren sind betroffen – bei ihnen führt eine von 200 Infektionen zu bleibenden körperlichen Schäden. Für fünf bis zehn Prozent jener betroffenen Kinder endet eine Infektion durch die Lähmung der Atemmuskulatur tödlich.

In Pakistan und Afghanistan kommt Polio weiterhin vor

In den 1980er Jahren wurde ein Punkt erreicht, an dem 1.000 Kinder an Polio starben –  jeden Tag.

Dank globaler Bemühungen steht die Welt heute kurz vor der offiziellen Ausrottung von Polio. Pakistan und Afghanistan sind die letzten Länder weltweit, in denen die Krankheit noch endemisch – also örtlich begrenzt – auftritt. In Entwicklungsländern wie Nigeria wird der Kampf gegen schwerwiegende Infektionskrankheiten wie Polio durch instabile Gesundheitssysteme erschwert, aber auch durch soziale Faktoren wie Religion, Einkommen und Bildung. Daher ist der jüngste Erfolg Nigerias vor allem den Gesundheitshelfer*innen zu verdanken, die an vorderster Front gegen Polio im Einsatz sind.  

Voller Einsatz In Nigeria: Die Gesundheitshelferin Lami Isah Kyadawa

Lami Isah Kyadawa, 48, ist eine jener Hilfskräfte. Sie unterstützte über 12 Jahre lang die groß angelegte Impfinitiative Immunization Plus Days (IPDs). 2015 trat sie dem Freiwilligennetzwerk Volunteer Community Mobilizer (VCM) bei. Seitdem arbeitet sie als Gesundheitshelferin im nigerianischen Bundesstaat Sokoto.

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“[Die] Ausrottung von Polio bedeutet, dass meine Heimat Nigeria endlich frei von Wildpolio ist und unsere Kinder sicher vor Lähmungen durch das Virus sein werden”, so Kyadawa gegenüber Global Citizen. "Es macht mich stolz, dass ich zu denen gehöre, die dafür gesorgt haben, dass die Ausrottung der Kinderlähmung in Nigeria erreicht wurde und wir uns nun auf die Verbesserung der Routineimpfungen und andere Krankheiten fokussieren können.”

Obwohl in Nigeria 2008 nur 28 Infektionen mit dem Polio-Wildvirus registriert wurden, stieg die Zahl 2009 auf 258 Fälle an. 2012 wurden in Nigeria mehr als die Hälfte aller Poliofälle weltweit gemeldet.

“Auch wenn ich mich selbst nicht mit Polio infiziert habe, hat sich mein Leben durch den Kampf gegen diese Krankheit verändert”, so Kyadawa. “Ich verlor ein Auge bei einem Unfall auf dem Rückweg von Vorbereitungen einer Impfkampagne in einer Siedlung an der Grenze zu Illéla [in Sokoto].”

Vorurteile und religiöse Missverständnisse erschweren die Ausrottung von Polio

Kyadawas Arbeit ist alles andere als einfach in einer Region, in der sich Vorurteile und Fehlinformationen weiterhin hartnäckig halten. Gründe dafür sind das oftmals niedrige Bildungsniveau und die fehlende Aufklärung der Bevölkerung.
“Einige Gemeindemitglieder weigerten sich anfangs, ihre Kinder impfen zu lassen, einerseits aufgrund religiöser Missverständnisse oder weil sie glaubten, dies [die Impfung] sei eine Form der Verhütung, damit ihre Kinder selbst weniger Kinder zur Welt bringen könnten”, erklärt Kyadawa. “Kinder wurden durch Polio verkrüppelt, weil Eltern die Impfung für ihre Kinder ablehnten.”

Ähnlich wie bei der Bekämpfung von COVID-19 ist die vollständige Ausrottung die einzige Möglichkeit, um Polio ein für alle Mal zu besiegen. Denn die Übertragungsmuster der Krankheit führen dazu, dass ein Fall bereits ausreicht, um ganze Gemeinden erneut zu gefährden.

Kein Kind ist vor Polio sicher, solange noch ein Kind weltweit infiziert ist

“Solange auch nur ein Kind infiziert bleibt, sind Kinder in allen Ländern dem Risiko ausgesetzt, an Polio zu erkranken”, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). “Wenn es nicht gelingt, die Kinderlähmung in diesen letzten verbleibenden Hochburgen auszurotten, könnten innerhalb von zehn Jahren jährlich bis zu 200.000 neue Fälle auf der ganzen Welt auftreten", so die WHO.

Der Kampf zur Eindämmung von Kinderlähmung ist vielschichtig und generationenübergreifend. Er geht zurück auf das Jahr 1789, in dem der britische Arzt Dr. Michael Underwood die erste bekannte klinische Analyse von Polio unternahm.

1955 wurde seine Arbeit von dem US-amerikanischen Immunologen Dr. Jonas Salk fortgesetzt, der den ersten Impfstoff gegen Polio entwickelte: Die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV). 1988 wurde bei der Weltgesundheitsversammlung die Global Polio Eradication Initiative (GPEI) ins Leben gerufen, mit dem Ziel, Polio weltweit auszurotten.

Die Arbeit der GPEI und von Gesundheitshelfer*innen weltweit hat zu enormen Erfolgen  geführt. Seit 1988 sind die Infektionen mit dem Polio-Wildvirus um mehr als 99 Prozent zurückgegangen – von schätzungsweise 350.000 Fällen jährlich auf nur 33 Fälle im Jahr 2018, so die WHO.  Vor 20 Jahren wurden noch mehr als 75.000 Kinder durch wilden Polio gelähmt.

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Kyadawas Arbeit zeigt Wirkung

Dies zeigt sich auch in Kyadawas Arbeit.

Kyadawa geht von Tür zu Tür und versucht, das Bewusstsein der Menschen für Gesundheitsthemen und medizinische Versorgung zu schärfen. “Ich identifiziere schwangere Frauen und Kinder unter einem Jahr, die an die nächstgelegene Einrichtung für routinemäßige Impfungen und Schwangerschaftsvorsorge (ANC) überwiesen oder wieder angeschlossen werden sollten. Im Durchschnitt besuche ich an einem Tag 15 bis 20 Haushalte", sagt sie Global Citizen.

Kyadawa arbeitet auch mit Betreuerinnen zusammen, um sie über Themen aufzuklären, die dabei helfen können, Krankheiten zu verhindern. Sie zeigt ihnen, wie man langlebige Insektizidnetzen (LLIN) zur Malariaprävention verwendet, wie wichtig Händewaschen ist und wie man richtig stillt.

"[Die] Ausrottung von Kinderlähmung bedeutet meiner Gemeinde so viel, weil sie glücklich sind, dass Nigeria nun als eines der poliofreien Länder eingestuft wird", sagt Kyadawa. "Jetzt wissen sie die Bemühungen der Regierung und der Partner zu schätzen, die dies möglich gemacht haben.

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COVID-19 erschwert den Kampf gegen Polio

Doch die COVID-19-Pandemie hat die Arbeit von Poliohelfer*innen enorm erschwert.

"COVID-19 hat meine Arbeit aufgrund der Lockdowns in einigen Teilen des Landes definitiv beeinträchtigt", sagt Kyadawa. "Ich musste die Intensivierung meiner Sensibilisierungs- und Verbundtreffen reduzieren; wir konnten die Kinder nicht wie sonst identifizieren, da große Versammlungen verboten waren und so keine Zeremonien zur Namensgebung stattfinden durften. Und es beeinträchtigte auch die Mobilisierung für routinemäßige Impfungen, da die Menschen zuhause bleiben müssen, Geschäfte, Schulen und auch einige Krankenhäuser geschlossen wurden.”

Das heißt aber nicht, dass man aus dem Kampf gegen Polio keine Lehren ziehen kann, wenn es um den Kampf gegen COVID-19 geht.

Nigerias Erfolg: Ein Sieg für die ganze Welt

Kyadawa ist sich sicher, dass es am besten ist, dem Rat von Gesundheitsexpert*innen und der Regierung zu folgen, um seine eigene Gesundheit und die Gesundheit seiner Mitmenschen zu schützen. Nur so könne außerdem sichergestellt werden, dass alle schwangeren Frauen Zugang zu medizinischer Vorsorge haben und dass Kinder unter einem Jahr durch Routineimpfungen geimpft werden. Auch in weniger entwickelten und marginalisierten Gemeinschaften sei es wichtig, traditionelle und religiöse Anführer ins Gespräch zu bringen, fügt sie hinzu.

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Für Menschen wie Kyadawa ist die Ausrottung von Polio in Nigeria nicht nur ein Sieg für ihre Gemeinden, sondern ein Sieg für die ganze Welt.

"[Einer der Fälle, an denen ich gearbeitet habe, war] eine schwangere Frau, die ich im Laufe meiner wöchentlichen Arbeit aufgespürt habe, und ich habe sie an eine Einrichtung überwiesen, um mit der Schwangerenvorsorge zu beginnen. Nachdem sie damit begonnen hatte, überwachte ich weiterhin ihre Besuche, bis sie ihr Kind zur Welt kam", beschreibt Kyadawa ihre liebste Erinnerung.

"Nach der Entbindung besuchte ich sie zu Hause, um sie zu beglückwünschen und sowohl Mutter als auch Vater über die Bedeutung einer routinemäßigen Impfung zum richtigen Zeitpunkt aufzuklären", fügt sie hinzu. "Sie stellten sicher, dass das Kind alle notwendigen Impfstoffe einschließlich Polio erhielt, und nach dem letzten Besuch kam der Ehemann persönlich, um mir dafür zu danken, dass ich mich um das Wohlergehen seines Kindes kümmere.“
Die Zitate von Lami Isah Kyadawa wurden übersetzt und für bessere Verständlichkeit leicht abgeändert.