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Gesundheit

So sehen Sieger aus: Nigeria ist polio-frei!

Diese Woche ist Europäische Impf-Woche. Der absolut perfekte Anlass, endlich mal dieser Nachricht hier die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken: *trommelwirbel*...

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das westafrikanische Land Nigeria offiziell von der Liste der polio-epidemischen Länder gestrichen. Yesss!

Das bedeutet, dass seit über einem Jahr in dem Land kein Mensch mehr an Polio (bei uns eher unter ‘Kinderlähmung’ bekannt) erkrankt ist. Damit gibt es in ganz Afrika derzeit keinen einzigen Fall von Kinderlähmung mehr. Hallo, also wenn das mal kein Anlass zum feiern ist!

Alles klar, ich feier mit! Nur ganz kurz noch: Po...was? Warum kenn’ ich Polio nicht?

Ha, die Frage ist schnell beantwortet: weil wir in Deutschland das Glück haben, dass es seit über 50 Jahren flächendeckende Impfungen gegen diese Krankheit gibt. Der letzte Fall von Polio in Deutschland wurde 1990 gemeldet, die Krankheit gilt bei uns also offiziell als ausgerottet. Zack.

Das sah vor Erfindung bzw. Einführung der Impfung noch ganz anders aus: Kinder (und Erwachsene ebenso) waren von der Ansteckungsgefahr betroffen und während der letzten großen Poliomyelitis-Epidemie erkrankten tausende von Kinder!

Denn übertragen wird Polio ziemlich schnell von Mensch zu Mensch.  Man kann sich über kleinste Speicheltropfen anstecken, die beim Sprechen oder Atmen in die Luft gelangen. Aber auch durch direkten Kontakt zu erkrankten Menschen, zum Beispiel wenn man jemandem die Hand gibt. Sogar über verunreinigte Gegenstände oder Speisen kann man den Erreger aufnehmen.

Die ersten Symptome sehen dabei oft harmlos aus, wie z.B. Fieber, Übelkeit und Kopfschmerzen. Kommt der Körper nicht gegen die Krankheit an, kann es nach ein paar Tagen bis zu schlimmen Lähmungserscheinungen kommen, die sogar die Lunge betreffen können (heißt, man kann nicht mehr aus eigener Kraft atmen).
Einige Lähmungen können im schlimmsten Fall ein Leben lang anhalten.

Wenn man einmal an Polio erkrankt ist, gibt es dagegen leider kein Medikament.
Das einzige, das wirklich hilft, ist und bleibt eine Impfung. Und zwar, bevor man sich angesteckt hat.


Mit Hilfe von Impfungen konnte die WHO es daher auch schaffen, dass seit 1994 der amerikanische Kontinent, seit 2000 der west-pazifische Raum und seit 2002 Europa völlig poliofrei ist.
Die Weltgesundheitsorganisation hat sich zum festen Ziel gesetzt, Polio bis zum Jahr 2018 weltweit völlig auszurotten.

Was da heißt: auf der weltweiten Liste der Länder, die Polio noch nicht besiegt haben, stehen nur noch: Pakistan und Afghanistan.

Was die Welt von Nigeria lernen kann

Was Nigeria geschafft hat, ist absolut großartig, denn vor 4 Jahren traten in dem westafrikanischen Land noch über die Hälfte aller weltweiten Polio-Erkranungen auf. Das Erfolgsrezept? Gemeinsames Anpacken! So viele Menschen zu mobilisieren, erfordert viel Kraft und einen gut funktionierenden Plan vorab. Aber: es ist zu schaffen!

Wie also ging Nigeria vor?

1. Regierung und Behörden müssen Willensstärke zeigen

Es ist fast unmöglich, den Kampf gegen eine Krankheit vorwärts zu treiben, ohne politische Willenskraft und finanzielle Unterstützung der Regierung. Aus diesem Grund und um sein Engagement zu zeigen, hat der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari sein eigenes Enkelkind öffentlich impfen lassen und die Regierung hat das landesweite Polio-Impfprogramm finanziell unterstützt.

2. Ohne die Community geht gar nichts

Erfolgreiche Gesundheitskampagnen benötigen das Verständnis und das Vertrauen der Menschen. Denn wenn die Menschen glauben, dass eine Impfung ihren Kindern mehr schadet als hilft, braucht es viel Zeit, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Deshalb ist die Unterstützung der Kampagne durch Kräfte vor Ort, die das Vertrauen der Menschen besitzen, unglaublich wichtig.

3. Die Bevölkerung selbst muss hinter der Kampagne stehen und sie weitertragen

Menschen vor Ort sollten den Helfern nicht nur vertrauen, wenn diese an ihre Türen klopfen, sondern sollten gleichzeitig das Wissen über die Krankheit und die Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um selbst aktiv zu werden! Im Falle Nigerias gab es mehr als 200.000 Helfer, die Tag und Nacht damit beschäftigt waren, über 45 Millionen(!) Kinder gegen Polio zu impfen. Ungefähr 1.300 dieser Helden waren selbst an Polio erkrankt und sind nun Botschafter der Polio-Impfung in den Gegenden, in denen sie leben. Hinzu kommen 12.000 Freiwillige, viele von ihnen Frauen in anerkannten Berufen wie Lehrerinnen oder Hebammen, die nicht davor scheuen, täglich von Tür zu Tür zu gehen und andere Mütter über Polio und die Bedeutung der Impfung für ihre Kinder aufzuklären. An dieser Stelle: Vielen Dank für diesen großartigen Einsatz!

4. Ein starkes Gesundheitssystem ist das Nonplusultra

Um eine flächendeckende und erfolgreiche Impf-Aktion durchführen zu können, muss das Gesundheitssystem des Landes auf schwierige Herausforderungen vorbereitet und schnell handlungsfähig sein. Dies ist vor allem in einem Land wie Nigeria wichtig, in welchem es häufiger zu politischen Unruhen kommen kann und manche Gegenden schwierig und gefährlich zu erreichen sind. Nigeria hat frühzeitig darauf reagiert und aus diesem Grund sogenannte Impfstationen an wichtigen Knotenpunkten errichtet, sowie eine medizinische Grundversorgung für Menschen in entlegenden Gegenden sichergestellt. Gleichzeitig waren die Impf- und Krankenstationen so ausgestattet, dass sie auf andere Krankheitsausbrüche schnell reagieren konnten. Zum Beispiel konnte Nigeria dadurch eine größere Ebola-Epidemie im Jahr 2014 verhindern. Hut ab!

5. Langfristig denken heißt die Devise

Wie alles auf der Welt, kostet es auch Geld, eine Krankheit wie Polio auszurotten. Deshalb ist es notwendig, in langfristige Lösungen zu investieren. Das Wissen, die Ressourcen und die Infrastrukturen, die in Nigeria in den letzten Jahren aufgebaut wurden, um Polio erfolgreich zu bekämpfen, werden auch weiterhin nützlich sein, um Kinder vor Krankheiten zu schützen. So wurden z.B. alle Helfer in Nigeria zeitgleich dazu ausgebildet, Kindern und Erwachsenen auch andere Impfungen geben zu können oder sie in weiteren Gesundheitsfragen wie z.B. ihre Ernährung beraten zu können.

So ein Plan zeigt, wie erfolgreich eine Gesundheitskampagne sein kann. Und so ein Plan sollte nicht an der Grenze Nigerias halt machen, sondern sich weltweit verbreiten, so dass jedes Kind auf dieser Welt all die Impfungen erhält, die es benötigt.

Die Ausrottung von Polio ist nicht unmöglich. Ganz im Gegenteil. Wir haben die Mittel und das Wissen - jetzt liegt es nur noch an der Willenskraft. Unsere Generation könnte zu der Generation werden, die Polio ein für alle mal ein Ende setzt. Packen wir es an!