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Frauenrechte

Mein Name ist Brooke Axtell. Ich war 7 Jahre alt, als man mich für Sex verkaufte.

Die folgende Geschichte ist Teil unserer Serie 'Real Women, Real Stories'. Das Projekt will Frauen eine Stimme geben, die lange Zeit 'unsichtbar' unter uns lebten, nicht die Kraft oder die Möglichkeiten hatten, sich auszudrücken - und jetzt bereit sind, ihre Geschichten mit der Welt zu teilen, um anderen Betroffenen zu helfen.   

Hinweis: der folgende Text enthält verstörende Details und mitunter sehr gewaltvolle Szenen in ausführlicher Beschreibung. Nichts ist geschönigt, da Brooke Axtell die Wahrheit nicht verstecken will.


Im Rahmen der Grammy Awards letztes Jahr in den USA hatte ich die Gelegenheit, mit der Sängerin Katy Perry und niemand geringerem als Präsident Barack Obama zusammen zu arbeiten. Gemeinsam haben wir auf das Thema geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam gemacht.

Nachdem Präsident Obama auf der Bühne über seine Kampagne ‘It’s On Us’ sprach, war ich an der Reihe zu sprechen.

Und ich erzählte aus meiner Vergangenheit. Wie ich häusliche Gewalt überlebte und überwand. Und ich ermutigte diejenigen, die mit ähnlichem Schmerz und Erfahrungen lebten, aus sich rauszugehen und Hilfe zu suchen.

Was ich an dem Abend nicht erzählte, war die Tatsache, dass ich aufgrund meiner Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs, die ich als Kind erlebt hatte, auch als Erwachsene immer noch Gewalt in meiner Partnerschaft zuließ.

Ähnlich wie bei vielen Überlebenden von häuslicher Gewalt, begann der Missbrauch lange bevor ich meinen ersten festen Freund hatte. Sexuelle Ausbeutung trichterte mir ein, dass ich die Liebe, nach der ich mich so verzweifelt sehnte, nicht verdient hatte.

Ich war sieben Jahre alt, als man mich sexuell missbrauchte und für Sex verkaufte.

Meine Lieblingsfarbe war pink und ich liebte es zu tanzen. Mein Kinderzimmer war voller Bücher, Puppen und Bastelsachen.

Ich saß stundenlang auf meinem kleinen weißen Stuhl, umgeben von meinen Stofftieren und las oder hörte Musik aus meinem kleinen weißen Radio, das mit hübschen Rosen und einem goldenen Rahmen verziert war.

In der Badewanne lag ich auf dem Rücken und sang mein Lieblingslied ‘Flying wings, angel sing, strawberry dreams‘, immer und immer wieder die gleichen Zeilen. Dabei bewegte ich meine Arme auf und ab wie ein Engel.

Meine Mutter brachte mir bei, dass Gott Liebe ist. Sie lag im Krankenhaus und ich hatte Angst, dass sie nie wieder nach Hause kommen würde. Mein Vater war beruflich viel unterwegs, daher hatte ich einen Babysitter.

Mein Babysitter sprach ebenfalls mit mir über Gott. Er sagte, es sei der Wille Gottes, mich für meine Sünden zu bestrafen. Welche Bestrafung ich verdient hatte? Das sprach er nicht aus und ich habe keine Worte für das, was passierte. Ich konnte niemandem davon erzählen. Ich konnte niemandem davon erzählen, was seine Gottheit von mir auf meinem weißen Bett mit den pinken Bettlaken von mir verlangte.

Er nannte mich eine ‘wertlose Hure’ und sagte, ich hätte ihn dazu gebracht, mir das anzutun. Während er mich immer und immer wieder vergewaltigte und dabei das Vaterunser betete, verließ ich meinen Körper. Manchmal konnte ich noch das Echo seiner Worte hören, ‘Erlöse uns von dem Bösen, erlöse uns von dem Bösen’. Ein Teil von mir löste sich von mir ab, um die Wahrheit zu schützen, um das unerträgliche zu ertragen. Aus mir wurden viele Personen und ich verschwand.

Die erste Vergewaltigung war meine 'Initiierung', mein Schritt ins Erwachsenenleben der Hölle. Ein Ort voller Geheimnisse und Schatten, Menschen mit toten Augen.

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Nach der ‘Initiierung’ begann er, mich mitzunehmen, in andere Häuser, Hotels, Partys, wo er mich für Geld an andere Männer verkaufte. Ich wurde zur Pornografie mit Erwachsenen und anderen Kindern gezwungen. Ich wurde eingesperrt und verhöhnt wie ein gefangenes Tier.

Wann immer sie mich filmten, verließ ich meinen Körper und suchte Schutz in einer anderen Welt, die ich erschuf: eine Welt mit weißen Pferden, wo ich mit Engeln tanzte. Jedes mal wenn sie in mich eindrangen, stieg ich in diese Welt auf. Ich wurde von Mann zu Mann gereicht, von Hand zu Hand, wie eine Puppe. Meine Seele reiste und kam zurück, überquerte Ozeane, Jahrhunderte. Ich lebte tausend Leben in einer einzigen Nacht.    

So ging es immer weiter. Am Tag ging ich zur Schule. Nachts gehörte ich ihm - und wer auch immer daran interessiert war, für mich zu zahlen.

Die Käufer waren immer weiße, reiche Männer, mit einem unstillbaren Appetit danach, mir Schmerzen zuzufügen. Ich betäubte mich selbst, umkreiste mein Leben als gehöre es jemand anderem. Ich wurde zu einem Betrachter der Misshandlung. Ich redete mir ein, dass alles hier einem anderen kleinen Mädchen passiert, einem bösen Mädchen, eines das bestraft werden muss. Ich erschuf eine Mauer zwischen dem bösen Mädchen und mir, so dass ich auf der hellen Seite leben konnte, ohne den Schmerz.

Irgendwann kam meine Mutter aus dem Krankenhaus. Sie saß im Rollstuhl. Ich hatte unfassbare Angst, ihr von den Misshandlungen zu erzählen. Aber sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie vertraute ihrer Intuition und feuerte meinen Babysitter.

Die damaligen Misshandlungen hatten damit ein Ende, aber die Scham blieb. Egal was und wieviel ich im Leben erreichte, ich wurde verfolgt von dieser Lüge über mich, dass ich ‘wertlos, wertlos, wertlos’ sei.

Viele Jahre lang verbarg ich das Geheimnis hinter meinem Trauma. Was ich erlebte hatte war unaussprechlich.

Erst als ich als erwachsene Frau von meinem damaligen Freund misshandelt wurde, suchte ich professionelle Hilfe in Form einer Therapie, die sich auf sexuelle Gewalt und Überwindung von Traumata spezialisierte. Bei meiner Therapeutin fühlte ich mich zum ersten Mal sicher genug, um zu erzählen, was mir angetan wurde - und um meinen eigenen Weg zur Bewältigung zu finden.

Dank meiner Therapie, der Unterstützung durch andere Überlebende und der Möglichkeit, meinen Gedanken durch Poesie und Musik Ausdruck zu verleihen, habe ich schlussendlich meinen Weg zu einem Selbstwertgefühl gefunden.

Doch meine Erfahrungen und mein Weg dorthin haben mir vor Augen geführt, wie die Sexindustrie tickt und wie sie immer weiter am Leben erhalten wird.  

Wir leben in einer Kultur, in der Mädchen und Frauen auf sexuelle Güter reduziert werden, in der sexuelle und häusliche Gewalt nicht als Anomalie angesehen werden. Für viele von uns sind sie Teil des Erwachsenwerden und Nährboden, unsere eigene Unterdrückung zu verinnerlichen.  

Sexhandel mit Kindern ist Teil des Gewalt-Kreislaufs. Es ist Vergewaltigung für Profit. Eine angebliche ‘Zustimmung’ ist lediglich eine Art Leistung, die das Kind absolviert, um zu überleben. Denn selbst ein Kind würde Sex gegen Geld, Nahrung oder Obdach tauschen, wenn es um das eigene Überleben geht. Das ändert nichts daran, dass es sich trotzdem unumstößlich um Vergewaltigung handelt. So etwas wie ‘Kinder-Sexsklaven’ oder aber ‘Kinder-Prostitution’ gibt es nicht - es ist immer Vergewaltigung.   

Es ist einfach, diejenigen zu beschuldigen, die von der Ausbeutung der Kinder profitieren. Und auch wenn wir diejenigen definitiv zur Rechenschaft ziehen müssen, muss uns auch bewusst sein, dass damit allein das Problem nicht gelöst wird. In einem Land, in dem jede sechste Amerikanerin Überlebende eines sexuellen Übergriffs ist und in dem jede vierte Frau häusliche Gewalt erfährt, tauchen Menschenhändler in eine Kultur ein, in der es ihnen einfach gemacht wird, Gewalt gegen Frauen zu Geld zu machen. Diese brutale Realität zusammen mit dem perversen Kult, den Opfern eine Mitschuld zu geben, hat einen ‘perfekten’ Markt geschaffen, in dem man Kinder kaufen und verkaufen kann.

Im Rahmen meiner Arbeit habe ich gelernt, dass der Wahrheit ins Gesicht zu blicken Freiheit bedeutet. Erst wenn wir frei sind, alles ans Licht zu bringen, haben unsere Scham und unsere Geheimnisse keine Macht mehr über uns. Als Überlebende sehen wir unsere Peiniger vielleicht niemals die Strafe bekommen, die sie für ihre abartigen Taten verdient hätten, aber wir können unsere eigene Gerechtigkeit schaffen. Denn unsere Gerechtigkeit liegt darin, zu wissen, dass wir wertvoll sind, dass wir zu Vorbildern werden können, dass wir unseren Schmerz in Mitgefühl transformieren können.