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Frauenrechte

Diese mutige Frau hat 850 Zwangsehen von minderjährigen Mädchen verhindert

Twitter: @QueensOfAfrica

Theresa Kachindaamoto muss ein wenig schmunzeln, wenn sie über ihren außergewöhnlichen Spitznamen spricht. In ihrer Heimat Süd-Malawi wird sie nämlich auch der "Hochzeits-Terminator" genannt. 

Denn das Gemeindeoberhaupt von über 900.000 Menschen hat es in drei Jahren geschafft, über 850 (!) Kinderehen zu verhindern!

Dabei fing Theresas Leben eher ruhig an und sie selbst sagt, sie hätte nie gedacht, dass sie einmal so viele Menschen beeinflussen würde. 

Als Jüngste von 12 Geschwistern wuchs Theresa behütet auf, durfte zur Schule gehen und fing als Erwachsene als Sekretärin am College in Zomba, Malawi an, wo sie über 30 Jahre lang arbeitete. 

Bis zu dem Tag, an dem Theresa von ihrer Gemeinde im Monkey Bay Distrikt am südlichsten Zipfel des Malawi Sees als nächstes Gemeindeoberhaupt vorgeschlagen wurde. Denn zu Theresa großer Überraschung wurde sie tatsächlich gewählt und war plötzlich für das Wohlergehen von hunderttausenden von Menschen verantwortlich. Zum Glück (und auch zum Glück von tausenden Mädchen) ist Theresa die geborene Führungsperson. 

Malawi_map.pngImage: Wikicommons: Shaund

Malawi gehört zu den ärmsten Ländern dieser Welt - 50,7% der einheimischen Bevölkerung lebt laut Erhebungen des Entwicklungsprogramms der UNO unter der Armutsgrenze.
Gemeindeoberhaupt Theresa hätte also zu Beginn ihrer Amtszeit eine ganze Reihe von Begebenheiten aufgreifen und zu ihrer Priorität erklären können, angefangen bei der Lebenssituation in der Gemeinde bis hin zur landwirtschaften Produktivität. Stattdessen war die allererste Sache, die Theresa anpackte, dass 12-jährige Mädchen aus ihrer Gemeinde nicht mehr zwangsverheiratet werden dürfen

Denn eine verfrühte Ehe von minderjährigen Mädchen ist der Hauptgrund für die schlechte Lebenssituation der meisten Mädchen und Frauen in Malawi. Früh zwangsverheiratet, schließen die Mädchen oft keine Schulbildung ab und haben so keine Möglichkeiten, ihr eigenes Potential zu entwickeln. Das lässt ihnen kaum Chancen, später einmal einen (besser) bezahlten Job zu bekommen und für sich selbst sorgen zu können. Geschweige denn zur allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen.

Laut einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2012 werden über die Hälfte aller Mädchen in Malawi noch vor dem 18. Lebensjahr zwangsverheiratet.

Das sind erschreckende Zahlen. Vor denen Gemeindeoberhaupt Theresa sich nicht abschrecken, sondern anspornen ließ. Denn als sie nach Monkey Bay zurückkehrte, sah sie weitaus mehr, als nur die jungen Mädchen, in alle noch in eine Zwangsehe getrieben werden sollten. Sie sah auch die vielen bereits verheirateten jungen Mädchen, alles selbst noch Kinder, die alle bereits eigene Babys und Kleinkinder mit sich rumtrugen.

Dank ihrer eigenen Ausbildung und dem Wissen, wie wichtig eine gute Schulbildung für jedes Kind ist, ging Theresa das Problem nicht schrittweise an. Oh nein. Es musste sofort was passieren. Also sagte Theresa vom ersten Tag an einfach 'Nein' zu Kinderehen. Schlicht und einfach.

Und sie sagte immer und immer wieder nein. Egal wie hart der Widerstand war. Einfach nein.
So wurden allein in drei Jahren ihrer Amtszeit dank ihres vehementen 'Neins' schon über 850 Kinderehen verhindert.

malawi schoolchildren Image: Flickr: Swathi Swidharan

Und nicht nur das: Theresas Aktivitäten gehen weit über das Verbot von Kinderehen hinaus.

Denn es gibt noch eine weitere Praktik in ihrer Gemeinde und in ganz Malawi, die Theresa unbedingt dringend abschaffen will (und sicherlich auch wird). Eine Praktik, die sich in unseren Ohren absolut absurd und falsch anhört, in Malawi jedoch Teil der Kultur ist. Die Rede ist von der 'Sexual Initiation' (wobei die Beschreibung 'Vergewaltigung' wesentlich besser passen würde).

Bei dieser Praktik sollen Mädchen von einem männlichen 'Lehrer' lernen, wie sie ihren späteren Ehemann 'zufrieden stellen können'.

'Zeremonien' rund um diese Praktik beinhalten das 'Erlernen' von anregenden Tänzen und sexuellen Praktiken und kann auch dazu führen, dass die Mädchen Sex mit ihrem 'Lehrer' haben, um die 'Initiation' abzuschließen. Manchmal werden Mädchen für solche 'Lernpraktiken' auch für eine Zeit von ihren Familien getrennt und die Eltern engagieren später ein männliches Gemeindemitglied, der die Tochter entjungfert, um zu testen, was sie alles 'gelernt' hat.

Überflüssig zu sagen, dass Theresa mit Entsetzen und Abscheu erfüllt war, als sie hörte, dass diese Praktik immer noch in ihrer Gemeinde existierte und durchgeführt wurde. „Ich sagte dem Gemeinderat, dass das sofort aufhören muss, oder ich würde sie alle von ihrem Posten entheben" erzählt Theresa in einem Interview mit  Al Jazeera

Theresa unterstreicht, dass sie diese 'Sexual Initiation' Praktiken schlichtweg als falsch empfindet und dass es den Mädchen enormen Schaden und schreckliche psychologische Folgen zufügt. Sie hat es sich daher zum obersten Ziel gemacht, die Mädchen in ihrer Gemeinde wo es nur geht zu beschützen und vor solchen Praktiken ein für alle mal zu bewahren.

Wie hat eine Frau es geschafft, sich so erfolgreich dafür einzusetzen, dass tief verwurzelte Traditionen ein Ende finden? 

Der Weg war wie zu erwarten nicht einfach. Zu Beginn stieß Theresa auf starken Widerstand bei Eltern, die keinen Mehrwert darin sahen, ihre Töchter weiterhin zur Schule gehen zu lassen, wenn sie doch verheiratet und von jemand anderem versorgt werden können. Denn zu was sonst sollten Töchter gut sein?

Doch Theresa war das lebende Beispiel dafür, die Vorteile einer guten Bildung für Mädchen zu demonstrieren. Immerhin hatte sie es bis zum Gemeindeoberhaupt geschafft. Doch leider war ihre reine Präsenz nicht genug. Daher hielt Theresa unzählige Meetings in ihrer Gemeinde ab und lud Eltern und Familien dazu ein. Das allein gab allerdings auch nicht den entscheidenden Anstoß. Also griff Theresa zur letzten Maßnahme: das Gesetz ändern.

Es brauchte viel Überzeugungskraft, bis 50 einflussreiche Gemeindevorsitzende aus Theresa Gemeinderat eine Abmachung unterzeichneten, die besagt, dass Kinderehen in der Gemeinde verboten sind. Gemeinsam einigten sie sich außerdem darauf, bereits bestehende Kinderehen ebenfalls für ungültig zu erklären.

Und als einige Gemeindevorsitzende sich nicht an diese Abmachung hielten (und damit gegen das Gesetz verstießen) war Theresas Reaktion ziemlich eindeutig: sie ließ die entsprechenden Leute feuern.

Theresa ist eine unglaubliche Frau! Und die Welt wäre garantiert ein besserer Ort, wenn es mehr Frauen wie sie geben würde. Die dazu befähigt werden, sich einzusetzen, Veränderung zu schaffen und die Kraft, Mut und das Durchsetzungsvermögen haben, sich aufzulehnen. 
Hinzu kommt Theresas echte Liebe und Fürsorge für die Mädchen in ihrer Gemeinde, um die sich aufrichtig sorgt und kümmert. 

Theresa verließ ihren sicheren und überschaubaren Schreibtisch-Job um Gemeindeoberhaupt zu werden - eine Aufgabe, die mit viel Macht, aber auch viel Verantwortung einhergeht und die ihr viel abverlangt hat. Und auch in Zukunft sicherlich noch so einiges abverlangen wird. Aber Theresa hat etwas unbeschreiblich Wertvolles geleistet - sie hat nicht nur über 850 Mädchen vor einer verfrühten Ehe bewahrt, sondern den Weg geebnet für hoffentlich alle kommenden Generationen, ein besseres, gerechtes und erfülltes Leben zu führen.