Obwohl Lateinamerika weniger Treibhausgase ausstößt als die Vereinigten Staaten, Europa, Asien und der Nahe Osten, bekommt die Region die schweren Folgen des Klimawandels zu spüren.
„Das Klima Lateinamerikas verändert sich. Niederschlagsmuster verschieben sich, die Temperaturen steigen und in einigen Gebieten verändern sich Häufigkeit und Stärke extremer Wetterereignisse wie Starkregen. Die Folgen reichen von schmelzenden Gletschern in den Anden bis hin zu verheerenden Überschwemmungen und Dürren“, heißt es in einem Bericht des World Wildlife Fund (WWF).
Der WWF wies zudem darauf hin, dass sowohl der Pazifik als auch der Atlantik, die die Region umgeben, zunehmend versauern, während zugleich der Meeresspiegel steigt.
Im April berichtete die Duke University, dass der Klimawandel auch Migration in Lateinamerika auslösen werde. In ihren Forschungsergebnissen verwies die Universität auf eine Schätzung der Weltbank, wonach in den kommenden 30 Jahren 17 Millionen Menschen in Lateinamerika zur Umsiedlung gezwungen sein werden. Der Grund dafür sei, dass sich Gemeinschaften nicht an die rasanten Veränderungen der Wettermuster anpassen können.
Melissa Alejandra Cáceres Rodas, 19, ist eine Klimaaktivistin aus Honduras und studiert derzeit Rechnungs- und Finanzwesen. 2020 wurde sie vom Climate Reality Project zur Climate Reality Leader ernannt. Sie ist Koordinatorin für Kapazitätsaufbau und Entwicklung bei Sustenta Honduras, Koordinatorin für Gender und Bildung bei Latinas for Climate, Sprecherin von Fridays for Future Honduras und Honduras-Botschafterin für Unite 2030. 2021 war die junge Aktivistin Community-Koordinatorin der ersten Local Conference of Youth for Climate Change (LCOY) und der Regional Conference of Youth for Climate Change (RCOY) in Honduras.
Der zivilgesellschaftliche Handlungsspielraum in Honduras gilt laut CIVICUS Monitor als unterdrückt. Anlass zur Sorge geben die Inhaftierung, Schikanierung und sogar Tötung von Menschenrechtsverteidiger*innen und Klimaaktivist*innen. Hier erzählt Cáceres Rodas, wie sie zur Aktivistin wurde und warum sie einen intersektionalen Ansatz im Kampf gegen die Klimakrise für wichtig hält.
Ich heiße Melissa Alejandra Cáceres Rodas. Ich bin 19 Jahre alt und wurde in Honduras geboren. Ich habe eine ältere Schwester. Als Kind wollte ich immer alles machen, was sie machte. So kam ich als Teenagerin zum Aktivismus, denn sie setzte sich dafür ein, anderen Menschen zu helfen.
Ich erinnere mich daran, wie gern sie sich ehrenamtlich engagierte. Sie half in ländlichen Gemeinschaften oder brachte Lebensmittel in Gegenden, in denen die Menschen nur schwer an Essen kamen. Weil sie sieben Jahre älter ist als ich, wollte ich es ihr als Teenagerin gleichtun. Ich wollte mich ehrenamtlich engagieren. Ich wollte Menschen helfen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich mich später sogar stärker für Aktivismus und ehrenamtliche Arbeit interessieren würde als sie.
Melissa und ihre Schwester Claudia sitzen am Fuß eines Baums auf dem Grundstück ihrer Großmutter – dort, wo sie seit ihrer Kindheit immer wieder sitzen.
Ich wollte auch früh eingeschult werden, weil meine Schwester schon zur Schule ging. Ich wollte unbedingt dorthin und war trotz meines jungen Alters fest entschlossen. Wenn ich etwas will, weiß ich, dass ich es erreichen werde. Das hilft mir auch im Aktivismus, denn bei dieser Arbeit muss man Forderungen stellen und klar sein. Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten und mit fünf begann ich zu lesen. Das war früh, denn die meisten Kinder lernen es erst mit sieben oder acht.
Außerhalb der Schule wiesen mich Menschen aus meiner weiteren Familie jedoch oft auf mein Gewicht hin. Auch meine Hautfarbe war ständig Thema, weil meine Mutter weiß ist und mein Vater nicht. Viele Verwandte mütterlicherseits sind weiß. Wenn ich bei ihnen war, fiel ich also immer auf – aber nicht, weil ich klug war oder gern las oder Englisch mochte. Ich fiel auf, weil ich anders aussah als sie. Das hat mich sehr geprägt, aber wirklich verarbeitet habe ich es wohl erst, als ich älter war. Irgendwann wird man erwachsen und erkennt, dass Menschen mitunter wegen ihrer Hautfarbe getötet werden – von Menschen, die ihre Erfahrungen nicht verstehen.
Das Merkwürdige ist, dass man solche Ausgrenzung manchmal in der Schule erlebt und nicht in der eigenen Familie – bei mir war es umgekehrt. In der Schule spielte meine Hautfarbe keine Rolle. Es war egal, ob ich Geld hatte oder nicht. Auch mein Gewicht spielte keine Rolle. Im Kreis meiner Familie hingegen war all das von Bedeutung. Als Teenagerin beschloss ich, diesen ganzen Ballast zurückzulassen und nicht länger mit mir herumzutragen.
Melissa Cáceres Rodas, ihre Familie und zwei Freund*innen machen Pause bei einer Wanderung im La-Tigra-Nationalpark in Tegucigalpa.
2020 fanden die #BlackLivesMatter-Proteste statt. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass ich etwas tun wollte. Ich wollte nicht mehr nur herumsitzen, zu Hause Bücher lesen oder Netflix schauen. Ich beschloss, aktiv zu werden, weil ich jung bin und selbst Menschen, die noch jünger waren als ich, Großartiges leisteten. So stieß ich auf Instagram auf eine Seite namens Climate Reality.
Climate Reality ist ein Programm des ehemaligen US-Vizepräsidenten und Nobelpreisträgers Al Gore. Er rief dieses Klimaprogramm ins Leben, in dem Menschen aus aller Welt von Fachleuten mehr über das Klima und soziale Krisen lernen können. In allen Organisationen, in denen ich aktiv bin, betonen wir immer wieder: Wer über die Klimakrise spricht, spricht über eine Menschenrechtskrise. Das darf man nie vergessen. Wer über die Klimakrise spricht, spricht auch über Geschlechterfragen, Menschenrechte und soziale Probleme.
In den Jahren zuvor fand das Climate-Reality-Training vor Ort statt. Wegen der Pandemie wurde es 2020 jedoch virtuell angeboten. Mir war klar: Wenn ich diese Chance jetzt nicht nutzte, würde ich wahrscheinlich nicht teilnehmen können, denn eine Reise in die USA ist sehr teuer. Nun hatte ich die Möglichkeit, das Training [virtuell] zu absolvieren.
Durch das Climate-Reality-Programm fand ich zum Klimaaktivismus. Doch auch meine Kindheit hatte großen Einfluss auf mich. Eine wichtige Bezugsperson war meine Großmutter mütterlicherseits. Sie lebt in einer kleinen Gemeinschaft in einem Haus an einem großen Fluss mitten im Wald. Als Kind war ich sehr gern dort, weil ich in den Fluss springen, Fahrrad fahren und reiten konnte. Ich wuchs also inmitten der Natur auf und fühle mich ihr bis heute eng verbunden. Was ich am Leben in Mittelamerika besonders liebe, ist die vielfältige Natur. Wir haben eine enorme Artenvielfalt, und Honduras ist ein Hotspot für endemische Arten. Wohin man im Land auch geht, überall sieht man Bäume, Vögel und Natur – und genau das liebte ich schon als Kind.
Melissa Cáceres Rodas umarmt ihre Großmutter, nachdem sie einen Nachmittag bei ihr zu Hause in Tegucigalpa verbracht hat.
Ich sehe noch immer Natur, aber ich sehe auch, wie sie immer stärker zerstört wird. Wälder werden abgeholzt und niedergebrannt. Auch das brachte mich dazu, mich aktiv gegen die Klimakrise einzusetzen. Denn irgendwann wurde mir bewusst, dass ich all diese Möglichkeiten hatte, an den Fluss oder in den Wald zu gehen, sie meiner kleinen Schwester oder künftigen Generationen jedoch genommen werden könnten.
Ich glaube, dass sich während der Pandemie viele Menschen stärker im Aktivismus engagierten, weil vieles virtuell stattfand. Bei Veranstaltungen vor Ort ist es wirklich schwierig, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Für die Vertreterinnen von Latinas for Climate, die an der COP26 teilnahmen, war die Reise beispielsweise sehr teuer. Von Chile, Honduras oder Mexiko nach Glasgow zu reisen, bedeutet schließlich, einen Ozean und einen Kontinent zu überqueren. In diesem Jahr findet die COP27 in Ägypten statt, und wir wissen noch nicht, wie wir dorthin kommen oder ob wir dort überhaupt vertreten sein werden, denn die Reise ist noch teurer als nach Glasgow.
Die Teilnahme an Foren wie der COP ist wichtig, weil ich glaube, dass einige staatliche Institutionen durchaus Interesse daran haben, die Klimakrise aufzuhalten. Entscheidend ist jedoch, dass die Gespräche und vereinbarten Maßnahmen nicht nur auf dem Papier oder in einem Abkommen festgehalten werden. Es reicht nicht, Interesse zu zeigen. Wir müssen hier und jetzt mit Klimaschutzmaßnahmen beginnen. Unsere Zeit auf der Erde läuft ab, und wir kommen dem Punkt ohne Wiederkehr immer näher. Dann werden wir Hunderte Arten verlieren und häufiger unter Dürren, Naturkatastrophen und anderen Folgen leiden.
(L) La-Tigra-Nationalpark in Tegucigalpa. (R) Melissa Cáceres Rodas posiert für ein Porträt im La-Tigra-Nationalpark.
Im Laufe der Jahre wurden nach und nach mehr Räume für junge Menschen geschaffen, und inzwischen werden unsere Stimmen in einigen Konsultationsprozessen berücksichtigt. Latinas for Climate hatte beispielsweise vor Kurzem die Gelegenheit, an der Local Conference of Youth (LCOY) in Mexiko teilzunehmen. Dort wird eine gemeinsame Stellungnahme junger Menschen vorbereitet, die im Oktober bei der Conference of Youth (COY) vorgestellt werden soll. Zudem suchen bereits viele Mädchen aus Lateinamerika nach Möglichkeiten, an der COP27 teilzunehmen. Dazu gehört Sustenta Honduras, die erste Jugendorganisation im Umweltbereich, die bei der Ausarbeitung der national festgelegten Beiträge (NDCs) von Honduras konsultiert wurde.
Latinas for Climate ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Die Teilnahme von L4C-Delegierten an der COP26 hat uns international zweifellos viele neue Möglichkeiten eröffnet. Ich bin überzeugt: Wenn wir teilnehmen, eine große Delegation junger Latina-Aktivistinnen zur COP27 entsenden und dafür sorgen können, dass mehr Latinas in diesen Räumen vertreten sind, werden ihre Forderungen gehört. Man wird uns definitiv berücksichtigen. Und wenn nicht, werden wir uns weiterhin Gehör verschaffen – hier in Lateinamerika oder in Ägypten.
Latinas for Climate entstand 2020 im Anschluss an die globale Kampagne für das Escazú-Abkommen. Dieses äußerst wichtige Abkommen soll Aktivist*innen in Lateinamerika schützen und die Natur bewahren. Während dieser Kampagne beschlossen die neun Gründerinnen von Latinas for Climate, ihre bisherige Arbeit fortzusetzen und wichtige Informationen zum Umweltaktivismus für andere Menschen leicht zugänglich aufzubereiten.
Melissa Cáceres Rodas vor dem Kongress mit einem Schild: Sie verlangt die Ratifizierung des Escazú-Abkommens, das das Recht auf eine gesunde Umwelt für Bürger*innen schützt und Regierungen Richtung nachhaltige Entwicklung lenkt.
Seitdem wurde das Abkommen in einigen Ländern wie Chile angenommen. In Honduras wurde es bislang weder angenommen noch ratifiziert. Nach der Kampagne beschlossen die Gründerinnen, ihre Zusammenarbeit fortzusetzen, weil Lateinamerika Klimagerechtigkeit und intersektionalen Klimaaktivismus braucht. Anfangs waren wir neun Mitglieder, heute sind wir mehr als 100. Latinas for Climate will das Bewusstsein für die Klimakrise aus einer Gender-, Menschenrechts- und lateinamerikanischen Perspektive stärken. Wir wollen Mädchen und Frauen in der Region darüber aufklären, damit sie ihre eigene Stärke erkennen und sich für eine bessere Zukunft einsetzen können.
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Bildungsarbeit. Wir wollen jungen Frauen die richtigen Werkzeuge an die Hand geben, damit sie ihre eigene Stärke erkennen und in ihren Gemeinschaften aktiv werden können. Außerdem wollen wir den Stimmen von Mädchen und Frauen in Lateinamerika und der Karibik mehr Gehör verschaffen, damit jede von ihnen sich für das Anliegen einsetzen kann, das sie bewegt. Zugleich schaffen wir Räume für Gespräche, in denen Menschen die Klimakrise aus intersektionaler Perspektive betrachten können. Aktivismus muss intersektional sein, denn er darf nicht nur eine weiße, die Perspektive unseres Teams oder eine heterosexuelle Perspektive abbilden. Aktivismus und Organisationen müssen alle Menschen einbeziehen. Außerdem müssen wir jetzt und gemeinsam handeln. Das ist wirklich wichtig, denn wenn du all diese Veränderungen allein anstoßen oder dich allein engagieren willst, wirst du weder bei der Klimakrise noch bei sozialen Problemen viel bewirken. Du bist dann nur ein kleiner Tropfen im Ozean und wirst keine große Veränderung erzielen. Aktivist*innen müssen sich zusammenschließen.
Diese Arbeit bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich. Eine der größten besteht darin, dass wir über verschiedene Teile des Globalen Südens und unterschiedliche Länder verstreut sind. Derzeit suchen wir nach Möglichkeiten, Kampagnen zu entwickeln, um zur COP27 reisen zu können. Wir wollen eine Delegation junger Lateinamerikanerinnen dorthin bringen, doch das ist teuer. Wir wissen noch nicht einmal, ob eine von uns teilnehmen kann. Wir wollen wirklich auf uns aufmerksam machen und vor Ort präsent sein. Doch dafür braucht es viel Zeit und Geld.
Nicht alle Menschen auf der Welt werden dir zustimmen. Deshalb bringt Aktivismus manchmal Rückschläge mit sich, oder man wird wegen seines Engagements oder seiner Arbeit persönlich angegriffen. Viele Menschen glauben nicht an die Klimakrise und halten sie für eine Lüge. Auch das ist eine Herausforderung. Für uns spielt es keine Rolle, welchen sozialen Status oder welches Geschlecht jemand hat oder wen die Person liebt. Manche Menschen stören sich jedoch daran. Viele wollen sich aktivistisch engagieren und Teil eines solchen Programms sein. Wenn wir ihnen dann aber sagen, dass auch Menschen aus der LGBTQ+-Community oder anderen Communitys mitmachen werden, sagen viele: „Mit diesen Menschen will ich nicht zusammenarbeiten.“
Diese Arbeit ist auch gefährlich. Bisher wurden wir glücklicherweise aber, soweit ich weiß, noch nie angegriffen oder Repressionen ausgesetzt. Die Ermordung der Umweltaktivistin Berta Cáceres markierte für mich jedoch einen klaren Wendepunkt in meinem Verständnis davon, was es bedeutet, sich für die Umwelt einzusetzen. Es ist schwer mitanzusehen, wie Menschen unterdrückt oder getötet werden, nur weil sie ihren Gemeinschaften helfen oder die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.
Ich versuche mir immer wieder bewusst zu machen, dass nicht alle meine Ansichten teilen werden, wir den Meinungen anderer Menschen aber stets höflich und respektvoll begegnen sollten. Ich glaube, wir sind als Gesellschaft so sehr damit beschäftigt, reicher und cooler zu werden und um jeden Preis aufzufallen, dass wir vergessen, wie sehr wir auf unsere Gemeinschaften angewiesen sind. Es ist noch zu früh für eine Einschätzung, doch mit der Zeit wird sich zeigen, wie die neue honduranische Regierung mit Klima- und Genderfragen umgehen wird. Ich persönlich wünsche mir ein stärkeres Engagement für den Klimaschutz als in den vergangenen Jahren. Und Frauen sollten auf diesem Weg an jedem einzelnen Schritt beteiligt sein – nicht als bloße Symbolfiguren, sondern als Entscheidungsträgerinnen.
Melissa Cáceres Rodas und ihr Team von Sustenta Honduras besprechen in einem Treffen zum Tagesende den Plan der Gruppe fürs 2. Halbjahr.
Manchmal fühlen wir uns allein oder glauben, nicht die nötige Kraft zu haben, um zu handeln oder etwas zu verändern. Doch wir müssen verstehen, dass wir nicht allein sind. Das ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Erkenntnisse. Wenn du aktiv werden, Teil einer Organisation sein oder etwas verändern willst, dir aber die nötige Kraft dazu fehlt, gibt es irgendwo auf der Welt Menschen mit denselben Ideen, Plänen oder Überzeugungen wie du. Du musst sie nur finden.
Aufgezeichnet von Gugulethu Mhlungu.
Die Reihe „In My Own Words“ aus dem Jahr 2022 wurde durch Fördermittel der Ford Foundation ermöglicht.


