Seit dem Tod von Mahsa Jina Amini, einer 22-jährigen Kurdin, die am 13. September in Teheran in Polizeigewahrsam genommen wurde und drei Tage später starb, hat sich eine von Frauen geführte Bewegung formiert. 

Zu diesen Frauen schließen sich Schulmädchen auf den Straßen und in den Universitäten, Basarhändler*innen und sogar Arbeiter*innen aus dem Öl- und Petrochemiesektor, dem Herzstück der iranischen Wirtschaft, an.

In allen Teilen der Welt, von Paris bis Toronto, sind Frauen auf die Straße gegangen, um ihre Hijabs zu verbrennen, aus Trotz zu tanzen und ihre Haare abzuschneiden. 

Das Abschneiden der Haare ist nicht nur eine ergreifende Form des Protests gegen die patriarchalischen Regeln, die Frauen vorschreiben, ihr Haar zu bedecken, sondern hat auch seine Wurzeln in einer alten kulturellen Praxis: Wie in einem 1.000 Jahre alten persischen Literaturwerk erwähnt, ist es ein Akt der Trauer. 

Aber so wie die Haarsträhnen zu Boden gefallen sind, so ist auch das Blut vergossen worden. Die Gegenreaktion der iranischen Regierung auf die Proteste war heftig. Das Regime hat mit verstärkter Repression bis hin zu Angriffen auf Demonstrant*innen mit Artillerie und Drohnen reagiert. 

Es wird vermutet, dass die Jugendliche Nika Sakarami von Sicherheitskräften getötet wurde, als sie an einer Demonstration in Teheran teilnahm. Sie ist eine von mindestens 201 Menschen, die seit Beginn der Unruhen getötet wurden, darunter 28 Kinder, wie eine Menschenrechtsgruppe berichtet.

Naza Alakija, die Gründerin der NGO Sage Foundation und leitende Beraterin von UNICEF, fordert die Welt auf, die Bewegung nicht durch die zunehmende Repression des Regimes ersticken zu lassen. Vielmehr muss sie noch mehr Menschen dazu bewegen, sich zu solidarisieren und, was am wichtigsten ist, zu handeln. Es mag den Anschein haben, dass die Befreiung eines Landes unmöglich ist, aber es gibt viele Möglichkeiten, wie wir den Frauen im Iran helfen können

Wir haben mit Alakija darüber gesprochen, wie es war, im Iran aufzuwachsen, was die Proteste für Frauen weltweit bedeuten und was jetzt geschehen muss. 

Du hast bis zu deinem neunten Lebensjahr im Iran gelebt und bist dann mit deiner Familie nach Großbritannien gezogen. Kannst du uns erzählen, wie deine Kindheit im Iran war und wie es war, dort aufzuwachsen?

Naza Alakija: Iran ist ein wunderschönes Land. Ich wuchs mit einem starken Gemeinschaftsgefühl auf. Ich habe mit meinen Freund*innen im Freien gespielt und so habe ich einen engen Bezug zur Natur aufgebaut. Im Frühling haben wir Armbänder aus Blumen und Reben gebastelt und ich habe mit den Jungen Fußball gespielt.

Ich erinnere mich aber auch an die andere Seite des Iran. An dem Tag, an dem ich das Land verlassen wollte, als ich neun Jahre alt war, stritt meine Mutter mit der Sittenpolizei, weil ich nicht verhüllt war. In diesem Alter kommt man in die Pubertät und das war das Alter, in dem man als gebärfähig angesehen wurde – was im Rückblick ziemlich beunruhigend ist, wenn man bedenkt, dass ich noch ein Kind war. Obwohl ich noch sehr jung war, habe ich diesen Streit und die Spannung, die ich in der Gesellschaft gespürt habe, nicht vergessen. 

Seit Jahren setzt du dich für Veränderungen in der Welt ein, arbeitest als Senior Advisor für UNICEF und hast sogar deine eigene NGO, die SAGE Foundation, gegründet. Was ist deine persönliche Mission hinter dieser Arbeit und was inspiriert dich zu dieser Arbeit?

Von klein auf hatte ich das große Privileg, Zugang zu grundlegenden Bedürfnissen wie einer guten Bildung und einer öffentlichen Gesundheitsversorgung zu haben. Meine Familie war auch sehr darauf bedacht, mir zu sagen, dass ich tun kann, was ich will, solange ich nicht auf Bildung verzichte. Als Kind habe ich nicht verstanden, wie wichtig das war, aber jetzt weiß ich, was ich dadurch erreichen konnte. 

Nicht jede*r hat die Art von Möglichkeiten und den Zugang, die ich hatte, und ich bin jetzt an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich etwas zurückgeben kann, insbesondere an Frauen und Mädchen. Für mich ist das eine moralische Verpflichtung. Die Sage Foundation wurde aus dieser Einstellung heraus geboren.

Wenn du Kinder siehst und in ihre hoffnungsvollen Gesichter schaust, wird dir klar: Sie sind du, sie sind ich, sie sind wir alle. Du siehst einfach eine jüngere Version von dir selbst. Alle verdienen das Recht auf eine hochwertige Bildung. Das ist ein grundlegendes Menschenrecht. Wenn wir jungen Mädchen und Frauen den Zugang zu Bildung und Chancen verwehren, berauben wir sie intellektuell und sie werden davon abgehalten, ihr wahres Potenzial zu entfalten. Dies ist eine der grausamsten Formen der patriarchalischen Unterdrückung und des Missbrauchs.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Förderung von Mädchen der beste Weg ist, um ganze Gesellschaften zu verbessern und den Kurs unserer Zukunft zu ändern. Aus erster Hand zu sehen, wozu Mädchen fähig sind, wenn man ihnen die nötige Unterstützung gibt, ist das, was mich am meisten inspiriert. 

Der Tod von Mahsa Jina Amini hat eine Bewegung ausgelöst, die sich nicht nur auf die Frauen im Iran, sondern auf der ganzen Welt auswirkt. Kannst du uns sagen, was diese Bewegung für die Rechte der Frauen für dich bedeutet und was sie deiner Meinung nach für die Frauen bedeutet? 

Ehrlich gesagt, bin ich überwältigt und überrascht zugleich. 

Die iranischen Proteste für die Rechte der Frauen sind nicht neu; sie brodeln schon seit Jahrzehnten. Proteste finden regelmäßig statt, aber jetzt haben wir einen Wendepunkt erreicht. Überall auf der Welt sind die Rechte der Frauen in Gefahr, sei es durch die Aufhebung des Urteils Roe v. Wade in den USA und den Verlust der körperlichen Autonomie oder durch den fehlenden Zugang zu Bildung in Afghanistan. Frauen auf der ganzen Welt können sich plötzlich in die Frauen im Iran einfühlen und haben zum ersten Mal ihre Stimmen und Geschichten gehört. Das hat ihnen nicht nur die Kraft gegeben, zu kämpfen und auf die Straße zu gehen; es hat uns auch die Hoffnung gegeben, dass iranische Frauen wichtig sind. Hoffnung ist das wertvollste und wichtigste Gefühl. 

Dieser öffentliche Aufschrei hat die Frauen zusammengebracht. Es ist eine Tragödie, dass eine Frau sterben musste, damit Aufmerksamkeit erregt wird, aber dieser Moment kann Raum und Zeit überwinden und er hat die Fähigkeit, uns vorwärts zu bringen.

Was muss deiner Meinung nach jetzt geschehen, um Frauen zu schützen und zu stärken, sowohl im Iran als auch weltweit?

Was meine Landsleute im Moment mehr als alles andere spüren, ist ein überwältigendes Gefühl der Einheit, Unterstützung und Solidarität. Ich habe das Gefühl, dass wir weiter kämpfen können, sei es in London, Paris oder überall auf der Welt. Wenn wir die iranischen Frauen wirklich weiter unterstützen und solidarisch sind, kann sich etwas ändern. Ich hoffe nur, dass dies nicht auf Kosten von Tausenden von Menschenleben geschieht, was vielleicht schon der Fall ist. Und ich plädiere auch nicht für Chaos, sondern ich fordere Frauen, Männer, Einzelpersonen auf, laut zu werden und die Botschaft weit zu verbreiten. 

Langfristig müssen wir sicherstellen, dass Mädchen Zugang zu Bildung haben und sicher zur Schule gehen können. Wir müssen der Gesellschaft, den Regierungen, den politischen Entscheidungsträger*innen und sogar den Familien zeigen, dass es sich lohnt, in die Bildung von Mädchen zu investieren und wir müssen Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte unterstützen.

Vieles hängt von der öffentlichen Politik ab und davon, dass die Rechte der Frauen gewahrt werden. Wir müssen die iranische Regierung in die Pflicht nehmen. Im Moment ist es eine Diktatur, die patriarchalische Gesetze aufrechterhält, keine islamischen Gesetze. Ich kann es nicht oft genug betonen: Dies ist kein islamisches Problem, sondern ein patriarchalisches.

Du hast viel im Nahen Osten und in Afrika gearbeitet. Was brauchen die Frauen in diesen Regionen, um sich selbst und ihre Gemeinschaften zu stärken?

Langfristig brauchen die Frauen in diesen Regionen Bildung und Chancen. Wenn wir den Menschen Möglichkeiten, Zugang und Ressourcen bieten, dann können wir eigentlich nur staunen, wenn wir erfahren, welches bemerkenswerte Potenzial in ihnen steckt. Warum sollten wir die Frauen des Nahen Ostens und Afrikas weiterhin intellektuell benachteiligen? Will man wirklich eine ungebildete Gesellschaft haben? 

Wir müssen dafür sorgen, dass Mädchen in der Schule bleiben können. Und dann müssen wir sie durch den Ausbau der Infrastruktur unterstützen, um ihnen die Möglichkeiten zu bieten, ihr Potenzial auszuschöpfen, wenn sie die Schule verlassen, damit sie zu Entscheidungsträgerinnen und Führungskräften werden können. 

Ich habe einige bemerkenswerte Beispiele auf der ganzen Welt gesehen, aber dasjenige, das für mich besonders hervorsticht, ist unser Partner Legacy of War Foundation und sein Projekt Land for Women in Ruanda. Das von Giles Duley gegründete Projekt verschafft Frauenkooperativen das volle Eigentum an ihrem Land, was sie befähigt und sie und ihre Gemeinschaft aus der Armut befreit. Das auf fünf Jahre angelegte Programm unterstützt Frauen mit Ressourcen, Werkzeugen, Ausbildung und Unterstützungssystemen, die es ihnen ermöglichen, ihr Land optimal zu nutzen und Eigentümerinnen eines rentablen Unternehmens zu werden. Diese gestärkten Frauen bringen ihre ganze Community voran und bewahren und fördern die nachhaltigen Anbaumethoden, die die Welt braucht.

Welche Botschaft möchtest du den Global Citizens mitgeben?

Steht zu uns! Danke, dass ihr uns zuhört. Danke, dass ihr uns unterstützt. Bitte hört nicht auf! So viele Menschen haben ihre Kinder, ihre Schwestern, ihre Ehefrauen verloren. Wenn wir diese öffentliche Unterstützung in der ganzen Welt aufrechterhalten können, dann wird sich die Situation hoffentlich zum Besseren wenden. 

Global Citizen Asks

Gerechtigkeit fordern

"Bitte hört nicht auf, uns zu unterstützen!": Diese iranische NGO-Gründerin hat eine Botschaft für uns

Ein Beitrag von Tess Lowery  und  Nora Holz