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Jakarta, Indonesia.
Yasunari Goto
Citizenship

Indonesien: Minister schlägt Ehen zwischen reichen und armen Menschen als Mittel der Armutsbekämpfung vor

Warum das wichtig ist:
Ehe-Kampagnen sind ein besonders veralteter Ansatz, um extreme Armut zu bekämpfen. Die Global Goals der Vereinten Nationen (UN) setzen sich dafür ein, allen Menschen weltweit Zugang zu Bildung, Gesundheitsvorsorge und Familienplanung zu verschaffen – und so Armut bis 2030 weltweit zu überwinden. Nutze deine Stimme, damit diese Ziele Wirklichkeit werden.

In Indonesien sorgte ein Minister im Februar mit einem Vorschlag für Aufruhr: Um Armut landesweit zu bekämpfen, sollten gezielt Ehen zwischen reicheren und ärmeren Menschen geschlossen werden.

Das sagte Muhadjir Effendy, Indonesiens Minister für Bildung und Kultur, in seiner Eröffnungsrede beim National Health Work Meeting in der Hauptstadt Jakarta. Effendy schlug zudem vor, dass der Minister für religiöse Angelegenheiten, Fachrul Razi, eine entsprechende Fatwa erlassen sollte. Üblich ist dieses Vorgehen nicht – Fatwas werden normalerweise von islamischen Organisationen auf Anfrage ausgesprochen und dienen Angehörigen des Islam als Rechtsberatung, wie die Jakarta Post berichtet.

Armutsbekämpfung per Eheschluss

Effendy erklärte, dass die Fatwa festlegen sollte, dass “die Armen [für eine Ehe] nach den Reichen und die Reichen nach den Armen Ausschau halten sollten“.

“Was passiert, wenn arme Menschen [für eine Ehe] nach anderen armen Menschen suchen? Dann entstehen mehr arme Haushalte. Und das ist ein Problem in Indonesien“, sagte Effendy laut der Jakarta Post.

Von den insgesamt 264 Millionen Einwohner*innen Indonesiens leben 25,9 Millionen unterhalb der Armutsgrenze, berichtet die Weltbank. Dennoch hat es Indonesien in den vergangenen 15 Jahren geschafft, Armut um mehr als zehn Prozent zu reduzieren.

Effendy sagte, dass Eltern sich nicht dafür schämen sollten, wenn ihre Kinder außerhalb ihrer sozialen Schicht heiraten würden. Ganz im Gegenteil – dies sei ein “nobler Akt”.

Ärmere Paare sollen sich vor der Ehe finanziell stabilisieren

Die Öffentlichkeit reagierte auf Effendys Vorschlag in den sozialen Netzwerken mit Empörung. Daraufhin erklärte der Minister, dass es sich lediglich um einen Vorschlag – und nicht um eine Vorschrift – handeln würde.

Während seiner Ansprache in Jakarta äußerte Effendy zudem die Idee, ein Zertifizierungs-Programm vor der Ehe zu starten, um die Zahl neuer armer Familien zu reduzieren. Er sagte, dass in Indonesien durchschnittlich 2,5 Millionen Eheschließungen zustandekämen, von denen zehn Prozent zu weiteren armen Familien führen würden.

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Im Rahmen des neuen Programms würde Präsident Joko Widodo spezielle Zertifikate an Paare vor der Eheschließung ausstellen, die noch nicht finanziell stabil sind. Mit diesen Bescheinigungen könnten sie sich leichter für Ausbildungen, kleinere Kredite oder Weiterbildungen qualifizieren. Dabei verwies Effendy auf den Erfolg, den ähnliche Programme bereits in Korea, Malaysia und Singapur verzeichnet hätten.

Auch Mangelernährung möchte Effendy damit bekämpfen

Außerdem deutete Effendy an, dass Ehen zwischen reichen und armen Menschen auch der in vielen armen Familien vorherrschenden Mangelernährung von Kindern entgegenwirken könnten. Laut einer landesweiten Gesundheitsstudie von 2013 sind 37 Prozent der indonesischen Kinder unter fünf Jahren mangelernährt.

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Mangelernährung wird durch chronische Fehlernährung und wiederholter Krankheit im Kindesalter verursacht. Neben gesundheitlicher Folgen kann sie zu Wachstumsstörungen führen. Um Mangelernährung vorzubeugen, müssen schwangere Frauen und Mütter Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung, Bildung und Ernährungssicherheit erhalten, so die Weltbank – und nicht reich heiraten.

Effendys Vorschlag könnte Kinderehen fördern

Expert*innen sagen ebenfalls, dass Ehen nicht den Ursprung von Armut bekämpfen und Ehe-Kampagnen nicht dazu führen, dass Kinder finanziell besser abgesichert sind. So würden Männer, die im Rahmen einer Ehe-Kampagne heiraten, ihre Partnerin sogar weniger finanziell unterstützen.

”Verständliche und frühe sexuelle Aufklärung und ein erschwinglicher Zugang zur Geburtenkontrolle und Familienangeboten” wären viel effizientere Methoden, um Armut zu verringern. Denn so werden Frauen darin unterstützt, etwa ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden, so Kristi Williams, Dozentin für Soziologie an der Ohio State Universität gegenüber der Nachrichtenseite Think Progress.

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In dem Land mit der acht höchsten Rate von Kinderbräuten weltweit könnte der Vorschlag Effendys, reiche mit armen Menschen zu verheiraten, zu einem Anstieg von Kinderehen führen.

Denn in Indonesien sind Mädchen aus ärmeren Haushalten bereits grundsätzlich gefährdet, früh zu heiraten, um ihre Eltern zu entlasten. Ohne Bildung ist es für Kinderbräute sehr schwer, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen, wodurch sie im Armutskreislauf gefangen bleiben.