Warum das wichtig ist
Das Global Goal 13 der Vereinten Nationen sieht vor, Maßnahmen für den Klimaschutz zu fördern. Bereits jetzt sorgt ein Überschuss an Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre für die schwerwiegende Erderwärmung und die daraus entstehende Klimakrise. Werde hier aktiv und hilf mit, die Klimakrise aufzuhalten.

Von Alister Doyle

OSLO, 4. Februar (Thomson Reuters Foundation) — An einem kargen Berghang im Südwesten Islands installieren Arbeiter*innen riesige Ventilatoren, um Kohlendioxid aus der Luft zu saugen und es tief unter der Erde in Gestein zu verwandeln — eine radikale, aber teure Methode zur Bekämpfung der globalen Erwärmung.

Technische Lösungen, um die Klimakrise aufzuhalten, gewinnen nicht nur an Aufmerksamkeit, sondern werden zunehmend als Investitionsmöglichkeit betrachtet. Der Hintergrund: Unternehmen wie Microsoft und Staats- und Regierungschef*innen aus China, den USA und der Europäischen Union arbeiten an langfristigen Plänen, um "Netto-Null"-Emissionsziele zu erreichen.

Elon Musk, Chef von Tesla und milliardenschwerer Unternehmer, sagte im Januar, dass er einen Preis in Höhe von 100 Millionen US-Dollar (rund 84 Millionen Euro) für die beste "Technologie zur Kohlendioxidabscheidung" vergeben würde.

Reduzierung von Emissionen durch technologische Lösungen

Die Schweizer Firma Climeworks, die die isländische Anlage zusammen mit Carbfix, einer Einheit von Reykjavik Energy, baut, sagt, dass jedwede technologische Lösung notwendig ist, um die Klimakrise zu begrenzen.

Doch Kritiker*innen sagen, dass “direct air capture” (DAC) von Emissionen, die sich bereits in der Atmosphäre befinden, zu kostspielig ist, insbesondere im Vergleich zu einer einfachen Reduzierung der Emissionen oder dem Schutz bestehender Wälder und dem Pflanzen neuer Bäume.

Während sie wachsen, saugen Bäume Kohlendioxid aus der Luft auf und senken so die Menge an Kohlenstoff in der Atmosphäre — und alte Bäume seien dabei viel effektiver als neue Plantagen, sagen Wissenschaftler*innen.

Iceland-CO2-Rock-Conversion-Climate-Change.jpgA CarbFix technical manager, checks a valve at a test well at Reykjavik Energy's Hellisheidi geothermal power plant in Iceland, July 2011. Scientists have a found a quick but not cheap way to turn heat-trapping carbon dioxide into harmless rock.
Image: Brennan Linsley/AP

"Wir sollten so viele Wälder wie möglich pflanzen und so viele wie möglich schützen. Aber wir sind jenseits des 'entweder/oder' bei der Wahl, wie wir die Erderwärmung verlangsamen", sagte Jan Wurzbacher, Direktor und Mitbegründer von Climeworks.

Das Unternehmen installiert acht Kohlendioxid-Kollektoren — jeder hat etwa die Größe eines Schiffscontainers — um eine Anlage in Island zu erweitern, die jetzt 50 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr auffängt und speichert. Damit wird ihre Kapazität auf 4.000 Tonnen jährlich erhöht.

Die Ventilatoren saugen Luft an und spezielle Filter extrahieren das Kohlendioxid. Carbfix verbindet den Kohlenstoff mit Wasser und bildet eine milde Säure, die dann 800 bis 2.000 Meter unter die Erde in Basaltgestein gepumpt wird.

Innerhalb von zwei Jahren sind 95 Prozent dessen, was Kohlendioxid war, zu Gestein geworden, sagt Edda Sif Aradóttir, CEO von Carbfix.

Aber Kohlendioxid macht nur etwa 0,04 Prozent der Luft aus, und der Prozess der Abscheidung und Speicherung ist komplex und energieintensiv. In Island ist er vor allem wegen eines riesigen, kostengünstigen Bestands an geothermischer Energie machbar.

Das Absaugen von Kohlenstoffdioxid aus der Luft ist mit hohen Kosten verbunden

Das US-amerikanische Zahlungsunternehmen Stripe erklärte letztes Jahr, dass es Climeworks 775 US-Dollar (rund 652 Euro) pro Tonne für die Extraktion von 322 Tonnen Kohlendioxid aus der Luft zahlen würde — ein Hinweis darauf, mit welchen Kosten hier gerechnet wird.

Microsoft sagte ebenfalls Ende Januar, dass es in Climeworks investieren würde, um 1.400 Tonnen Kohlenstoff zu verwandeln — aber Climeworks lehnte es ab, den Preis pro Tonne zu nennen.

"Die Technologie von Climeworks zur direkten Abscheidung von Luft wird eine Schlüsselkomponente unserer Bemühungen zur Kohlendioxid-Entfernung sein", sagte Elizabeth Willmott, Managerin für Kohlendioxid-Entfernung bei Microsoft, in einer Erklärung.

Microsoft sagte letztes Jahr, dass das Unternehmen bis 2030 mehr Emissionen entfernen wird, als es jedes Jahr erzeugt und bis 2050 "den gesamten Kohlenstoff, den das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 1975 entweder direkt oder durch elektrischen Verbrauch emittiert hat, aus der Umwelt entfernen wird."

Andere Firmen, die daran arbeiten, Kohlenstoff aus der Luft zu saugen, sind zum Beispiel Carbon Engineering mit Sitz in Kanada, die nach eigenen Angaben zusammen mit ihren Partnern DAC-Anlagen bauen wollen, um eine Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr abzuscheiden.

iceland-climate-change-geothermal-plant-emissions-unsplashImage: Unsplash/Tommy Kwak

Das entspreche "der Arbeit von 40 Millionen Bäumen", so das Unternehmen, das aus Kohlendioxid Kraftstoffe herstellt.

Das in den USA ansässige Unternehmen Global Thermostat arbeitet unterdessen mit Firmen wie Coca Cola, die Kohlendioxid zur Herstellung von Sprudelgetränken verwenden, und dem Ölgiganten Exxon Mobil zusammen, der zu den weltweit größten Verursachern von Treibhausgasemissionen zählt.

Climeworks sagt, es sei das erste Unternehmen, das Kohlenstoff dauerhaft aus der Natur gewinnt, indem es ihn unter der Erde vergräbt.

Neben der Anlage in Island betreibt das Unternehmen auch eine Anlage in der Schweiz, die bis zu 1.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus der Luft auffangen kann. Das Gas wird dann an lokale Gewächshäuser verkauft, um das Pflanzenwachstum zu fördern.

Finanzierungsmöglichkeiten gesucht

Doch die hohen Kosten bereiten allen DAC-Firmen Kopfzerbrechen.

"Unter 200 US-Dollar (rund 168 Euro) pro Tonne Kohlendioxid zu kommen, ist ein wichtiger Schritt", sagte Wurzbacher.

Das ist ungefähr der Betrag, den Kalifornien in Form von staatlichen Gutschriften für die Unterstützung von kohlenstoffarmen Transportkraftstoffen zahlt, die mit aus der Luft abgeschiedenem Kohlenstoff hergestellt werden können, sagte er.

Ein breiterer Anreiz in Höhe von 200 US-Dollar pro Tonne für die Herstellung von Kraftstoff zur Verwendung in PKWs oder LKWs könnte die Entwicklung von DAC für alle Verwendungszwecke fördern — auch für die Verbrennung von Kohlenstoff.

Wurzbacher lobte Unternehmen und Länder, die sich Netto-Null-Emissionen zum Ziel gesetzt haben, sagte aber, dass die Investitionen bisher weit hinter den Ambitionen von Climeworks zurückbleiben, bis 2030 zwischen 30 und 50 Millionen Tonnen pro Jahr einzusparen.

Das Unternehmen habe im vergangenen Jahr in einer Finanzierungsrunde etwa 110 Millionen US-Dollar (rund 92,43 Millionen Euro) eingenommen, sagte er — weit weniger, als zum Erreichen seiner Ziele nötig gewesen wäre.

"Jemanden wie Elon Musk zu haben, der den Fokus auf Kohlenstoffabscheidung und -speicherung legt, ist wichtig... dadurch wird es mehr Mainstream", sagte Aradóttir.

Die Umwandlung von Kohlenstoff in Gestein sei eine Lösung, die Treibhausgase für Millionen von Jahren einschließt — weitaus dauerhafter als die Anpflanzung von Bäumen, die unter Abholzung, Landrodung oder häufigeren Waldbränden leiden können, die durch die mit dem Klimawandel einhergehende Dürre und Hitze verursacht werden, so Aradóttir.

Aradóttir betonte, sie hoffe, dass die neue Anlage trotz der durch die Coronavirus-Pandemie verursachten Störungen im Frühjahr — also im April oder Mai im winterlichen Klima Islands — in Betrieb genommen werden könne.

Skepsis bei der Umsetzung der Kohlendioxid-Entfernung

Die Internationale Energieagentur (IEA) gab in einem Bericht im letzten Jahr an, dass weltweit 15 DAC-Anlagen in Europa, den USA und Kanada in Betrieb sind, die zusammen mehr als 9.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr abscheiden.

Doch das ist nur ein winziger Bruchteil der weltweiten Emissionen — es entspricht den jährlichen Emissionen von nur 600 US-Amerikaner*innen, von denen jede*r etwa 15 Tonnen klimaschädliche Stoffe produziert.

Es sind noch "mehr Bemühungen erforderlich", so die Überschrift des IEA-Berichts.

Ein Bericht von Greenpeace UK im letzten Monat zeigte sich skeptisch gegenüber DAC-Technologien und sagte, sie befänden sich in einem "sehr frühen Stadium und seien extrem teuer".

“Ihre zukünftige Verfügbarkeit bleibt sehr spekulativ, obwohl die Hoffnung auf eine ‘Wunderwaffe’ zu einer hochkarätigen Medienberichterstattung geführt hat", so der Bericht.

Die direkte Abscheidung von Kohlenstoff aus der Luft wurde früher in wissenschaftlichen Berichten der Vereinten Nationen (UN) als eine Form des Geo-Engineerings in einen Topf geworfen, das heißt die Veränderung des Erdsystems, um den Gefahren des Klimawandels zu begegnen.

Damit steht sie neben spekulativeren Technologien, wie der Verdunkelung des Sonnenlichts durch einen Schleier aus Chemikalien, der in die Stratosphäre injiziert wird.

Kohlendioxid-Entfernung aus der Atmosphäre wird unvermeidbar

Seit 2018 wird DAC jedoch als eine Form der Emissionsreduzierung neu klassifiziert — und neuere wissenschaftliche Berichte legen nahe, dass ein gewisses Maß an erhöhter Kohlendioxid-Entfernung aus der Atmosphäre nun unvermeidbar ist, sei es durch die Natur oder durch Technologie.

Die Versteinerung von Emissionen unter der Erde wird nicht überall funktionieren. Nur fünf Prozent der Kontinente verfügen über ein für den Prozess geeignetes Grundgestein, obwohl auch weite Teile des Meeresbodens funktionieren könnten, so Aradóttir.

Bislang hat Carbfix seit 2014 mehr als 65.000 Tonnen Kohlendioxid in den Boden verpresst, das fast ausschließlich von einem geothermischen Kraftwerk produziert und nicht aus der Luft gefangen wurde.

Aradóttir sagte, es gäbe keine Anzeichen dafür, dass sich der unterirdische Raum füllt, während immer mehr Flüssigkeit nach unten gepumpt wird.

Wurzbacher sagt, dass die zukünftigen DAC-Anlagen von Carbfix wahrscheinlich nach Tieren benannt werden. Die neue isländische Anlage heißt "Orca", nach dem Killerwal — obwohl "Orka" auf Isländisch auch "Energie" bedeutet. "Mammut" ist ein Vorschlag für eine weitere Anlage in Island — eine viel größere.

(Ein Beitrag von Alister Doyle; Überarbeitet von Laurie Goering; Bitte die 'Thomson Reuters Foundation' als Quelle angeben, wenn dieser Artikel zitiert / geteilt wird. Die Thomson Reuters Foundation liefert Beiträge über humanitäre Hilfe, Frauenrechte, Menschenhandel, Klimawandel und vieles mehr auf http://news.trust.org/climate.)


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