So haben Global Citizens ein Land dazu gebracht, die Menstruationshygiene in über 5.000 Schulen zu verbessern

Autoren: Mbali Kgame, Lerato Mogoatlhe und Imogen Calderwood

UNFPA ESARO

Wenn man darüber nachdenkt, welche Dinge Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt daran hindern, ihr volles Potential zu entfalten, fallen einem wahrscheinlich schnell die folgende Dinge ein: Mangelnder Zugang zu Bildung, fehlender Zugang zu gut bezahlten Jobs oder aber die Einschränkung der eigenen Freiheit und damit keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Allerdings fängt es schon bei wesentlich kleineren bzw. unscheinbaren Einschränkungen an – wie zum Beispiel keinen Zugang zu Hygieneprodukten zu haben, wenn die Periode einsetzt. Oder keine sauberen, sicheren und den Bedürfnissen entsprechenden Toiletten für Mädchen in Schulen vorzufinden. Und auch das immer noch weit verbreitete Stigma der Periode zu ertragen, das etwas so Natürliches in etwas Beschämendes und Unangenehmes verwandelt, was dem Selbstbewusstsein der Mädchen enorm schadet.

All diese Faktoren können enorme negative Auswirkungen auf Mädchen haben. Nicht nur indem ihre schulische Ausbildung und ihr späteres Berufsleben davon betroffen sind, sondern es kann auch ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit schaden.

“Die Periode setzt für gewöhnlich zu einem Zeitpunkt im Leben eines Mädchens ein, wenn ein starkes Selbstbewusstsein und gesundes Körpergefühl darüber entscheiden können, ob ein Mädchen die Fähigkeit entwickelt, Chancen im Leben wahrzunehmen”, sagt Talia Fried, Global Policy & Government Affairs Managerin bei Global Citizen und Leiterin der WASH und Menstrual Hygiene-Kampagne.

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“Zugang zu Bildung ist ein Menschenrecht und fundamental, wenn es darum geht, inwiefern ein Mädchen später ein finanziell unabhängiges, gesundes und selbstbewusstes Leben führen kann”, so Fried weiter. “Bildung ermöglicht es ihr, Kinderheirat und Missbrauch aus dem Weg zu gehen und darin bestärkt zu werden, ihren eigenen Weg zu finden.”

Laut dem Water Supply and Sanitation Collaborative Council (WSSCC), eine Organisation der Vereinten Nationen, welche Programme zur Förderung von Menstruationsgesundheit in Entwicklungsländern leistet, sehen sich Mädchen und Frauen quer durch alle Länder in Subsahara Afrika mit dem gleichen Problem konfrontiert: “Mangelnde Aufklärung führt zu immer weiter wachsenden Stigmata, Diskriminierung bis hin zur Lähmung des eigenen Lebens während der Periode.”

“Einige Mädchen sind völlig ahnungslos wenn es um sichere Hygieneprodukte geht und greifen auf unsichere Methoden und Materialien zurück, die ein Gesundheitsrisiko darstellen – etwa Infektionen, aber auch unangenehme Gerüche und allgemeines Unwohlsein”, sagt Virginia Kamowa, Expertin für Menstruationshygiene- und management beim WSSCC im Gespräch mit Global Citizen.

Die gute Nachricht ist: Es gibt Lösungsansätze.

Der erste und offensichtlichste Ansatz lautet: Alle Menschen müssen Zugang zu Hygieneprodukten erhalten. Dafür müssen diese auch erschwinglich sein. Mädchen und Jungs müssen über das Thema Periode aufgeklärt werden. Und zu guter Letzt: Schulen müssen Schülerinnen anständige, gut ausgestattete und sichere Toiletten zur Verfügung stellen, mit Waschbecken und Mülleimern, sodass Mädchen auch während ihrer Periode eine Schule besuchen können.

Nicht nur in Südafrika, sondern überall auf der Welt, sollten diese Dinge als grundlegendes Menschenrecht zählen – und doch gibt es unzählige Schülerinnen in unzähligen Ländern, die aufgrund solch fehlender Einrichtungen und mangelnder Aufklärung während ihrer Periode entweder nicht zur Schule gehen, oder sich kaum auf den Unterricht konzentrieren können – aus Angst und Scham, ihre Periode nicht unter Kontrolle zu haben.

Um das Thema Menstruationshygiene in Südafrika mehr in den Vordergrund zu rücken, haben sich verschiedene lokale Organisationen und Partner in Südafrika mit Global Citizen zusammengetan. Gemeinsam sollen diejenigen unterstützt werden, die sich für Veränderungen stark machen.

South-Africa-MHM-Schools-003.jpgDurban, Südafrika: Schülerinnen der 7. Klasse mit einem “Menstrual health” Paket, das sie während einer Fortbildung zum Thema “Menstruation und das weibliche Reproduktionssystem” erhalten haben.
Image: Stefan Heunis/AFP/Getty

 1. Die Worte eines Präsidenten

Seit Jahren haben sich Aktivist*innen und Kampagnen-koordinator*innen in ganz Südafrika dafür eingesetzt, dass die Probleme, mit denen sich Mädchen und Frauen während ihrer Periode konfrontiert sehen, endlich gelöst werden. 2011 sah es ganz danach aus, als ob sich die Dinge zum Besseren wenden, als der damalige südafrikanische Präsident Jacob Zuma seine Rede zur Lage der Nation unter anderem dafür nutze, den Zugang zu Hygieneprodukten für alle in den Vordergrund zu stellen.

“Jetzt wo wir unseren Schwerpunkt auf die Gesundheit von Frauen legen, werden wir Rechte rund um reproduktive Gesundheit erweitern und mehr Leistungen anbieten, die sich unter anderem um Empfängnisverhütung, Vermeidung sexuell übertragbarer Infektionen und Schwangerschaften im Teenageralter sowie Hygieneprodukte für diejenigen, die sich diese finanziell nicht leisten können, kümmern”, so Zuma in seiner Rede.   

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Die Kosten für Hygieneprodukte während der Menstruation können für Mädchen und Frauen aus sozial schwachen Familien in Südafrika zu einer großen Last werden. Im Durchschnitt kostet ein Tampon in Südafrika rund 9 Cent (1,50 südafrikanische Rand). Im Laufe ihres Lebens gibt eine Frau also rund 1.016 € für Tampons aus. Ein Paket Binden mit zehn Stück sind mit rund 1,11 Euro nochmal teurer –  und summiert sich im Laufe eines Lebens auf rund 1.226 Euro.

Einige Provinzen haben sich dem Problem bereits angenommen und stellen an Schulen kostenfreie Damenbinden zur Verfügung. Zusätzliche finanzielle Mitteln vom Staat würden bedeuten, dass noch mehr Provinzen sich diesem Vorgehen anschließen könnten.  

Für Dr. Okito Wedi, Ärztin und seit August 2018 Teil des Global Citizen Policy Teams in Südafrika, war Zumas Rede in 2011 ein entscheidender Wendepunkt im Kampf für mehr Zugang zu Menstruations-Hygieneprodukte für Frauen in Südafrika.  

“Menstruationshygiene landete endlich auf der Agenda, und dass dieses Thema auf einer staatlichen Plattform angesprochen wurde, war einfach unglaublich wichtig”, sagt Wedi. “Ich glaube, ein Stück weit über alle Parteien hinweg wurde dies als ein wichtiger Moment gesehen.”

“Vor allem, weil es von einem Mann kam”, fügt sie hinzu. “Und in seiner Rolle als Präsident zu so einer Zeit war das einfach unglaublich ermutigend.”

Auch wenn Zumas Statement als wichtiger Wendepunkt im öffentlichen Diskurs zu diesem Thema gesehen werden kann, muss man dennoch festhalten, dass in den darauffolgenden sieben Jahren von der südafrikanischen Regierungen nur sehr wenig umgesetzt wurden, um die Situation wirklich zu verbessern.

Kurzum: Obwohl Zuma einen großer Schritt nach vorne gemacht zu haben schien - ein Präsident, der das Problem in seiner wichtigen Jahresrede anerkennt - fehlte es immer noch an konkreten Lösungen.

 2. Die Kampagne nimmt Form an

In 2018, im Vorfeld des Global Citizen Festivals: Mandela 100 in Johannesburg, schloss Global Citizen sich mit einigen der großartigen Aktivist*innen und Kampagnen-Koordinator*innen vor Ort zusammen, um diese in ihrem Kampf um mehr Gleichberechtigung durch bessere Sanitärversorgung zu unterstützen.

Gemeinsam wurde erarbeitet, welche konkreten Schritte die Regierung unternehmen müsste, damit der Bereich Menstruationshygiene besser unterstützt wird und welche Kosten damit verbunden wären.   

Nach wochenlangen Gesprächen mit Partnern und Aktivist*innen formulierte Global Citizen folgende vier Forderungen an die Regierung:

1. Die Steuer in Höhe von 15 Prozent, die auf Menstruations-Hygieneprodukte erhoben wird und Produkte wie Tampons und Binden für viele unerschwinglich macht, abzuschaffen.

2. Finanzielle Zusagen seitens der Regierung in Höhe von 1,7 Milliarden südafrikanische Rand (über 100 Mio. Euro), um allen Schüler*innen im Land zwischen der 4. und 12. Klasse Zugang zu kostenfreien Binden für zwei Jahre zu ermöglichen.

3. Einführung von qualitativ hochwertigem Aufklärungsunterricht für Mädchen und Jungen an allen Schulen.

4. Sicherzustellen, dass alle Schulen im Land mit adäquaten Sanitäreinrichtungen ausgestattet werden.

Wenn die Regierung sich zu diesen zentralen Forderungen verpflichten würde, wäre es möglich, die Not vieler Mädchen im Land in Bezug auf ihre Menstruation zu lindern.

Als Wedi Teil des Global Citizen-Teams wurde, begann sie, mit Fried an der Kampagne zu arbeiten. Wedi wurde in der Demokratischen Republik Kongo geboren und lebt seit 29 Jahren in Südafrika. Bevor sie zu Global Citizen kam, war sie Mitbegründerin der NGO “Vagina Workshop”, die junge Mädchen und Frauen über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit berät.

South-Africa-MHM-Schools-002.jpgEin Poster, das verwendet wird, um Mädchen an einer Schule in Soweto, Johannesburg, über ihre Periode und die weibliche Anatomie aufzuklären.
Image: Stefan Heunis/AFP/Getty

"Einer der Gründe, warum ich mich für den Wechsel zur öffentlichen Gesundheitspolitik entschieden habe, war, dass ich die Probleme, die die mentale Gesundheit und das Wohlbefinden der Frauen belasten, an der Wurzel packen wollte", sagt sie.

Wedi wollte die Frauen nicht nur behandeln – sie wollte die Rahmenbedingungen der gesundheitlichen Einschränkungen der Mädchen und Frauen verändern, die sie als Ärztin aus erster Hand miterlebt hatte.

“Frauen und Kinder zu sehen, die Infektionen und Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind, nur weil sie sich so etwas Grundlegendes wie Binden nicht leisten können, hat mich zutiefst bewegt.”

Gemeinsam mit Partnerorganisationen wie Mimiwomen, dem WSSCC und dem Tag der Menstruationshygiene entwickelte Global Citizen eine Strategie, um die Regierung dazu zu bringen, aktiv zu werden und sich zu verpflichten, die Missstände anzugehen – und ihre Versprechen auch wirklich einzuhalten.

 3. Global Citizens werden aktiv

Am 21. August 2018 begannen Global Citizens weltweit, gemeinsam ihre Stimme erheben und die Regierung Südafrikas aufzufordern, die Menstruationsgesundheit in dem Land zu verbessern. Dafür nahmen Global Citizens an Aktionen teil, die den Auftakt des Global Citizen Festivals “Mandela 100” am 2. Dezember 2018 bildeten. Dank ihrer Teilnahmen an der Aktion verdienten sie Punkte und hatten so die Chance, Tickets für das Global Citizen Festival: Mandela 100 zu gewinnen.

Das Jahr 2018 stand ganz im Zeichen Nelson Mandelas. Denn 2018 wäre der ehemalige Präsident Südafrikas, der dem Apartheid-Regime im Land ein Ende setzte, 100 Jahre alt geworden. Das Festival: Mandela 100 war dem lebenslangen Engagement Mandelas für die Gleichstellung aller Menschen gewidmet und forderte Global Citizens dazu auf, sein Vermächtnis fortzusetzen – sowohl in Südafrika als auch in der ganzen Welt.

Neben mehreren Zehntausend Global Citizens kamen zu diesem Anlass Weltstars wie Beyoncé und JAY-Z, Cassper Nyovest, D'Banj, Ed Sheeran, Eddie Vedder, Femi Kuti, Pharrell Williams und Chris Martin, sowie viele weitere großartige Künstler*innen zusammen.

Um das Bewusstsein für die Relevanz von Menstruationsgesundheit zu schärfen, sendeten Global Citizens im Vorfeld E-Mails an die südafrikanische Regierung – und forderten die Verantwortlichen auf, in Bildung und die Herstellung von Produkten zur Menstruationshygiene zu investieren und sichere Toiletten in Schulen einzurichten.

Eine der zahlreichen Global Citizens, die an den Kampagnen teilnahmen, war Palesa Mokoenanyane, 28, aus Johannesburg. Für sie war die Mission, allen Betroffenen in Südafrika eine hygienische, sichere und angenehme Periode zu ermöglichen, schon seit Längerem ein Anliegen.

So nutzte Mokoenanyane ihre Social-Media-Plattformen, um auf “Lets Pad South Africa” aufmerksam zu machen: eine Organisation, die Hygienepads sammelt, um sie an Schulen in einkommensschwachen Gemeinden zu verteilen. Zudem spendete sie selbst Hygienepads an lokale Apotheken.

Als sie in einer Radiosendung von Global Citizen erfuhr, lud sie sich schnell die Global Citizen App herunter und registrierte sich. Mokoenanyane sagt selbst, sie könne sich kaum noch an ihre erste Periode erinnern – bis auf folgende Worte ihrer Mutter: "Du hast großes Glück, dass du Binden nutzen kannst. Einige Mädchen da draußen haben keinen Zugang dazu  – sie können nicht einmal rausgehen und spielen, sie können nicht zur Schule gehen. Sie müssen zu Hause bleiben."

Diese Worte haben sich bei Mokoenanyane fest eingeprägt. "Dies war einer der demütigendsten Momente meines Lebens – als mir klar wurde, dass ich besser dran war als jemand anderes", sagt sie. "Und es hat mich in diesem jungen Alter wirklich schockiert ... es hat mich sehr traurig gemacht, zu wissen, dass jemand anderes wegen so etwas benachteiligt wird.“

“Wenn man aufgrund seiner Periode für ein paar Tage die Schule verpasst, trägt das zur einer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei, weil [Mädchen] dadurch nicht das gleiche Bildungsniveau erreichen können. Und das alles nur, weil ihnen der Zugang zu einer Binde fehlt", fügt sie hinzu.

Um die Forderungen von Global Citizens nach einem Wandel zu ergänzen, schlossen sich die südafrikanische TV-Moderatorin Bonang Matheba und Gayle King, eine TV-Moderatorin in den Vereinigten Staaten, der Kampagne an. Matheba, die sich vor allem für die Bildung von Mädchen einsetzt, forderte den Präsidenten Cyril Ramaphosa direkt per Tweet auf, in Menstruationsgesundheit zu investieren.

Die Ergebnisse der gemeinsamen Bemühungen und Aktionen ließen nicht lange auf sich warten.

 4. Die ersten Reaktionen der Regierung

Am 24. Oktober schaffte Finanzminister Tito Mboweni die Steuer auf Menstruationsprodukte in Südafrika ein für allemal ab und legte das Ende der Besteuerung bereits auf den 1. April 2019.

Zudem versprach er, dafür zu sorgen, dass kostenlose Binden auch an öffentlichen Schulen den Schüler*innen zur Verfügung stehen sollen. "Die Aufhebung der Umsatzsteuer auf diese Produkte richtet sich an Haushalte mit niedrigem Einkommen und stellt die Würde unserer Einwohner*innen wieder her", sagte Mboweni bei der Vorstellung der mittelfristigen Ziele seiner Haushaltspolitik.

Wedi und viele weitere involvierte Aktivist*innen und Organisationen deuten das als großen Fortschritt.

"Als die Mehrwertsteuer aufgehoben wurde, war ich begeistert", sagt Wedi. "Das war unglaublich aufregend, denn es war das erste Anzeichen dafür, dass wir etwas bewirken können. Dieser Moment war sehr ermutigend für uns.“

Sie fügt hinzu: “Diese Zusage hat uns geholfen, die Energie und den Fahrtwind zu entwickeln, um die folgenden Phasen der Kampagne erfolgreich durchzuführen. Das war eine unglaublich fortschrittliche Ankündigung von Seiten der Regierung und ließ unsere Ziele mit einem Mal greifbar werden. Wenn das schon möglich ist, warum dann nicht auch die Bereitstellung von Hygienepads, mehr Bildung im Bereich Menstrual Hygiene Management und sichere Toiletten?"

Auch für Fried verdeutlichte dieser Moment, dass die "Regierung uns zugehört hat und anfing, auf einer öffentlichen Ebene zu verstehen, dass die Menstruationsgesundheit eine Notwendigkeit und kein Luxus ist – und priorisiert werden muss".

Mit diesem Rückenwind nahm die Kampagne an Fahrt auf – und die Anzahl der Aktionen von Global Citizens wuchs mit jedem Tag.

Am 29. Oktober startete Global Citizen eine weitere Aktion und bat alle Teilnehmer*innen, sich bei Präsident Ramaphosa und Mboweni per Tweet für die Verbesserung der Menstruationsgesundheit und -hygiene zu bedanken. Diese riefen daraufhin beide Politiker dazu auf, am Global Citizen Festival teilzunehmen und auf der Bühne das geplante Haushaltsbudget für Hygieneartikel an öffentlichen Schulen zu verkünden – in Kombination mit einer nachhaltigen Gesundheitserziehung für Mädchen und Jungen.

Am 29. November – wenige Tage vor Festivalbeginn – verzeichnete die Kampagne einen weiteren Höhepunkt: Energieminister Jeff Radebe versprach, persönlich mit Gesundheitsminister Dr. Pakishe Aaron Motsoaledi und Grundbildungsministerin Angie Motshekga darüber zu diskutieren, warum mehr als 100.000 Aktionen von Global Citizens zum Thema Menstruationsgesundheit durchgeführt wurden.

Die Unterstützung von Radebe  – als dienstältestes Mitglied des Parlaments des Afrikanischen Nationalkongresses und Vorsitzenden des Interministeriellen Ausschusses für die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag von Nelson Mandela – verlieh der Kampagne auf politischer Ebene Gewicht.

South-Africa-MHM-Schools-Ambassadors-Teaching-004.jpgImage: Courtesy of Days for Girls

 5. Der Tag des Festivals ist gekommen

Als der 2. Dezember über Johannesburg anbricht, machen sich Zehntausende Global Citizens auf den Weg in das größte Fußballstadion Afrikas (FNB), um einen Tag voller großartiger Performances von einigen der größten Künstler*innen der Welt und Zusagen und Ankündigungen von internationalen Politiker*innen hautnah mitzuerleben.

Während sie sich im Stadium auf das Event einstimmen, hört die Arbeit hinter den Kulissen für die involvierten Aktivist*innen und politischen Experten allerdings noch nicht auf.

"Wir waren uns nicht sicher, ob Präsident Ramaphosa seine Zusage auch tatsächlich auf der Bühne verkünden würde", sagt Wedi. "Wir wussten nur, dass wir erst wenige Minuten vor seiner Rede eine endgültige Bestätigung darüber erhalten, was er sagen würde.”

“Alles, was wir sagen konnten, war, dass es ein Zugeständnis geben würde und zahlreiche Südafrikaner*innen gespannt darauf warteten“, fügt sie hinzu.

Als Global Citizen das finale Manuskript für die Rede des Präsidenten in den Händen hält, ist darin von keiner offiziellen Ankündigung mehr zu lesen.

"Dann sprach Mick Sheldrick, Vice President of Global Policy & Government Affairs und Mitgründer von Global Citizen, hinter der Bühne mit dem Präsidenten kurz vor dessen Auftritt über die Bedeutung der Menstruationsgesundheit für Mädchen in Bezug auf deren Bildung und Perspektiven", sagt Fried. "Er erinnerte den Präsidenten an die tausenden Südafrikaner*innen da draußen, die zu diesem Thema aktiv geworden waren und die dieser Abend enttäuscht zurücklassen würde, wenn es keine Ankündigung dazu gäbe.

“Daraufhin begann der Präsident, seine Rede in letzter Minute auf einem iPad kurz vor seinem Intro durch Oprah Winfrey umzuschreiben", sagt sie.

South-Africa-MHM-Mandela-100-Global Citizen-007.jpgEin Blick auf die Arena während des Global Citizen Festivals: Mandela 100 im FNB Stadium am 2. Dezember 2018 in Johannesburg, Südafrika.
Image: Michelly Rall/Getty Images for Global Citizen

Und dann war er da: Der Moment, in dem Präsident Cyril Ramaphosa zum großen Finale des Abends die Bühne betrat, um vor Global Citizens zu sprechen, die gespannt darauf warteten, zu erfahren, was ihr Einsatz bewirkt hatte.

Mit einem Mal brach tosender Applaus und Jubel im Publikum aus, denn: Ramaphosa kündigte ein Zusage von 2 Milliarden Rand (rund 120 Millionen Euro) an und sprach über die Bedeutung der Menstruationshygiene für Schüler*innen und deren Bildungschancen.

"Nelson Mandela hat uns gelehrt, dass nicht die Reichen oder Mächtigen Geschichte schreiben, sondern Bürger*innen, die aus ihrer eigenen Überzeugung heraus etwas bewirken möchten", sagte er. "Wir haben die Stimmen der Mädchen erhört, die ihre Bildung vernachlässigen müssen, weil sie sich keine Hygieneprodukte leisten können", fuhr er fort. "Wir haben die Aufrufe von Frauen gehört, die durch ihre Partner und Fremde gleichermaßen Missbrauch, Gewalt und sogar Tod erfahren haben.“

"Wir haben den Schmerz der LGBTI-Gemeinschaft verspürt, die täglich mit Unwissenheit und Engstirnigkeit, Diskriminierung und Missbrauch konfrontiert wird", sagte er. "Wir haben eure Rufe erhört und werden gemeinsam handeln, um ein besseres Leben für uns alle zu ermöglichen."

ramaphosa 2 wide.pngDiese Zugeständnisse vom Präsidenten persönlich auf der Global Citizen Bühne zu hören, war ein historischer Moment für alle Aktivist*innen und Mitstreiter*innen, die unermüdlich an diesem Thema gearbeitet hatten.
Image: Global Citizen

Abschließend sagte er: "Hier, am südlichsten Zipfel Afrikas, haben auch wir die Forderungen von Global Citizens aus der ganzen Welt erhört.“

"Effektive Menstruationsgesundheit und -hygiene sind eine wichtige Komponente und Voraussetzung für die sexuelle und reproduktive Gesundheit jugendlicher Mädchen", sagte Kamowa von der WSSCC. "Die Zeiten, in denen Mädchen und Frauen aufgrund der Menstruation eingeschränkt sind, müssen endlich vorbei sein." Für die Global Citizens, die sich an der Kampagne beteiligt haben, ist dies eine Bestätigung dafür, dass ihre Stimmen und Handlungen etwas bewegen.

Für Mokoenanyane, eine der Kamgapgenunterstützerinnen, war es "wirklich aufregend", Ramaphosas Worte zu hören und "zu wissen, dass wir für jemanden sprechen können, dessen Stimme nicht gehört wird, jemanden, dem es unangenehm ist, darüber zu sprechen."

 6. Glückwunsch zu diesem Erfolg! Aber wir sind noch nicht am Ziel...

South-Africa-MHM-Schools-Ambassadors-Teaching-006.jpgEin 18-Jährige hört sich einen Vortrag zum Thema Menstruationsgesundheit an. Am Ende der Diskussion gab sie bekannt, dass sie einige Jahre zuvor wegen ihrer Periode die Schule abbrechen musste.
Image: Courtesy of Days for Girls

Ramaphosas Rede in Südafrika war ein großer und wichtiger Moment – aber es war definitiv nicht das Ende unserer Arbeit.

Obwohl die Zusage in Höhe von 2 Mrd. Rand (rund 120 Millionen Euro) hoch ist, hatte die Regierung noch nicht genau angekündigt, wie viel dieses Geldes Schülerinnen und Studentinnen in Südafrika für Menstruationshygiene-Produkte zur Verfügung gestellt wird.

“Ich fühle mich durch die gesamte Kampagne motiviert, von unseren inspirierenden Partnern und den Aktivist*innen, mit denen wir im Vorfeld des Events zusammengearbeitet haben, von Tausenden und Abertausenden von Global Citizens, die sich Gehör verschafft haben, und von den Aussagen des Präsidenten auf der Bühne über die Bedeutung von Menstruationshygiene und die Finanzierung dieses Themas“, sagt Fried.

"Aber ich bin auch zutiefst frustriert darüber, dass wir noch nicht sicher sein können, ob er bereit und gewillt ist, sich wirklich für die Verbesserung der Menstruationsgesundheit einzusetzen", fügt sie hinzu.

Also erhoben Global Citizens noch einmal ihre Stimme. Sie nahmen an einer Kampagne teil, die am 8. Februar 2019 startete. Dieses Mal wurden Global Citizens dazu aufgefordert, den Präsidenten Ramaphosa höchstpersönlich auf Twitter anzuschreiben, damit die Regierung explizit Gelder für Menstruationsgesundheit zur Verfügung stellt.

Am 20. Februar kam endlich der Tag, auf den MHM-Aktivist*innen und Global Citizens gewartet hatten – der Tag, an dem die südafrikanische Regierung ihr Budget für 2019 veröffentlichen und enthüllen würde, ob sie den Global Citizens und Aktivist*innen zugehört hatte. Und das Budget zeigte, dass die Regierung in der Tat Mittel für die Menstruationsgesundheit bereitgestellt hat.

Das Budget umfasste 157 Millionen Rand (fast 10 Millionen Euro), die dafür genutzt werden sollen, Hygienepads für Schüler*innen und Student*innen aus einkommensschwachen Verhältnissen bereitzustellen. Somit wurde der Betrag mehr als verdoppelt.

Darüber hinaus hat die Regierung 2,8 Mrd. Rand (199 Mio. USD) bereitgestellt, um den Übergang von gefährlichen Latrinen zu sicheren Toiletten in 2.400 Schulen zu unterstützen.

Diese Verpflichtungen werden das Leben zahlreicher Menschen in Südafrika verändern, die unter der schlechten Versorgung im Bereich Menstruationsgesundheit litten.

Und ohne die E-Mails, Tweets und Anrufe von Global Citizens, die der südafrikanischen Regierung zeigten, wie sehr ihnen das Thema am Herzen liegt, wäre dies nicht möglich gewesen.

"Durch die Kampagne von Global Citizen haben wir erkannt, dass die Südafrikaner möchten, dass wir dem Menstruationsgesundheitsmanagement Priorität einräumen", sagte Minister Radebe. "Bei der Prüfung der Prioritäten unseres Haushalts für 2019 haben wir dies berücksichtigt und beschlossen, diese Verpflichtung anzunehmen."

Tatsächlich haben die mehr als 100.000 Aktionen von Global Citizens dazu geführt, dass dieses Geld bereitgestellt wird und dass sich die Zustände an mindestens 5.000 Schulen in ganz Südafrika verbessern werden.

 7. Eure Stimmen wurden erhört

Für Mokoenanyane war es sehr ermutigend zu wissen, dass ihre Aktionen dazu beigetragen haben, das Leid der Menschen in ihrem eigenen Land zu lindern. "Unsere Stimmen werden gehört – je mehr Menschen an einer Aktion teilnehmen und ihre Stimme ergreifen, desto lauter ist die Stimme", sagt sie.

Und nachdem Mokoenanyane gesehen hat, was ihre Aktionen bewirken können, hat sie eine Botschaft für andere potenzielle Global Citizens da draußen: "Nur eine kleine Tat könnte das Leben eines Menschen komplett verändern. Ich würde also sagen, wir müssen weiterhin aktiv bleiben.”

Für die WSSCC hat die Kampagne das Menstruations-Tabu beendet, das es in der Vergangenheit so schwierig gemacht hat, das Problem des schlechten Menstruationshygienemanagements anzugehen.

"In jedem Land ist es entscheidend, Tabuthemen wie Sanitärversorgung und Menstruationshygiene zu thematisieren, um die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen", sagt Kamowa. "Je mehr Influencer, Regierungsbeamte und Bürger informiert sind, desto mehr Möglichkeiten bieten sich, Maßnahmen zu ergreifen, weitere Investitionen zu tätigen und das Schweigen zu brechen."

Global Citizen isr sich darüber bewusst, dass es in Südafrika bereits einen lebendigen und bedeutenden Aktivismus rund um dieses Thema gab. Diese Aktivist*innen wandten sich an Global Citizen und erklärten, dass dies ein Thema sei, an dem sich Global Citizen beteiligen müsse  – und sie hatten Recht.

“Dies war mit Abstand unsere am besten laufende Kampagne“, sagt Wedi. "Ich denke, das lag daran, dass die Atmosphäre stimmte und die Leute einfach wollten, dass sich etwas ändert.”

Für Fried sind die Aktivist*innen, die seit so vielen Jahren an MHM arbeiten, und die Global Citizens, die aktiv geworden sind, die “wahren Helden dieser Geschichte“.

“Aktivist*innen haben einen unglaublich harten und äußerst wichtigen Kampf geführt, um für bessere Menstruationsgesundheit in Südafrika zu sorgen", sagt sie. "Sie haben Organisationen gegründet, sie haben...Kinder und Gemeinden über MHM und dessen sicheren Umgang aufgeklärt und mit Schulen und Führungskräften in Gemeinden zusammengearbeitet, um dieses Problem zu verstehen und anzugehen. Sie haben so viel getan, es ist überwältigend."

 8. Und was passiert jetzt?

Für Wedi und Fried hat die südafrikanische Regierung einige unglaubliche Schritte unternommen – insbesondere im vergangenen Jahr, mit der Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Sanitärprodukte und der Bereitstellung von 157 Mio. Rand.

Doch um ernsthaft behaupten zu können, dass eine schlechte Menstruationsgesundheit in Südafrika der Vergangenheit angehört, gibt es noch viel zu tun.

South-Africa-MHM-Schools.jpgEin Kind auf dem Weg in die Schule in der Provinz Limpopo in Südafrika.
Image: Jerome Delay/AP

Global Citizens hatten die Regierung aufgefordert, höhere finanzielle Zusagen zu machen als im Haushaltsplan 2019 vorgesehen waren. Sie forderten 850 Millionen Rand (rund 53 Millionen Euro) pro Jahr für die kommenden zwei Jahre – was im Wesentlichen der Betrag ist, den es braucht, damit jede Schülerin und jeder Schüler eine kostenfreien Schule besuchen kann, in der es angemessene Mittel für Menstruationshygiene gibt.

"Es gibt deutlich mehr Frauen und Mädchen, die versorgt werden müssen und ich glaube nicht, dass 157 Millionen Rand genug sind, um all diejenigen zu erreichen, die diese notwendigen Produkt benötigen", sagt Wedi. "Ich denke, es kann mehr getan und mehr zugeteilt werden."

Neben weiteren Finanzmitteln besteht weiterhin Bedarf an konkreten Maßnahmen der Regierung und Aufklärungsarbeit zum Thema Menstruationshygiene und -beschwerden.

“Wir müssen nicht nur sicherstellen, dass die 157 Millionen Rand für den vorgesehenen Zweck rechtzeitig ausgezahlt werden, sondern auch, dass Mädchen und Jungen in den Schulen über die Menstruationsgesundheit aufgeklärt werden und wir müssen weiterhin dafür kämpfen, dass es in Schulen sichere und menschenwürdige Toiletten mit sauberem Wasser und Waschbecken gibt”, sagt Fried.

Trotzdem haben die Aktivist*innen und Organisationen sowie die engagierten Global Citizens, die bisher maßgeblich an den Kampagnen beteiligt waren, bereits etwas ganz beachtliches erreicht, sagt Wedi.

"Wir haben noch nie zuvor gesehen, dass die Regierung so viel Geld für dieses Thema bereitgestellt hat", sagt sie. "Es ist unglaublich, es ist wunderbar. Südafrika hat eine unglaubliche Geschichte, in der Menschen zusammenkommen und ihre Stimmen gemeinsam nutzen, um Veränderung zu erreichen.”

Es ist die Geschichte der Aktivist*innen, die Wedi dazu inspiriert hat, die Kampagne fortzusetzen. "Ich denke, es wird schwierig, aber es wird sich lohnen", fügt sie hinzu. "Und wir sollten nicht aufhören, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen."

Für Fried sind die Erfolge, die diese Kampagne hervorgebracht hat, eine gute Erinnerung daran, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen und aktiv werden.

"Ich habe das Gefühl, dass die Türen geöffnet sind, um nicht nur die MHM-Politik in Südafrika zu verändern, sondern auch die Aufklärung über Menstruationsgesundheit und angemessene Toiletten in Schulen zu gewährleisten", sagt sie, "und auch, dass andere Länder dem Beispiel Südafrikas folgen und dies Themen auf ihre Agenda setzen.