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Frauenrechte

Nepal: Frauen stürmen Hochzeit, um Zwangsheirat einer 13-Jährigen zu stoppen

Room to Read

Es war ein warmer Tag in Bardiya, Nepal, als Sushmita morgens aufwachte, völlig ahnungslos, dass heute ihr Hochzeitstag sein sollte. Sushmitas Eltern und Verwandte allerdings wussten ziemlich genau, was an diesem Tag geplant war.

Gemeinsam hatten sie diese Hochzeit nämlich heimlich und in Eile vorbereitet. Eile deswegen, weil sie wussten, dass die Gemeinde diese arrangierte Hochzeit nicht gutheißen und dagegen angehen würde. Ganz abgesehen davon, dass sie ebenfalls ganz genau wussten, dass die Braut, ihr eigene Tochter, sich dagegen wehren würde.

Sushmitas Eltern hingegen machte es nichts aus, dass ihre Tochter gerade mal 13 Jahre alt war. Dass sie weiter zur Schule gehen wollte. Dass der 'Bräutigam' quasi ein Fremder war, der doppelt so alt wie Sushmita war und dass er von seiner 'zukünftigen' Frau erwarten würde, dass sie die Schule abbricht, um Hausfrau und Mutter zu werden. Sushmitas Eltern hatten bereits Geld von der Familie des Bräutigams akzeptiert. Sie brauchten das Geld und waren davon überzeugt, dass diese Ehe die beste und einzige Zukunft für Sushmita sei. 

Der Tag brach an und die Hochzeitsgäste trafen nach und nach ein, um sich auf die anstehende Zeremonie vorzubereiten. Doch die 13-jährige Braut war spurlos verschwunden. Denn Sushmitas Freunde konnten sie zum Glück rechtzeitig über die anstehende Hochzeit warnen. Sushmita floh kurzerhand in das Haus ihres Onkels. Das allerdings hielt die Eltern nicht weiter von ihrem Vorhaben ab. Kurzerhand verlegten sie die Hochzeit in das Haus des Onkels. Damit war Sushmita gefangen. Es schien kein Ausweg mehr für sie zu geben. Sie sah einer düsteren Zukunft an der Seite eines Fremden, viel älteren Mannes entgegen und ihre Träume, eines Tages als Ärztin zu arbeiten, würden zerplatzen. 

Sushmita wurde in ein Hochzeitsgewand gesteckt und bekam das traditionelle Tikka (einen roten Punkt auf der Stirn) gemalt. Die Gäste waren inzwischen alle eingetroffen und erfreuten sich an der Hochzeitsstimmung. Dass Sushmita verzweifelt und in Tränen aufgelöst war, schien der Stimmung keinen Abbruch zu tun. 

Sushmita2.jpegImage: Room to Read

Allerdings waren Sushmitas Eltern und Verwandte nicht komplett erfolgreich in dem Versuch, die Hochzeit zu verheimlichen. So sickerten nach und nach Gerüchte über die anstehende Hochzeit bis zu Sushmitas Mentor von der Organisation 'Room to Read's Girl's Education Programme' durch, und auch das Komitee der Organisation, bestehend auch Müttern aus der Gemeinde, hörten davon. 

Das Komitee entsprang der 'Room to Read' Initiative und hat sich zum Ziel gesetzt, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Rechte von Mädchen auf eine Schul- und Ausbildung zu stärken. Denn um Gleichberechtigung für Mädchen durchzusetzen, reicht es nicht aus, allein die Einstellung der Mädchen zu ändern, sondern die fundamentale Einstellung gegenüber Frauen und Bildung muss sich in den Köpfen aller Menschen im Land ändern. 

Eine der Mütter aus diesem Komitee ist Ram Kumari Tharu. Sie erzählt: „Ich wurde verheiratet, als ich noch ein Kind war. Ich habe sehr früh in meinem Leben viel Verantwortung übernehmen müssen." Ram sagt weiter, dass sie damals davon ausgegangen ist, dass eine frühe Zwangsheirat schlichtweg 'normal' ist und dass sie nichts dagegen tun kannte - bis ihre eigene Tochter, die an einem der 'Room to Read' Programme teilnimmt, sie aufklärte. 

Der Versuch, lang gehegte Traditionen, wie Kinderheirat, anzugehen, kann mitunter auf starke Ablehnung innerhalb einer Gemeinde treffen. Allen voran von denjenigen, die solche Praktiken als Teil ihrer Tradition ansehen.

In Sushmitas Dorf allerdings hat sich eine Gruppe engagierter Mütter, die selbst niemals die Chance auf eine Schulbildung hatten, zusammen gefunden, um sich dafür stark zu machen, die Mädchen aufzuklären. Diese Mütter wollen, dass sie die letzte Generation von Kinderbräuten sein werden. 

Es waren auch diese Frauen, die bereits vor Wochen das Gespräch mit Sushmitas Eltern suchten, um sie von dem Vorhaben abzubringen. Sushmitas Eltern allerdings zeigten sich alles andere als einsichtig, so dass das Komitee mit rechtlichen Schritten drohte.

Um die Hochzeit also so schnell wie möglich stattfinden zu lassen und damit das Komitee nicht noch weiter eingreifen konnte, planten Sushmitas Eltern die Hochzeit in Eile und im Geheimen. Doch dabei haben sie eindeutig das Komitee und die Frauen unterschätzt.

Kaum hatten diese nämlich an besagtem Tag von der anstehenden Hochzeit erfahren, informierten sie den Gemeindevorsitz und die Polizei. 

„Wir haben die Hochzeitsprozession gestürmt", erzählt Asha Tharu, eine der Mütter aus dem Komitee, die an dem Tag aktiv wurden. „Wir hatten die Eltern gewarnt. Das Mädchen war gerade mal 13 Jahre alt, ging in die 7. Klasse! Und sie sollte einen Mann heiraten, der doppelt so alt war wie sie."

Zusammen mit Sushmitas Mentor, dem Gemeindevorsitz und der Polizei platze das Komitee mitten in die Hochzeitszeremonie. Die rund 50 Hochzeitsgäste stürmten davon, eilig alle Spuren verwischend, die bezeugen konnten, dass sie Teil dieser Hochzeit waren.
Die Polizei nahm die junge Braut, den Bräutigam und beide Familien mit auf die Wache, wo sie sich Befragungen unterziehen mussten. Die meisten Bräute wären wahrscheinlich am Boden zerstört, wenn ihr Hochzeitstag auf der Polizeiwache endet. Sushmita aber hätte nicht glücklicher sein können. 


Sushmita3.jpegImage: Room to Read

Inzwischen lebt Sushmita nicht mehr bei ihren Eltern und geht weiterhin zur Schule. „Mein Traum ist es, Medizin zu studieren und ein unabhängiger Mensch zu sein, der für sich und andere sorgen kann." sagt sie heute.

Für die Frauen des Komitees ist klar: das 'Girls Education Program' ist nicht nur eine wichtige Unterstützung für ihre Töchter, sondern trägt auch dazu bei, dass die Mütter selbst sich selbstbewusster fühlen. „Wir sind stolz darauf, Fürsprecher für eine so wichtige und positive Sache zu sein."

Es macht Mut zu sehen, welche Fortschritte erzielt werden können, wenn Programme und Institutionen Mädchen genau die wertvolle Unterstützung bieten, die sie brauchen. Vor allem wenn man bedenkt, dass nicht mal eine Generation zuvor solch ein Einsatz, wie er zu Sushmita 'Beinahe-Hochzeit' stattgefunden hat, undenkbar gewesen wäre.

Heute sind Sushmita und ihre Klassenkameradinnen auf dem besten Wege gut ausgebildete, starke Frauen zu werden, die nicht nur für das eigene Recht auf Bildung kämpfen, sondern ähnlich wie ihre Mütter, auch für die vielen kommenden Generationen nach ihnen. 


Dieser Artikel stammt von der Organisation  Room to Read.
Die in diesem Artikel dargestellte Meinung reflektiert ausdrücklich die Meinung des Autors und nicht maßgeblich die Meinung von Global Citizen, unseren Partnern und/oder unserer Partner-Organisationen.