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Deine liebsten Süßigkeiten aus Haselnüssen könnten von syrischen Flüchtlingskindern hergestellt sein

Warum das wichtig ist
Obwohl die Vereinten Nationen alle Länder dazu aufrufen, Geflüchtete auf ihrem Weg in ein sicheres Leben zu unterstützen, finden sich syrische Flüchtlinge in der Türkei oft in prekären und ausbeuterischen Situationen wieder. Hier kannst du dich mit Global Citizen für mehr Gerechtigkeit weltweit einsetzen.

Wenn du schon mal Nutella oder die in Gold gehüllten Rocher-Kugeln gegessen hast, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du Haselnüsse aus der Türkei im Mund hattest. Denn dort werden über 70 Prozent aller Haselnüsse weltweit angebaut. 

Das Problem daran: Geerntet und verarbeitet werden die Haselnüsse oftmals unter extrem ausbeuterischen Bedingungen. 

Denn auf den türkischen Haselnussplantagen, größtenteils im Süden des Landes, sind laut dem US-amerikanischen Arbeitsschutzverband Fair Labor Association (FLA) Verstöße wie Kinderarbeit, gefährliche Arbeitsbedingungen und unbezahlte Überstunden keine Seltenheit.

Obwohl diese Missstände von den großen Abnehmern der Haselnüsse – Nestlé, Ferrero Rocher und Yildiz (Hersteller von Godiva) – offiziell nicht gebilligt werden, erklärt die FLA, dass sich diese Unternehmen zu wenig für faire Arbeitsbedingungen in den Betrieben einsetzen. Dabei sind sie diejenigen, die enorm zu ihrer Verbesserung beitragen könnten.

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“Ferrero ist sehr daran interessiert, dass seine Mitarbeiter*innen sichere und menschenwürdige Arbeitsverhältnisse vorfinden und wir erwarten diese Einstellung auch von unseren Landwirten“, sagte eine Firmensprecherin in einer E-Mail an die New York Times.
Die ausbeuterischen Tendenzen wurden jedoch durch den großen Zustrom syrischer Flüchtlinge in den vergangenen Jahren noch verstärkt, so die Times.

Seitdem 2011 in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, sind mehr als 3,4 Millionen Menschen Richtung Norden in die Türkei geflohen. Für die Familien, die dem Krieg entkommen sind, bürgt ihr neues Leben in der Türkei oft ganz eigene Herausforderungen.

Viele der syrischen Geflüchteten erreichten die Türkei nur mit wenig Habseligkeiten, Geld und sozialen Kontakten. Sie sind oft auf sich allein gestellt und dadurch gezwungen, sich aus dem Nichts ein neues Leben in einem fremden Land aufzubauen.

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Als wäre das nicht genug, stehen diese Flüchtlinge “unter vorübergehenden Schutz“ – ein Status, der sie letztendlich zu Bürger*innen zweiter Klasse degradiert und ihnen weniger Rechte zugesteht, als “normalen“ Bürger*innen.

Geflüchtete erhalten oft keine Arbeitserlaubnis und müssen vorwiegend Schwarzarbeit annehmen, um zu überleben. Die Tätigkeiten sind meist weniger angesehen, die Löhne gering. Die Gefahr, missbraucht zu werden, ist groß. Sie haben keine Chance, ihren Missbrauch oder Arbeitsrechtsverletzungen zu melden. 

Durch die niedrigen Löhne müssen viele Familien auch ihre Kinder zur Arbeit schicken. Nur so ist es ihnen möglich, genügend Geld für Lebensmittel und Miete aufzubringen.

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In den vergangenen Jahren kamen Tausende von Syrer*innen – Erwachsene wie Kinder – für die Saisonarbeit auf die Haselnussfarmen, nachdem ihnen Zwischenhändler angemessene Löhne versprachen. Auch unter den türkischstämmigen Erntehelfer*innen sind prekäre Arbeitsverhältnisse weit verbreitet.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, wie schweißtreibend, gefährlich und rechtswidrig unterbezahlt ihre Arbeit ist. Obwohl oft 12 Stunden-Schichten an jedem Tag der Woche anstehen, erhalten die Flüchtlinge einen durchschnittlichen Tagessatz von weniger als 9 Euro, berichtet die Times.

Außerdem sind die Haselnussplantagen oft über steile Hängen verteilt, wo ein falscher Schritt bereits zu einer schweren Verletzung oder sogar zum Tod führen kann.

Die widrigen Arbeitsbedingungen sind nicht nur in der Haselnussproduktion zu finden. Auch die türkische Textilindustrie ist für die Ausbeutung von Kindern und Geflüchteten bekannt. Syrische Frauen, die in Haushaltsjobs arbeiten, sind immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt und werden teilweise sogar in die Prostitution gezwungen

Die Zustände auf den Haselnussplantagen sind jedoch ein erschütterndes Beispiel dafür, wie Ausbeutung durch ein globales Netz an Komplizenschaft aufrecht erhalten werden kann.

Die Schuld daran liegt weniger bei die Konsument*innen, sondern viel mehr bei den Firmen, die von diesen Zuständen profitieren. Diese müssen sich dafür einsetzen, dass die Arbeitsschutzbedingungen vor Ort umgehend verbessert werden, fordert die Fair Labor Association.

Der Arbeitsschutzverband schlägt weiterhin vor, dass diese Unternehmen gründliche Arbeitskontrollen unter den über 600.000 Haselnussbetrieben in der Türkei durchführen. Sie müssten die Landwirte dazu auffordern, neue Standards einzuführen oder aufhören, Geschäfte mit ihnen zu machen.

Sollten diese neuen Standard zu einer Erhöhung der Haselnusspreise führen, sei das ein geringer Preis, den wir für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu zählen hätten, argumentieren Menschenrechtler.