Lokales Engagement in Deutschland: Diese Gabenzäune helfen Menschen in Not durch die Coronakrise

Autor: Pia Gralki

Warum das wichtig ist:
Die Coronakrise trifft Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. Wer sich jedoch kaum vor dem Virus schützen kann, sind Menschen ohne Dach über dem Kopf und jene, die sich ohnehin in einer Notlage befinden. Lokale Projekte wie die Gabenzäune helfen diesen Menschen durch die Krise – und stärken zudem die Gemeinschaft. Werde hier mit uns aktiv, um das Coronavirus einzudämmen.

Oft sind es die kleinen Gesten, die große Wellen schlagen. Die Initiative der Gabenzäune ist so eine Geste: Was mit einem Zaun begann, ist mittlerweile zu einem Hilfsnetzwerk für Bedürftige in mehreren Großstädten Deutschlands herangewachsen – und es werden täglich mehr.

gabenzaeune-soziales-engagement-deutschland-coronakrise.jpgDas Prinzip der Gabenzäune hilft schnell und direkt: Man nehme einen Zaun in der eigenen Nachbarschaft und bestücke ihn mit Dingen, die Menschen in Not brauchen. Was das genau ist, erklärt Lisa uns hier. Bild: @Lisa Trautmann

Eine der Initiator*innen in Berlin ist Lisa Trautmann. Sie kam vor elf Jahren in die Hauptstadt, wo sie gemeinsam mit Marie Jaster “Beige” gründete, das erste unisex Onlinemagazin in Deutschland. Bereits vor der Coronakrise hat Lisa versucht, ihre Reichweite und ihre Stimme für soziale Zwecke zu nutzen und Menschen zu einem sozialeren Miteinander zu animieren. Mit den Gabenzäunen hat sie einen Weg gefunden, Menschen in Not schnell und direkt zu helfen. Was genau dahinter steckt und wie jede*r zur Alltagsheldin oder zum Alltagsheld werden kann, erzählt sie uns hier.

Lisa-Trautmann-Beige-Gabenzaene-Berlin.jpgMitbegründerin von Beige und Gabenzaunheldin Lisa. Bild: @Lisa Trautmann

Wie kamst du auf die Idee, Gabenzäune in Berlin aufzustellen?

Die Idee kommt vermutlich aus Hamburg. Ich bin allerdings über den Aktivisten Kay Plonka darauf aufmerksam geworden. Kay arbeitet seit langem ehrenamtlich bei der Berliner Obdachlosenhilfe, für die auch ich bereits Spenden gesammelt und Pakete gepackt habe. Wegen der Ansteckungsgefahr und weil viele ehrenamtlich Helfende zur Risikogruppe gehören, mussten die meisten Ausgabestellen für Obdachlose während der Coronakrise schließen. Deshalb kamen wir gemeinsam mit anderen Helfer*innen auf die Idee, die Gabenzäune nach Berlin zu holen. Einige Telefonate, Geldsammelaktionen via Instagram sowie Supermarkt- und Drogeriebesuche später und der Gabenzaun wurde Realität!

Wie kamen die ersten Gabenzäune an?

Das tollste war, dass viele Passant*innen super neugierig, aufgeschlossen und motiviert waren. Einige haben uns Geld in die Hand gedrückt, ein Mann sogar einen Laib Brot. Und ich sehe täglich, wie Leute den Zaun bestücken und habe wirklich unendlich viele Nachrichten von Menschen auf Instagram bekommen, die dann wiederum selbst einen Zaun gestartet haben. Das ist wie ein Lauffeuer!

Wofür steht das Prinzip der Gabenzäune für dich?

Für mich ist es sichtbare und unmittelbare Anteilnahme und ein sehr effektiver und schlichter Weg zu helfen. Klar könnten die Gaben auch von Leuten mitgenommen werden, denen sie “nicht zustehen“. Aber es geht doch darum, dass diese Zäune zeigen, wie einfach es ist, effektiv zu helfen. Schnell, gezielt und schlicht. Ohne große Kampagnen, ohne Auto oder viel Geld, ohne großen personellen Aufwand. Die Lösung auf Probleme kann so schlicht sein. Man muss es nur einfach machen.

Für welche Menschen wurden die Gabenzäune ins Leben gerufen?

Der Zaun ist eigentlich für alle, die gerade in einer Notlage sind. Aber besonders für die obdachlosen Menschen, die unter der Coronakrise unsichtbar leiden. Es sind weniger Passant*innen unterwegs, was bedeutet, dass Obdachlose weniger (Geld-)Zuwendungen erhalten. Viele Menschen haben damit begonnen, Nahrungsmittel zu hamstern und waren plötzlich vor allem auf ihr eigenes Wohl bedacht, was man niemandem vorhalten kann. In Krisen herrscht erstmal eine “Me-First”-Attitude. Da fallen Menschen, die schon unter normalen Umständen nicht ins System passen, erst recht durch alle Raster.

Auch Nahrungsmittel- und Geldspenden haben nachgelassen. Es fehlt schlicht an allen Ecken. Für all jene, die diese Hilfen nicht mehr erhalten, sind die Gabenzäune eine kleine, aber mit viel Herz ins Leben gerufene Aktion, um die Lage zumindest ein wenig zu entschärfen.

Was für Gaben können diese Menschen an den Zäunen einsammeln und was wird gerade am dringendsten gebraucht?

Im Idealfall googelt man, ob eine lokale Obdachloseneinrichtung eine Bedarfsliste online gestellt hat. Für Berlin macht das die Berliner Obdachlosenhilfe, das ist ein Leitfaden, der gut hilft. Im Grunde sind es aber oft dieselben Dinge, die knapp sind: Nahrungsmittel, Hygieneprodukte, Hundefutter und Sachspenden.

Hier ist es wichtig, die Umstände im Hinterkopf zu haben, unter denen viele Menschen leben.

Wir haben auch schon Blazer, Abendkleider und Pumps an den Zäunen gesichtet – da frage ich mich, wie sich manche das Leben auf der Straße vorstellen. Essen sollte verzehrfertig sein (sprich: keine rohen Nudeln oder Kartoffelbreipulver) und nicht zu süß sein, da die Zähne der Bedürftigen oft schon angegriffen sind. Von Alkohol sollte ebenfalls abgesehen werden. Ideal ist alles, was nahrhaft ist: Brot, Müsliriegel, Nüsse, Zwieback usw. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Bedarfslisten, aber mit etwas logischem Denken erklärt sich vieles von selbst.

Kann jede*r einen Gabenzaun aufstellen und was sollte dabei beachtet werden?

Na klar, jede*r kann aktiv werden! Man sollte vielleicht vorher schauen, wo bereits Zäune stehen und einen Ort aufsuchen, wo es strategisch Sinn macht. Die Zäune sollten zentral stehen. Wenn sie zu abgelegen sind, können sie schnell zum “Müllabladeplatz“ werden. Wenn es private Zäune sind, sollte man beim Eigentümer um Erlaubnis bitten. Wichtig ist auch, dass der Zaun gut zugänglich ist und die Waren nicht zu hoch hängen, damit auch gehbehinderte Menschen oder Menschen im Rollstuhl die Sachen gut erreichen können.

Beschriftet alles genau und gebt eine kurze Erklärung dazu, wie der Zaun “funktioniert“ und ermutigt Menschen, sich einzubringen! Und dann unbedingt teilen, teilen, teilen! Mit lokalen Hilfseinrichtungen, dem eigenen Netzwerk, verlinkt lokale Radiosender und Tageszeitungen! Je mehr die Idee im Umlauf ist, umso besser funktioniert der Straßenfunk bei den Obdachlosen. Und die bekommen das mit, keine Sorge!

Wie bewertest du das derzeitige soziale Engagement in Deutschland während der Coronakrise?

Ich finde, es ist schon überwältigend, was hier gerade passiert. Menschen nähen Masken, Gabenzäune werden errichtet, man schließt sich zusammen, es wird für Klinikpersonal gekocht, Wohnungen werden umsonst zur Verfügung gestellt – das ist einfach großartig!

Was macht dir in dieser schwierigen Zeit Hoffnung und hilft dir durch den Alltag?

Ich habe das Glück, dass ich gerade noch wenigstens in Sachen Einkommen auf der sicheren Seite bin. Aber es ist belastend, das ist ein Fakt. Ich versuche, so normal wie möglich weiterzumachen, halte meine Routinen so gut es geht ein und, wichtig: versuche auch meine Arbeitszeiten einzuhalten. Man findet oft keinen Schlusspunkt im Homeoffice und das kann auf Dauer belastend sein. Ich lese weniger Nachrichten und konzentriere mich auf die guten Sachen. Sport ist viel dabei und natürlich auch Projekte, wie der Zaun. Wichtig ist auch, dass man Frust und Hilflosigkeit zulässt. Mir hilft dann mein Freund oder Telefonate mit Freunden und Familie.