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Menschen, die etwas über die größten Herausforderungen der Welt lernen und aktiv werden wollen. Leiste deinen Beitrag, um extreme Armut zu beenden.

Carlos Arbelaez a co-fondé l'organisation Espero, qui offre des parcours d'insertion professionnelle aux réfugiés et aux demandeurs d’asile autour de l’apiculture, l'agroécologie et la couture upcycling.
© Walid Ghez
In My Own WordsGerechtigkeit fordern

Ich entfloh dem Krieg in Kolumbien. Jetzt helfe ich Geflüchteten in Frankreich.


Warum das wichtig ist
Einer von fast 100 Menschen ist derzeit durch Konflikte, Verfolgung oder Umweltkatastrophen entwurzelt, wie der jüngste statistische Bericht des UN-Flüchtlingswerks besagt. Fast 30 Millionen dieser Menschen sind Geflüchtete und andere gewaltsam vertriebene Menschen. Um die Global Goals der Vereinten Nationen (UN) zu erreichen, muss sichergestellt werden, dass Vertriebene einen fairen Zugang zu Unterkünften, Bildung, Arbeit, Gerechtigkeit und anderen wichtigen Menschenrechten haben. Hier kannst du mit uns aktiv werden.

Carlos Arbelaez lebt in Frankreich, seit er 2011 aus seinem Heimatland Kolumbien geflüchtet ist. 

Nach der Flucht aus der Stadt Medellín, wo er als Wehrpflichtiger in der kolumbianischen Armee diente, fand er sich auf den Straßen Paris wieder und erlebte die Flüchtlingskrise aus erster Hand. 

Heute ist er der Gründer von Populaire, einem sozialen Kaffeeunternehmen, das geflüchtete Menschen zu Baristas ausbildet und Bohnen von Kleinbäuer*innen aus seiner Heimat Kolumbien verwendet. 

Laut den Zahlen des französischen Amtes für den Schutz von Geflüchteten und Staatenlosen (OFPRA) befanden sich zum 31.12.2019 über 300.000 Geflüchtete in Frankreich – während Deutschland über eine Million Menschen aufgenommen hat. Damit “hinke das Land hinter der Europäischen Union hinterher”, wie ein Bericht der französischen Organisation JBS berichtet. Gemeinsam mit Ungarn ist Frankreich an letzter Stelle beim Zugang von Arbeitsplätzen für geflüchtete und asylsuchende Menschen. Außerdem kann das Asylverfahren mehrere Jahre dauern, bis die Menschen Geflüchtetenstatus erhalten. 

Auch Arbelaez stand vor diesen Herausforderungen. Hier reflektiert er seine unglaubliche Reise und spricht über die Krise, unter der Millionen Menschen auf der ganzen Welt leiden. 

Hier kannst du mehr aus der Serie “In My Own Words” lesen. 


Wenn du in einem Land aufwächst, das sich im Krieg befindet, ist dein Leben ein Balanceakt zwischen Alltag und extremer Gewalt. Ich ging ganz normal zur Schule, spielte Basketball und lebte mein Leben wie die meisten Kinder in Medellín. Der Stadt des “ewigen Frühlings”, das eingebettet in einem Tal im Westen Kolumbiens liegt. 

Als ich 18 war, musste ich in die kolumbianische Armee eintreten. Ich hatte keine Wahl – der Wehrdienst war Pflicht und es war viel zu teuer, sich “herauszukaufen”. 

Es sind immer die Kinder der Armen, die in den Krieg ziehen. 

All die Gräueltaten, die ich in der Armee erlebt habe, haben mich für immer gezeichnet. Die Welt ist so ein absurder Ort, in der du gegen einen Feind kämpfen musst, den du nicht mal kennst. 

Nach einiger Zeit ist uns klar geworden, dass wir es nicht mit Monstern zu tun hatten, sondern jungen Menschen wie uns, die gezwungen wurden, zu Waffen zu greifen und die genauso wenig Ahnung von den Menschen hatten, die hinter ihren Feinden steckten. 

Nachdem ich zwei Jahre in der Armee gedient hatte, habe ich mich an der juristischen Fakultät der Universität von Antioquia in Medellín eingeschrieben. Dort wurde mein Aktivismus für die Betroffenen des bewaffneten Konflikts geboren. 

Ich traf auf viele Student*innen und Dozent*innen, die sich weigerten zu verstehen, wie verwickelt unser Land in einem über 60 Jahre andauernden Krieg war. Doch dieses gefährliche Verhältnis bezahlen wir mit dem eigenen Leben oder Exil.

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Ich fühlte mich alleine und unsichtbar in einer Stadt, die ich nicht verstand

So bin ich im November 2011 in Paris gelandet. Ich kann mich noch gut an meine ersten Eindrücke der Stadt erinnern, die später mein Zuhause werden sollte. 

Als ich aus dem Bahnhof von Lyon hinausging, wirkte der Himmel viel tiefer als in Medellín. Große, graue Wolken bedeckten das Blau. Blattlose, ordentlich aufgereihte Bäume offenbarten ihre geometrisch gestutzten Äste. 

Es war kalt. Mit 25 Jahren erlebte ich meinen ersten Winter. Und das sollte erst der Anfang einer Reihe von neuen Erfahrungen sein. 

Ich fühlte mich alleine und unsichtbar in einer Stadt, die ich nicht verstand. 

An meinem ersten Tag in Paris hatte ich die Wahl, mein letztes Geld für ein Zimmer in einem Hostel auszugeben oder am Bahnhof zu schlafen. Ich entschied mich für die Wärme. 

Zwei Wochen später hatte ich kein Geld mehr. Als ich das Hostel verließ, überkam mich die Erkenntnis: Ich war obdachlos. 

Die meiste Zeit verbrachte ich mit Steve, einem 17-Jährigen aus Nigeria, der seit einem Jahr obdachlos war. Er zeigte mir, wo ich mir gratis Essen holen, mich und meine Kleidung waschen konnte. Er erklärte mir auch, wo ich nachts in Paris schlafen konnte und in welchen Bibliotheken es Internet gab und man bleiben konnte, wenn es draußen kalt war. 

Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprachen, waren wir uns nah, was das Leben auf der Straße leichter machte. Steve hatte vor einem Jahr einen Antrag auf Kinderschutzbetreuung gestellt. Ich selbst hatte einen Asylantrag gestellt, um den Geflüchtetenstatus zu erhalten.

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Veronique und ihre Familie gaben mir niemals das Gefühl, dass ich ihnen zu Dank verpflichtet sei

Eines Tages traf ich einen Journalisten in einer Suppenküche, der mir den Kontakt zu den Menschen vermittelte, die meine zweite Familie werden sollten. 

Veronique, Philippe und ihre Kinder öffneten die Türen ihres Zuhauses im Pariser Vorort Bourg-la-Reine für mich und hießen mich wie ein neues Familienmitglied willkommen. Dank ihnen lernte ich schnell Französisch, fand Freunde und entdeckte die französische Popkultur, ihre Musik und ihren Käse. 

Außerdem konnte ich an der Sorbonne Universität mein Jurastudium wieder aufnehmen und an der Sciences Po Universität meinen Master in ‘International Security’ machen. 

Oft sagte ich Veronique, dass ich ihnen für ihre Liebe und Unterstützung zutiefst dankbar sei. Sie erwiderte, dass das Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte, denn durch mich erfuhren sie auch mehr über meine Kultur, meine Sprache, mein politisches Engagement sowie die Widerstandsfähigkeit all derer, die ich in Kolumbien zurücklassen musste. 

Veronique und ihre Familie gaben mir niemals das Gefühl, dass ich ihnen zu Dank verpflichtet sei. Sie haben mir beigebracht, dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern eine Win-Win-Situation, wenn man sich umeinander kümmert. 

Meine Frustration verwandelte sich in den Wunsch, ein Aktivist für Veränderung zu werden

Andere Menschen, die wie ich im Exil waren, hatten nicht die gleichen Möglichkeiten wie ich. 

Es gibt Menschen, die nicht die Chance hatten, über den Ozean zu fliegen oder solche, die in den Straßen von Paris Schiffbruch erlitten. Sie kamen hier an, zerschmettert, erschöpft und mit den Narben ihrer langen und turbulenten Reisen. 

Aus diesem Grund entschloss ich mich, aktiv zu werden und begann, meine Erfahrungen mit dem Integrationsprozess mit Nichtregierungsorganisationen wie Singa und internationalen Organisationen wie dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen zu teilen.

Meine Frustration verwandelte sich in den Wunsch, ein Aktivist für Veränderung zu werden. 

Ich hatte das Glück, Menschen zu treffen, die mich inspirierten und mir klar machten, dass ich mich nicht als geflüchteten Kolumbianer definieren muss. 

Ehe ich mich versah, wurde ich Sozialunternehmer. In den letzten vier Jahren habe ich an der Entwicklung von zwei Herzensprojekten gearbeitet, in denen ich nach wie vor involviert bin: Espero und Populaire

Espero fördert die berufliche Integration von Geflüchteten und Asylbewerber*innen. Fokus ist dabei auf Imkerei, Agrarökologie und Upcycling-Nähen, also die Wiederverwertung von Alttextilien. 

In unserer Upcycling-Nähwerkstatt werden derzeit 10 geflüchtete Menschen angestellt. Sie profitieren von einem Eingliederungsvertrag - das ist eine französische Art von Arbeitsvertrag, der Menschen unter 26 Jahre, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit geringem Einkommen hilft, einen Vollzeitjob zu bekommen.

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Wir ermutigen sie dazu, ihr Know-How zu benutzen, um unabhängig zu werden und an der Gesellschaft teilzuhaben. Außerdem haben wir mehr als 500 Menschen für die Flüchtlingsthematik sensibilisiert. 

Das ist mein Weg, um aus der Ferne für Frieden in meinem Land zu sorgen

Im Jahr 2019 habe ich dann Populaire gegründet, eine Marke, durch die wir Kaffee von kleinen Produzent*innen in Kolumbien kaufen und in Paris rösten. Auch wenn ich in Frankreich bin, möchte ich die Umsetzung der Friedensabkommen in meinem Land unterstützen und Kaffeeproduzent*innen mit meinem Projekt helfen, widerstandsfähiger zu werden und eine bessere Zukunft zu haben. 

Das ist mein Weg, um aus der Ferne für Frieden in meinem Land zu sorgen. 

Derzeit sammeln wir Geld, um unseren Rösterei-Workshop zu eröffnen und Geflüchtete zu Baristas auszubilden. 

Nachdem ich neun Jahre im Exil gelebt habe, glaube ich, dass die größte Herausforderung von geflüchteten Menschen neben der Sprachbarriere und der Suche nach Unterkunft in Frankreich die Isolation ist. Wir brauchen mehr Orte, an denen sie sich begegnen und an denen verschiedene Gemeinschaften zusammengebracht werden. 

Letztendlich ist es der einfachste Weg, die Angst vor Fremden abzulegen, indem man ihnen die Hand reicht, insbesondere in einer Zeit, in der Politiker*innen Worte wie “Einwanderung” und “Wirtschaftskrise” instrumentalisiert haben. 

Wie Antoine de Saint-Exupéry sagte: “Wenn du anders bist als ich, mein Bruder, bereicherst du mich, und bist weit davon entfernt, mir etwas anzutun."


Hier findest du inspirierende Geschichten – erzählt von Menschen rund um den Globus, die von extremer Armut betroffen sind und sich für eine gerechte Welt engagieren. Ob im Einsatz für sauberes Wasser, den Zugang zu Bildung oder für ausreichend Lebensmittel – bei “In My Own Words” teilen wir Geschichten von Menschen, deren Stimmen viel zu selten gehört werden.

Du bist Schriftsteller*in oder Aktivist*in oder hast etwas zu sagen? Dann kannst du dich für das Global Citizen Contributing Writers Program bewerben, indem du dich an contributors@globalcitizen.org wendest.