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Carissa Cupido is embarking on a journey to understand her identity.
image by Nymless Ngayi
OpinionCitizenship

Weder Schwarz noch Weiß: Carissa Cupido über ihr Leben in Südafrika

Warum das wichtig ist
Offiziell endete das Apartheidsregime in Südafrika 1994. Die strukturellen und sozialen Folgen der systemischen Unterdrückung von Schwarzen halten jedoch bis zum heutigen Tag an. Die Global Goals der Vereinten Nationen (UN) setzen sich für Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Freiheit für alle Menschen ein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Einkommen. Schließ dich der Bewegung an und werde hier mit uns aktiv.

Südafrika hat eine der diversesten Bevölkerungsstrukturen der Welt – und ist dennoch von großer Ungleichheit geprägt. So führen die Folgen der Apartheid auch Jahrzehnte nach ihrer offiziellen Abschaffung bis heute zu einer tiefen Spaltung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

Carissa Cupido ist eine junge Südafrikanerin, die sich selbst als “Coloured” bezeichnet. In Südafrika wird zwischen den von den Khoi abstammenden Coloured-Bevölkerungsgruppen und den Schwarzen Bevölkerungsgruppen unterschieden.

Hier berichtet sie über die von ihr wahrgenommene “Identitätskrise” der Coloured-Gemeinschaften in Südafrika und ihrer Gemeinde in Cape Flats, einem dicht besiedelten Gebiet im Südosten der südafrikanischen Hauptstadt Kapstadt.


Es ist ein Mittwoch am späten Nachmittag, meine Mutter kommt gerade von der Arbeit und holt mich wie gewohnt von der Schule ab. Auf dem Rückweg halten wir an einem Supermarkt, um unsere Vorräte zuhause aufzufüllen.

Wir schlendern durch die Gänge und stoßen irgendwann auf die Obst- und Gemüseabteilung. Als wir uns auf die gestapelten Bananen zu bewegen, bemerkt meine Mutter einen Schwarzen Mann in der Nähe und flüstert mir zu: “Die magst du doch, oder?”

“Die?” Wen genau meint sie damit und warum gehöre ich nicht zu “denen”?

In diesem Moment steigt eine vertraute Frage in mir hoch, die mich mein ganzes Leben lang beschäftigt: Was bedeutet es, in Südafrika Coloured zu sein und inwiefern unterscheidet sich das – wenn überhaupt – von Schwarzen Menschen?

Coloured zu sein, steht im südafrikanischen Kontext für eine Abgrenzung, die aus der Zeit der Apartheid stammt. Diese Kategorie wurde damals für Menschen geschaffen, die weder Schwarz noch Weiß, noch indischer Abstammung sind.

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Die Coloured-Bevölkerungsgruppe setzt sich in Südafrika aus den Nachfahren der einheimischen Bevölkerungsgruppen Khoikhoi und San, sowie malaysischer Sklav*innen zusammen, die während der niederländischen Kolonialherrschaft nach Südafrika gebracht wurden. Ebenfalls dazu zählen Menschen, deren Vorfahren aus Beziehungen zwischen den niederländischen Kolonialisten und der afrikanischen Bevölkerung hervorgegangen sind.

Das System der Apartheid, das 1948 gesetzlich in Kraft trat, war auf Rassentrennung ausgerichtet. Es verkörperte den institutionalisierten Rassismus, den es bis heute gibt.

Dadurch wurde eine “Rassenhierarchie” etabliert, mit Weißen an der Vorherrschaft, gefolgt von indischstämmigen Menschen und Coloured sowie Schwarzen Menschen als Schlusslicht (wobei bei den letzten beiden nur minimal unterschieden wurde).

südafrika-straße-carissa-cupido-apartheid-rassentrennung.jpgBild: Flickr/Jasonwhat

Meine Identität kreist um diesen Unterschied – die Vorstellung, dass ich nicht Schwarz bin, weil ich Weiße Vorfahren habe, und nicht Weiß, weil ich Schwarzer Abstammung bin.

Mein Name ist Carissa Cupido und ich bin in Kapstadt aufgewachsen, einer der am stärksten von Ungleichheit geprägten Städte der Welt.

Am Stadtrand liegt das Township Mitchells Plain; hier bin ich groß geworden im dazugehörigen Cape Flats, im [südwestlich gelegenen] Gebiet Strandfontein.

Dies ist ein Satz, der jahrelang an meinen Kräften zehren und mir im Halse stecken bleiben sollte – jedes Mal, wenn Menschen mich danach fragten, wo ich herkomme. Townships, in denen größtenteils Coloured leben, werden oft mit Kriminalität oder Drogen in Verbindung gebracht. Diese Konnotation hat mich oft beschämt. Die eigentliche Scham kam allerdings daher, das dies nicht einmal die schlimmste aller Gegenden war.  

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Einen Steinschlag entfernt liegt Khayelitsha, eine informelle Siedlung, wo Schwarze Menschen unter erbärmlichen Bedingungen leben.

Wenn meine Mutter also “die” sagt, frage ich mich, ob sie damit diese Unterscheidung meint. Sind wir besser als Schwarze, weil wir nicht in extremer Armut leben und deshalb eine gewisse Nähe zum “Weißsein” haben? Ich denke oft darüber nach, wie sich diese Mentalität auf mein persönliches Leben ausgewirkt hat.

südafrika-straße-carissa-cupido.jpgBild: Flickr/Aaron Brown


Während meiner Jugend hatte ich die Wahl, mein Haar entweder zu glätten oder einfach zu föhnen. Ich verbrachte Stunden damit, beim Friseur vor besonderen Anlässen oder zu einer bestimmten Jahreszeit darauf zu warten, endlich den letzten Rest meiner natürlichen Haarstruktur wegbrennen zu lassen.

Es war einfach nicht vorgesehen, dass mein wachsender Afro in irgendeiner Weise Raum einnehmen durfte. Er wurde so lange manipuliert, bis er einem akzeptablen Standard des "öffentlichen Anstands" entsprach.

Glatte Haare entsprechen einem allgemein akzeptierten Schönheitsideal. Der Grad der Annäherung an das “Weißsein” und damit die Entfernung vom “Schwarzsein” war immer in greifbarer Nähe.

Vor fünf Jahren saß ich auf dem Boden meines Schlafzimmers, mit einer Schere in der Hand und schnitt mir alle Haare ab.

Während meines letzten Studienjahres kämpfte ich durchgängig mit meiner Identität und damit, wer ich mal werden würde – und wie deplatziert ich mich fühlte.

Dieses Haar, das auf meinen Schultern ruhte, passte nicht mehr zu mir. Mit jedem Schnitt hatte ich das Gefühl, etwas Angelerntes abzustreifen. Mit jeder toten Haarsträhne, die zu Boden fiel, fiel auch die Erwartung von mir ab, mich einem System anzupassen, das nie für mich geschaffen wurde.

Was mich berührt hat, war zu sehen, welchen Einfluss meine Entscheidung auf andere Familienmitglieder hatte, die mit einem Mal anfingen, ihr Haar ebenfalls natürlich zu tragen. Das ist selbstverständlich nur ein Anfang, denn immerhin gehört mehr zu der eigenen Identität, als einen zum Trend ernannten Afro mit Stolz zu tragen.

Was bis heute zu Spannungen in meiner Familie führt, ist meine Hartnäckigkeit, uns immer wieder mit diesen verinnerlichten [kulturellen] Narrativen zu konfrontieren.

Während eines Familienausflugs nach Namibia kamen wir zusammen, um eine Runde “30 Seconds” zu spielen [ein Brettspiel über Allgemeinwissen], als mein Onkel eine rassistische Bemerkung machte. Die Stimmung des Abends kippte, weil ich das, was er beiläufig gesagt hatte, hinterfragte.

Meine Familie stellte sich hinter ihn und ließ mir keine andere Wahl, als mich aus der Situation zurückzuziehen.

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Dabei müssen wir uns mit der Antihaltung gegenüber Schwarzen innerhalb von Coloured-Gemeinden auseinandersetzen. Warum bestehen wir darauf, eine Hierarchie aufrechtzuerhalten, die uns in keiner Weise von Nutzen ist?

Wenn du eine*n Angehörig*n der Coloured-Gemeinschaft nach der eigenen Herkunft fragst, kann ich dir versichern, dass sie erstmal eine ganze Liste an Ethnien runterrattern – und die der Bantuvölker [ein Sammelbegriff für über 400 verschiedene Ethnien Afrikas] auslassen, weil sie einfach glauben wollen, dass sie Schwarz sind.

Es ist fast so, als würden wir mit aller Kraft versuchen, den “winzigen Teil, der uns Weiß macht”, auszuweiten, indem wir den Anteil unserer Schwarzen Identität auslöschen.

Die unbequeme Wahrheit ist, dass ein englischer Nachname nicht automatisch handfeste wirtschaftliche oder soziale Privilegien mit sich bringt. Menschen, die sich Coloured nennen, sind Schwarz.
Nun findet dieses Jahr am 24. September der “Heritage Day” in Südafrika statt – der Tag, an dem wir unsere eigene Herkunft feiern sollen, indem wir unsere traditionellen Insignien tragen. Wenn du aber keine Ahnung hast, wer du eigentlich bist, wie sollst du dann daran teilhaben können?

All diese Fragen haben mich an diesen Punkt gebracht, an dem ich mir meine Identität selbst aneignen möchte und mich auf die Reise einer DNA-Analyse begebe.

Das ändert wahrscheinlich nichts daran, wer ich bin, aber ich hoffe, dass es mir etwas Frieden über meine Herkunft verschafft und darüber, welchen Raum ich in der Welt einnehme und wie ich mich in ihr zurechtfinde.

Es gibt so viele Wissenslücken, weil ein großer Teil unserer Geschichte ausgelöscht worden ist, sodass wir dazu neigen, vor dieser Debatte zurückzuschrecken. Dabei ist die Frage nach unserer Identität es wert, gestellt zu werden.  

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass alle dies ein Erbe des Kolonialismus ist, aber wir sollten uns für die Vorurteile, die wir mit uns herumtragen und die wir damit fortbestehen lassen, auch selbst zur Rechenschaft ziehen.