Global Citizen ist eine Gemeinschaft, die aus engagierten Menschen wie dir besteht.

Menschen, die etwas über die größten Herausforderungen der Welt lernen und aktiv werden wollen. Leiste deinen Beitrag, um extreme Armut zu beenden.

©Emmanuel Museruka / Oxfam IBIS
OpinionBildung

Bruchrechnung: Warum der Ausbruch des Coronavirus zur weltweiten Bildungskrise werden könnte

Warum das wichtig ist
Die Corona-Krise ist schon lang nicht mehr eine reine Gesundheitskrise, sondern hat Einfluss auf nahezu all unsere Lebensbereiche. Für 91 Prozent der Kinder im Schulalter findet derzeit kein Unterricht in Schulen statt – dies könnte eine enorme Bildungskrise nach sich ziehen. Hier kannst du mit Global Citizen gegen die Coronakrise aktiv werden.

Die Covid-Pandemie im Frühjahr 2020 wird sich uns allen wohl für immer ins Gedächtnis brennen. Diese Wochen, in denen nichts mehr "normal" ist, in denen die Sorgen um die Gesundheit unserer Familien, Freund*innen, Kollegen*innen die Gedanken bestimmen. Wochen, in denen viele Menschen Angst um ihren Job, um ihre Zukunft haben. In denen wir uns mit homeoffice, homeschooling und geschlossenen Kitas plagen. Eine Zeit, die uns als Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt.

Weltweit aktuell 91 Prozent der Kinder nicht in der Schule

Covid-19 hat weltweit nicht nur eine enorme Gesundheitskrise ausgelöst, sondern zieht weite Kreise um sich. Die aktuelle Krise wird bereits erreichte Entwicklungsfortschritte zunichtemachen. Und sie wird wohl eine verheerende Bildungskatastrophe auszulösen: 1,5 Milliarden Schüler*innen und Studierende sind von Schulschließungen betroffen! Über 91 Prozent der Kinder im Schulalter können weltweit derzeit keine Schule besuchen. Schon für uns in Deutschland sind die Herausforderungen mit homeschooling und online-learning riesig. Für Kinder armer Familien in Entwicklungsländern gibt es diese Optionen schlicht nicht. Für sie bedeuten die aktuellen Schulschließungen meist das endgültige Ende ihres Schulwegs. Nur ein Bruchteil der Familien in Entwicklungsländern wird den eigenen Kindern weiterhin Zugang zu Lernressourcen ermöglichen können, Internetzugang und Lernen am Computer sind für die meisten Kinder unerreichbar.

Wie ein Brennglas zeigt die Covid-Krise die Ungleichheiten bei den Bildungschancen auf: Wer über ausreichend Mittel verfügt, kann den eigenen Kindern Kontinuität beim Lernen ermöglichen, die anderen Kinder bleiben auf der Strecke. Für alternative Lernmethoden, die auch den Ärmsten zur Verfügung stehen, etwa über das Radio, fehlt in vielen Entwicklungsländern schlicht das Geld. Viele hundert Millionen Kinder werden den Anschluss verlieren und nie wieder ins Klassenzimmer zurückkehren. Ohne Schulbildung haben sie keine Chance auf eine Ausbildung und damit auf einen Job, dessen Lohn zu einem Leben frei von Armut reicht. Die enorme Bildungskrise wird damit langfristig zur Armutskrise. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf.

Mädchen besonders betroffen

Mädchen treffen die Covid-Krise und die Schulschließungen besonders dramatisch. Dadurch, dass sie zu Hause bleiben, verbringen sie mehr Zeit mit männlichen Verwandten im Haus, in der Folge mehren sich Fälle von sexualisierter Gewalt, frühe Schwangerschaften und frühere Verheiratung. Die Ebola-Krise etwa führte zu einer Verdoppelung der Rate von Teenager-Schwangerschaften, ähnliche Auswirkungen sind auch in der derzeitigen Krise zu befürchten. Zudem übernehmen meist die Mädchen typische Aufgaben der Pflege- und Sorgearbeit im Haushalt, sie kümmern sich um kranke Angehörige, besorgen Wasser und Feuerholz, Kochen und Putzen – an das Lernen in der Krise ist nicht zu denken. Und so bleiben denn auch mehr Mädchen als Jungen nach derartigen Notzeiten dauerhaft der Schule fern. Das bedeutet weniger Zugang zu Informationen, zu Aufklärung, Wissen um die eigenen Rechte und zu gesellschaftlicher Beteiligung. Ein Rückschritt für Geschlechtergerechtigkeit.

Ähnliche Geschichten 24. März 2020 Tränengas an unserer Grenze: Was es mit mir macht

Entwicklungspolitik gefragt

Eine weitere Gefahr für die Bildungschancen der Kinder weltweit zeichnet sich schon jetzt deutlich ab: Die öffentlichen Haushalte der Länder, vor allem auch der Entwicklungsländer, sind dramatisch unter Druck. Die wenigen verfügbaren Mittel werden benötigt, um die Gesundheitsversorgung zu stützen. Investitionen in Schulsysteme werden wohl viele Länder hintenanstellen. Bessere Bildungschancen für alle Kinder rücken damit weiter in die Ferne – und damit eben auch das Ziel, die globale Armut bis 2030 zu halbieren.

Das alles lässt sich leicht ausrechnen. Jetzt ist die deutsche Entwicklungspolitik gefragt. Das Entwicklungsministerium und Minister Müller arbeiten derzeit an einem Maßnahmenpaket zur Covid-19 Pandemie. Dabei muss die Förderung der Bildung einbezogen sein, damit Lernen während und nach der Krise weitergehen kann. Die ausreichende Finanzierung sozialer Grunddienste, d.h. Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung sind mehr denn je geboten. Anderenfalls wird aus der Gesundheitskrise eine Bildungs- und Armutskrise.


Dieser Blogbeitrag wurde zuerst am 9. April 2020 auf Oxfam.de veröffentlicht. Oxfam ist eine globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die mit Überzeugung, Wissen, Erfahrung und vielen Menschen leidenschaftlich für ein Ziel arbeitet: eine gerechte Welt ohne Armut.