London – Als die Taliban im August die Macht übernahmen, hatten viele Frauen womöglich auch ihren letzten Arbeitstag – darunter Friseurinnen, Unternehmerinnen, Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen.

Amena Barakzai, eine Erdkunde- und Literaturlehrerin in Herat im Westen Afghanistans, war in der Schule, als sie hörte, dass die Stadt eingenommen worden war.

Da ihre Schüler*innen gerade Sommerferien hatten, Barakzai aber befürchtete, nie wieder in ihren geliebten Beruf zurückkehren zu können, stellte sie sich noch einmal vor die Tafel und unterrichtete einen leeren Klassenraum. Auf dem obigen Foto ist ihre “letzte Unterrichtsstunde“ zu sehen.

“Ich fing an, mit Tränen in den Augen vor den leeren Stühlen zu unterrichten“, erzählt sie. “Ich wusste, dass ich meine Mädchen in dieser Klasse so schnell nicht wiedersehen würde.“

Unter der letzten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 war es Mädchen und Frauen verboten, zu studieren und zu arbeiten. Obwohl die Taliban kürzlich erklärten, dass Frauen – zumindest in einigen Bereichen – arbeiten dürfen, zweifeln das viele an.

Bis 2015 war ich als Journalistin in Afghanistan tätig. Doch ich musste nach Großbritannien fliehen, nachdem ich Todesdrohungen erhalten hatte, weil ich den Hidschab nicht trug und über kritische Themen berichtete.

Als die Taliban näher rückten, rief ich einige Frauen in Kabul und Herat an und bat sie, mir ein Foto von sich bei der Arbeit sowie einige Worte dazu zu schicken. Hier sind ihre Bilder und Gedanken:

Sahraa Karimi, CEO von Afghan Film, der staatlichen Filmgesellschaft Afghanistans

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“Zurzeit lebe ich in einem sicheren Haus außerhalb von Kabul, da ich um mein Leben fürchte. Als Kabul von den Taliban eingenommen wurde, war ich in einer Bankfiliale. Alle rannten in verschiedene Richtungen, um zu entkommen. 

Am Tag zuvor war ich in meinem Büro bei Afghan Film gewesen. Bahaar bat mich, ein Foto für sie zu machen. Ich schaute mich an dem Ort um, den ich mit Herz und Seele geschaffen hatte.

Ich wusste, dass die Taliban auf dem Vormarsch waren, aber ich hätte nie gedacht, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich mein Büro sehe. Meine Träume und Hoffnungen für die Zukunft der Filmindustrie sind nun zerstört. 

Heute, nach mehreren Tagen der Dunkelheit, bin ich wütend und fühle mich sehr, sehr hoffnungslos. Warum hat uns die Welt verraten? Warum hat sie uns so im Stich gelassen?“

Amena Barakzai, Direktorin einer Mädchenschule in der Provinz Herat

“Ich bin seit 20 Jahren Lehrerin. Im Jahr 2002 kam ich mit meiner Familie nach Afghanistan zurück, um dabei zu helfen, ein neues Land für mein Volk aufzubauen. Seitdem habe ich viele Mädchen und Jungen in Herat unterrichtet und ich habe meine Arbeit geliebt.

Als Herat fiel, war ich in der Schule. Mein Sohn rief mich an und sagte: ‘Mama, ich komme und bringe dich nach Hause. Die Taliban haben die Stadt eingenommen.‘ Das war wie ein Hammerschlag auf meinen Kopf.

Ich war für ein paar Minuten wie gelähmt und dachte: 'Das kann doch nicht so schnell gehen.’ Doch es ist passiert, und die Armee der Finsternis hat meine schöne Stadt und meine Schule eingenommen.

Ich bin jetzt seit einer Woche zu Hause. Die Taliban-Vertreter in Herat sagen, wir sollen zu Hause bleiben, bis sie über unsere künftige Rolle entschieden haben.

Unsere Zukunft liegt in ihren Händen. Doch ich sehe keine Zukunft für meine Mädchen unter ihrem Regime.

Ich war vor vielen Jahren aus dem Land geflohen, als die Taliban an die Macht kamen. Nun könnte ich gezwungen werden, meine Heimat, mein Volk, meine Schule und meine Mädchen erneut zu verlassen, um einer ungewissen, dunklen Zukunft entgegenzusehen.

Ich wünschte, ich wäre bei einem ihrer Selbstmordattentate ums Leben gekommen und wäre nicht hier, um zu erleben, was ich heute erlebe. Meine Schüler*innen weinen, aber ihre Stimmen werden nicht gehört. Ich habe ihnen gesagt, dass die Welt sich von uns abgewandt hat. Man hat uns hier zum Sterben zurückgelassen.“   

Shabnam Popalzi, Journalistin und Moderatorin bei Parliament TV

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“Als die Taliban in Kabul einmarschierten, schrieb ich gerade einen Bericht darüber, dass die Parlamentsabgeordneten im Sommerurlaub waren und nicht auf den Vormarsch der Taliban reagierten.

Es war der dunkelste und längste Tag in meinem Leben. Ich musste alles stehen und liegen lassen und mich beeilen, nach Hause zu kommen. Einige junge Männer auf der Straße machten Witze und sagten: ‘Jetzt werden die Taliban dich und deiner Gleichen kontrollieren.’

Ich habe geweint und bin gerannt. Ich war so verzweifelt und verängstigt, dass ich mich oft verlaufen habe und mein eigenes Zuhause nicht mehr finden konnte. Manche Männer sind froh, dass die Taliban zurückgekehrt sind, denn jetzt können sie uns kontrollieren und mit uns machen, was sie wollen.“

Mujgan Kaveh, Wissenschaftlerin bei einer internationalen Organisation 

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“Ich bin mit meiner Familie in Kabul und warte auf ein Visum, um evakuiert werden zu können. Doch mein Antrag wird nicht bearbeitet und niemand antwortet uns. Es ist mir gelungen, zwei Tage vor dem Fall von Herat zu fliehen, aber auch in Kabul sind wir jetzt nicht mehr sicher.

Ich bin 29 Jahre alt und habe keine Erinnerungen an das Taliban-Regime, nur die Erzählungen meiner Mutter über diese Zeit und wie schrecklich sie war. Ich kann nicht glauben, dass ich 21 Jahre später diese Erinnerungen selbst erlebe.

Ich habe eine sechsjährige Tochter und kann mir nicht vorstellen, welche Zukunft sie in dieser Dunkelheit haben wird. Diese Ängste bringen mich um, und ich gehe jeden Tag in meinen Keller und schreie, bis ich nicht mehr schreien kann.

Ich möchte, dass die Welt mich hört und mir sagt, warum sie meine Tochter und mich hier zum Sterben zurückgelassen hat. Ich habe meinen Job verloren, mein Recht, auszugehen, mein Outfit zu wählen – alles, was ich als freier Mensch tun konnte, kann ich nicht mehr tun.“

Humaira Saqeb, Geschäftsführerin der Afghan Women's News Agency, die am Sonntag geschlossen wurde

“Ich habe mein Leben der Ausbildung und der Stärkung von Frauen gewidmet und ich berichte aus den entlegensten ländlichen Gebieten über ihr Leben.

Mein Team hat sich dafür eingesetzt, die Regierung und die internationale Gemeinschaft für die Rechte der Frauen zur Verantwortung zu ziehen. Wir haben das Leben von Tausenden von Frauen positiv verändert. Doch nun musste ich in Kabul untertauchen.

Mit einem Wimpernschlag wurden mir mein Leben, meine Träume und meine Identität genommen.

Ich erhalte Anrufe von Kolleginnen aus dem ganzen Land, die vor Angst schreien und fragen, warum die Welt sie vergessen hat. Warum ist ihr Leben zerstört worden? Warum reagiert niemand auf ihre Hilferufe? Ich habe darauf keine Antwort.

Ich weiß, dass die Taliban sagen, sie würden die Rechte der Frauen gemäß dem Islam respektieren, aber welche Auslegung ziehen sie heran? Der Islam, den sie präsentieren, erkennt unsere Grundrechte als gleichberechtigte Menschen nicht an. Ich weiß, dass sie lügen.

Sie wollen nur internationale Anerkennung erlangen und dann ihre eigene Agenda umsetzen, die uns und der ganzen Welt wohl bekannt und sehr klar ist.

Ich traue ihnen nicht, und ich sehe in diesem Land keine Zukunft für mich, in der ich gegenüber Männern gleichberechtigt bin, als Feministin, als Verfechterin und Aktivistin für die Rechte von Frauen. 

(In diesem Text wurde am 20. August Details korrigiert, da Sahraa Karimis an dem Tag, als die Taliban Kabul einnahmen, nicht bei der Arbeit war).

(Redaktion: Emma Batha und Tom Finn. Bitte die 'Thomson Reuters Foundation' als Quelle angeben, wenn dieser Artikel zitiert / geteilt wird. Die Thomson Reuters Foundation liefert Beiträge über humanitäre Hilfe, Frauenrechte, Menschenhandel, Klimawandel und vieles mehr auf http://news.trust.org.)

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