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Bildung

88-Jähriger hat nach einem halben Jahrhundert Uni-Abschluss in der Tasche

Donna Flournoy

Wir springen zurück in das Jahr 1960. John F. Kennedy wurde gerade als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Niemand hat von den Beatles gehört – die haben zu der Zeit noch als unbekannte Liverpooler Skiffle-Band, namens „The Quarrymen“, Gitarre spielen gelernt. Donald Trump war ein unbedeutender Schuljunge und das britische Fußballteam hat gerade die Weltmeisterschaft gewonnen.

Horace Sheffield, 88, erinnert sich lebhaft an diese Zeit – vor allem an das Jahr 1960, denn da hat er sein Studium begonnen. Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, hat er sich endlich einen lang gehegten Lebenstraum erfüllt - und seinen Uniabschluss gemacht.

Sheffield stammt aus Barnesville im US-Bundesstaat Georgia und hat als junger Mann fünf Jahre lang an der Shorter University studiert. Dann jedoch hat er sein Studium abgebrochen, um seine Töchter großzuziehen.Damals bedeutete mir ein Uniabschluss an der Wand einfach nicht so viel. Ich hatte meine Grundausbildung, mein Herz und meinen Verstand und ich habe das Beste daraus gemacht. Aber heute, 60 Jahre später, wollte ich endlich diesen Abschluss.", erzählt Sheffield weiter.  

Inzwischen haben seine Töchter schon eigene Töchter. Und viele der Familienmitglieder waren auch bei der diesjährigen Abschlussfeier dabei: seine zwei Kinder, fünf Enkelkinder und die 14- und 15jährigen Urenkel. Er ist so schlau wie ein Fuchs“, sagt die stolze Enkelin Jill Brazier über ihren Großvater, „Und ich übertreibe nicht!“

Sheffield lebt von seiner Rente und hätte sich die in den Staaten üblichen, sehr hohen Universitätskosten niemals leisten können. Dann allerdings las er in der Zeitung, dass die Shorter University ein kostenloses Seniorenstudium anbietet. Er zahlte lediglich eine kleine Gebühr und begann, zu studieren.

Doch so sehr er entschlossen war, seinen Abschluss in Theologie nachzuholen, Sheffield betont, er hätte es niemals ohne Tutorin Amanda Brannock geschafft. Brannock, die Sheffield aus der Kirche kennt, hat ihm sogar ihren Computer und Drucker überlassen, damit er an den Online-Kursen teilnehmen kann.

„Sie hat mir meine Aufgaben aufgeschrieben und mir erklärt, was ich zu tun hatte. Und sie hat von mir ganz klar erwartet, dass ich mich anstrenge“, erzählte Steffield über Brannock. „Sie hat von mir verlangt, dass ich die Zähne zusammenzubeißen und nur Einser schreibe. Und das tat ich. Ich habe zwei Aufsätze pro Woche geschrieben. Ich habe alles handschriftlich gemacht und sie hat es dann in den Computer eingetippt. Ohne sie hätte ich heute kein Diplom.“

Brannock fühlt sich Sheffield, den sie liebevoll als „Sweetheart“ bezeichnet, ebenfalls sehr verbunden. Am Tag der Abschlussfeier betraten beide gemeinsam die Bühne, damit Sheffield sein Diplom entgegen nehmen konnte.

Brannock selbst hat noch keinen Abschluss und dieses mal war es ihr Freund Sheffield, der sie davon überzeugte, einen Abschluss anzustreben. Als Ansporn versprach er ihr, mit ihr auf die Bühne zu gehen, wenn sie ihr Diplom entgegen nehmen wird. 

„Ich habe mit Horace mehr Zeit in den letzten zwei Jahren verbracht, als mit meiner Familie“, sagt Brannock. „Wir haben uns gegenseitig angespornt. Er hat mich dazu inspiriert, weiterzumachen und ich hoffe, das habe ich auch bei ihm getan. Die Abschlussfeier war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Es war einer der schönsten Momente und ich könnte nicht stolzer sein. Nicht mal, wenn es mein eigener Abschluss gewesen wäre“.

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Donna Flournoy

Image: Donna Flournoy

Als Sheffield zusammen mit Brannock die Bühne betrat, um sein Diplom entgegenzunehmen, ging laut Rome News Tribuneein Raunen und ein Applaus durch die Menge und hörte nicht mehr auf“. Eine örtliche Fotografin hat Sheffield an dem Tag sogar ein kostenloses Fotoshooting angeboten, nachdem sie auf Facebook von seiner Geschichte erfuhr.

Es war ein aufregender Tag, allen voran für den triumphierenden Studenten, der es endlich geschafft hat, die „einzige Sache in meinem Leben zu vollenden, die ich bisher noch nicht zu Ende gebracht hatte.“

„Wenn ich es kann, kann es jeder. Du kannst es auch“, erklärt Sheffield sichtlich stolz, mit dem traditionellen, viereckigen Doktorhut auf dem Kopf. Es ist nie zu spät, sich selbst weiterzubilden und Bildung in jedem Alter wertzuschätzen. Man kann es schaffen – und wahrscheinlich sogar, bevor England das nächste Mal Weltmeister wird.